Das bombige Geschäft mit dem Terror

Geschrieben am 23. Juli 2011 von

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Was Deutschland hinter sich zu haben glaubt, steht Norwegen vielleicht noch bevor – Prävention oder was sie zu sein vorgibt

Nur wenige Stunden, nachdem eine Autobombe die Innenstadt von Oslo verwüstet hatte und nur allmählich in die Öffentlichkeit trat, dass auf einer nahe gelegenen Insel, Kinder und Jugendliche Opfer eines Mörders geworden waren, stand bereits fest: „Norwegen ist Zielscheibe für Islamisten“ titelte WELT online noch gestern Abend, dicht gefolgt vom Tagesspiegel. Der zitiert „Kai Hirschmann, stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen“ – er halte „drei Motive für theoretisch möglich, aber nur eines für wahrscheinlich: das islamistische.“

Ein anderer Experte in Sachen Terrorismus, Adriano Sofri, schreibt heute Morgen in La Repubblica online „Petrolio, natura e polizia disarmata s’infrange il sogno del paese felice“ (Erdöl, Natur und unbewaffnete Polizei, der Traum einen glücklichen Landes zerplatzt). Sofri war als Mitbegründer und Anführer von Lotta Continua (Fortwährender Kampf) ein Protagonist der bleiernen Jahre Italiens gewesen.

Zwischen 1968 und 1974 gab es in Italien 140 Attentate, davon alleine am 12. Dezember 1969 fünf in Mailand und Rom; eine der Bomben zündete nicht. Die Häufigkeit und Ungezieltheit der Gewalt war derart, dass seitdem über Terrorismus auch unter dem Gesichtspunkt der „strategia della tensione“ diskutiert wird – der italienische Staat selbst habe in der einen oder anderen Weise an den Massakern teilgenommen, um eine Rechtfertigung für sein Konzept von Law & Order zu erhalten. Sofri wurde als angeblicher Auftraggeber eines Mordes an einem Polizisten zu 22 Jahren Haft verurteilt.

Eine staatliche Strategie wird seit 9/11 auch für den Beginn des Feldzuges gegen den Islamismus verantwortlich gemacht. Neben einigen (wenigen) harten Fakten vor allem Spekulationen, die sich nicht in einem objektiven Ergebnis bündeln, sondern stets Raum für neue Schlussfolgerungen und Konstrukte lassen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die offiziellen Untersuchungen selbst nicht hinreichend schlüssig sind und ihnen das Odium der Manipulation anhaftet. Das ist für WTC7 nicht anders als für eine zeitgeschichtliche Periode Italiens. Was bleibt, ist ein Gefühl der Unsicherheit. Es wird befördert von Schlagzeilen wie die eingangs zitierten, die keine 12 Stunden später von Tatsachen widerlegt werden. Was soll man davon halten?

Adriano Sofri zitiert einen norwegischen Polizeibeamten vor dem Attentat mit den Worten: „Wir sind unbewaffnet, und ich hoffe, dass sie uns nie zwingen werden, uns zu bewaffnen.“ Und zeichnet das Sittenbild,  dass es „keine Befangenheit gegenüber Autoritäten gibt, ein Norweger würde sich lächerlich machen, würde er zu einem anderen sagen: ‘Passen Sie bloß auf, Sie wissen nicht, wer ich bin‘“. Das ist meilenweit entfernt von einem Italien, wo derartige Phrasen gerade ihre Wiedergeburt feiern. Oder einem Deutschland, da Gefahrenprävention eine Sicherheit in der Zukunft  vorgaukelt, die ohnehin nicht geleistet werden kann, sich aber trefflich eignet, ein eigenes Sicherheitskonzept mit vorgreifenden Tatbeständen im hier und jetzt zu verankern.

Denn nachdem der Islamismus als Urheber der Bluttat in Norwegen ausscheidet, wird die Piste eines anderen Extremismus verfolgt werden. Und dafür unweigerlich die üblichen Verdächtigen präsentiert werden: Das Internet, aus dem Baupläne herunter geladen wurden, die Lückenhaftigkeit des Polizeiapparates, der die Tat nicht verhindern konnte, das Konzept der weitgehenden Gewaltlosigkeit selbst, das derartigen Taten nicht gewachsen sei. In der Auswirkung geben sich die Extremismen nichts, sie befördern die staatlichen Hardliner und ihre publizistischen Helfer. Auch das ist eine Strategie.

Die Grundentscheidung, ob und inwieweit wir bereit sind, dafür Autoritarismus in Kauf zu nehmen, nimmt sie uns nicht ab. Er ist unabhängig von der Couleur und betrifft jeden. Zu hoffen bleibt, dass das auch in Norwegen so gesehen wird. „Der Respekt vor dem Gesetz des Staates bleibt solange aufrechterhalten, wie seine Bewohner die Moral des Staates teilen“, schreibt Sofri. Genau. e2m

[Eine ausführliche Würdigung der Nachrichtenlage in deutschen Medien finden Sie bei Jacob Jung unter "Im Zweifel war's ein Islamist" bei der Freitag online]

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