Rad ab, Hut ab, Ken ab

Posted on 10. November 2011 von

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Die Selbstdemontage des leidlich begabten Komödianten Ken Jebsen

Wer meint, Humor sei der deutschen Publizistik fremd, der hat sich getäuscht. Einige der humorigsten Quellen der Heiterkeit haben sich in den letzten Tagen darin überboten, als Preisträger der Stecknadel des tierisch(st)en Ernstes zu konkurrieren. Und das immer ganz in der Frühe. Dabei heißt keiner von ihnen Ernst.

Der eine nennt sich Ken Jebsen, 45, jung geblieben und deswegen seit über 10 Jahren Moderator einer Sendung, die  in der Jugendsparte „Fritz“ im öffentlich-rechtlichen Sender RBB Platz gefunden hat („KenFM“). Irgendwann schrieb Ken eine Epistel an einen seiner Zuhörer und versprühte dabei das ko(s)mische Selbstbewusstsein, Besser zu wissen. Über alles. O-Ton (bestätigt von RBB- Sprecher Volker Schreck):

„wie gesagt es ist völlig sinnlos sich mit ihnen zu unterhalten. das ist wie wenn ich versuche jehovas zeugen oder scientonlogie mitglieder zu überzeugen. sie sind unfähig aus ihrem käfig zu treten.“

Nur um dann eine Suada von 3.852 Zeichen folgen zu lassen. Was als Service-Leistung gegenüber dem gebührenzahlenden Publikum zwar nicht zu unterschätzen ist und sicher Fleiß-Punkte brächte, wenn da nicht dieser Gestus wäre, der den Rang auszeichnet: Gegenüber einer „Unbelehrbarkeit“, gegenüber einem „Käfig“ und gegenüber der Zielgruppe im unmittelbar darauf folgenden Satz, wieder O-Ton:

„was ist das grösste problem der juden? ihre führer.“

Zwei als solche (an)erkannte Sekten und die älteste monotheistische Religion in einem Atemzug: Wenn das nicht irre lustig ist. Aber Spaß muss bekanntlich sein.

Was den anderen großen Komiker deutscher Zunge auf den Plan gerufen hat, den Besten aller Achse-des-Guten Henryk M. Broder. Egal, woher es kam und ob der Autor seine Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben hatte, produzierte der gelegentlich Pali-Tuch tragende und Volvo steuernde Spontifex Maximus aller Rest-68er die Mitteilung von unserem Ken als Blog mit den Worten:

„Ein solches Meisterwerk fällt einem nicht jeden Tag vor die Füße.“

Die Inszenierung

Das war am 6. November 2011 um 04:35 Uhr. Postwendend, nämlich um 04:52 Uhr(*) Später vermeldete KenFM  auf Facebook:

„DIESE SENDUNG WURDE VOR WENIGEN MINUTEN AUFGRUND POLITISCHER DISKREPANZEN VON OBEN ABGESCHALTET. GRUND: WIR SIND ZU POLITISCH!!“

Auf derselben Seite, am gleichen Tag, um 13:03 Uhr verteidigte sich Ken, er sei kein Antisemit und verlinkte dabei auf eine Tonaufnahme bei YouTube. Broder habe, so der Stakkato-Moderator im nicht gewohnten ruhigen Tonfall, eine Mail an den RBB geschickt und ihn als Irren und Antisemiten bezeichnet. Von „zu politisch“  der Drall hin zum unterstellten „Antisemitismus“, wenn das nicht etwas „Neues aus der Anstalt“ ist?!

Für eine Sendung, die von 14:00 bis 18:00 Uhr geht, sonntags, also auch an diesem 6. November 2011hätte gehen sollen. Was uns den bewundernden Ruf abnötigt: Gebenedeit seien alle Zeitstempel – Deutschlands Komiker sind nicht nur lustig, sondern auch noch extrem fleißig und lesen sich. schon in aller Herrgotts Frühe gegen alle Regeln der Sonntagsruhe.(*) Immer. Schnell. Gegenseitig. Running Gags eben.

Und da das so ist, konnte die Claque nicht fehlen. TAZ am Montagvormittag:

Zuvor hatte der Publizist Henryk M. Broder sich nach Aussage von Jebsen an den Sender gewandt, den Moderator als Antisemiten bezeichnet und die Absetzung der Sendung gefordert.

Stellvertretend für die Blogosphäre Jacob Jung (der sich schon am 6. November 2011 richtig rangeschmissen hatte: „Hey Ken, bei Bedarf stelle ich Dir auf meinem Blog gerne Platz für eine Gegendarstellung zur Verfügung.“) Dienstagmittag:

„Der RBB tanzt nach Broders Pfeife“

Nicht ohne zu versichern: „Ich kenne Ken Jebsens nicht, geschweige denn, dass ich mit ihm befreundet bin.

Weil aber in der Zwischenzeit die Theaterregie, pardon: RBB programmatische Entwarnung gegeben hatte (und zwar schon in der Nacht von Sonntag auf Montag um 03:42 Uhr)

„Gegen Ken Jebsen werden im Netz derzeit schwere Vorwürfe erhoben. Wir müssen uns in die Lage versetzen, unmissverständlich darzustellen, dass die Vorwürfe haltlos sind“

war die Kulisse verfrüht. Nach „Broders Pfeife tanzen“ liest sich anders. Und, wie im Wortlaut schon vorweg genommen, die pünktliche Bestätigung am Dienstagmorgen 09:13 Uhr:

„Ab Sonntag wieder live“

Was den Lesern und Hörern geboten worden ist, ist also eine Commedia delle Maschere vom Feinsten. Die Inszenierung offiziell zu nachtschlafener Zeit in Vollzug gesetzt, bleiben die Vorbereitungen naturgemäß im Ungefähren und hinter den Kulissen.

Hinter dem Bühnenbild

Denn natürlich hatte Broder zuvor den RBB kontaktiert gehabt: Dafür spricht nicht nur(*) sein halbes Dementi, „die Absetzung der Sendung gefordert“ zu haben – den Sender vorab über seine Veröffentlichung zumindest informiert zu haben, entspricht immerhin journalistischem Brauch. Dafür spricht vielmehr, dass KenFM mitten in der Nacht, innerhalb von 17 Minuten, auf den Blog von Broder reagierte. In diesem Zeitraum hätte also jemand bei RBB Kenntnis von der Veröffentlichung Broders Kenntnis erlangt (rein zufällig natürlich), die Schwere der Vorwürfe erwogen, eine Entscheidungssitzung einberufen, die Entscheidung getroffen, sie KenFM mitgeteilt und diese dann in eine Facebook-Meldung umgesetzt haben. Komödie ja, aber Science-Fiction mit Aufhebung von Zeit und Raum nein. Wie steht es also mit „für dumm verkaufen“?(*)

Es kann kaum Zweifeln unterliegen, dass die Entscheidung, KenFM am 6. November nicht zu senden, bereits weit vor der nächtlichen(*) Veröffentlichung der Nachricht samt Ausrufezeichen auf Facebook gefallen war. Genauso wenig, wie es fraglich sein kann, dass darüber die FM-Redaktion zeitig genug informiert war, um ihre Vorkehrungen zu treffen. Und die hieß, Jebsens Elukubrationen und die darin zum Ausdruck kommenden Phantastereien aus der Aufmerksamkeit verschwinden zu lassen, indem der Spieß umgedreht wird: Durch die blanke Erfindung, Broder habe die Absetzung der Sendung gefordert, wurde die vermeintliche Ingerenz eines Publizisten in die Programmabläufe eines öffentlich-rechtlichen Senders als Thema aufgebaut. Und weil die angeblich von solcher Ingerenz betroffene Sendung samt Moderator sich einer gewissen Beliebtheit erfreuen, konnte der Wechsel im Focus hin zur reinen Machtfrage schadlos vollzogen werden.

Das alles wäre Grund für Heiterkeit und wie im normalen (Medien-)Leben: Einen in die Jahre gekommenen Publizisten auflaufen lassen und ihm auf dessen ureigenen Terrain der Machtentfaltung via Veröffentlichung Grenzen aufzeigen. Für jemanden, der wie Ken Jebsen zumindest eine logische Schrecksekunde lang  um seinen Job gebangt haben wird, eine durchaus legitimierende Herausforderung – so dilettantisch und sozusagen im Vorbeigehen wischt kein Hendryk M. Boder einen langjährigen Moderator beiseite.

Wäre da nicht der degoutante Epilog, der in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fällt und aus dem Stück das macht, was es von Anfang an war – eines der Arroganz.

Ein Epilog, der den Anfang markiert

Denn mit der Kleinigkeit „Ken Jebsen antwortet Broder“ lieferte der nicht völlig  unbekannte Blogger Alf Frommer aka Siegstyle eine Persiflage ab, die von Jebsen (ebenfalls postwendend) gewogen und für verbotswürdig befunden wurde. Die karikierende fiktive Mail („seh gehrte herr broder,  wegen inen wurde am sonnatg meine Sendung kenfm auf radio friz abgesetzt…“) veröffentlichte er zunächst im Blog „Synthie und Roma“ auf den Seiten von jetzt.sueddeutsche.de (Werbeslogan: „Erzähl deine Geschichte auf der jungen Webseite der Süddeutschen Zeitung“), wenig später auf der Blogseite der Wochenzeitung der Freitag.

Eigenem Bekunden zufolge wurde Frommer nun von Jebsen via anwaltschaftlicher Vertretung angegangen. Die Details sind nicht bekannt. Der Tenor der Anwältin und die möglicherweise in Aussicht gestellten Kosten („Nicht, dass sie gleich wieder für 250 Euro zum Hörer greifen“) haben den Blogger jedenfalls veranlasst, so seine Worte: „Aufgrund meiner langjährigen Verbundenheit zur Redaktion von jetzt.de habe ich den Text “freiwillig” gelöscht.“

Wir wissen natürlich nicht, was Ken Jebsen an dem Schrieb von Fromme genau monieren ließ. Genauso wenig wie wir wissen, ob und mit welchen Inhalt Jebsen sich gegebenenfalls juristisch gegen die Vorwürfe Broders (wir erinnern uns: Irre, Antisemit) zur Wehr gesetzt haben könnte. Vielleicht hat er es schon getan. Vielleicht tut er es auch nicht, weil sonst die Frage wieder sperrig im Raum stünde, was zum Kuckuck eigentlich einem Moderator einfällt, eine ganz und gar nicht satirische Nachricht an einen Zuhörer zu versenden, die nur als Endprodukt einer überhitzten Phantasie bezeichnet werden kann.

Wir wissen nur eines mit Sicherheit: Gegen einen an sich unbedeutenden Blogger hat Jebsen die subalternen Dienste juristischer Hilfskräfte in Anspruch genommen, um das zu demonstrieren, was er selbst anprangert. An seinen Zuhörer, mit dem der offizielle Teil des Bückstücks begonnen wurde, wiederholt er zwei Mal sein Weltbild:

„es geht um die grosse sache derer die ganz oben uns alle wie marionetten tanzen lassen.“ „ganz oben gibt es keine moral. und der einzelne spielt keine rolle.“

Nach dem unterhaltsamen Maskenspiel, zu dem alle getanzt haben, nun die Moral, die bei jedem von „denen ganz oben“ sakrosankt lautet: Noli me tangere. Eine Pose, der sich nicht nur in den Sendungen von KenFM alle 7 Tage wiederholt, sondern erst recht im Ursprung der Angelegenheit liegt.

Denn jener Zuhörer, um den es letztlich geht, hatte einen redaktionellen Beitrag von Ken Jebsen, auf YouTube veröffentlicht, kritisiert, seine Kritiken wurden aber kurzerhand von dem Moderator gelöscht. Hieraus entwickelte sich ein Schriftwechsel per privater Nachrichten (PN), dessen Schlusspunkt die zitierte Nachricht war. Der redaktionelle Beitrag, ursprünglich unter http://www.youtube.com/watch?v=qLpkUs5mJto eingestellt, ist heute nur noch „restricted“ abrufbar.

Nur ein Vorhang

In der Quintessenz lautet der Epilog: Alles, was in irgendeiner Weise in der Reichweite des Moderators von KenFM lag und ihm zum Nachteil hätte gereichen können, ist auf seine Einwirkung hin verschwunden. Wie auch erhebliche Teile der Kritik auf dessen Facebook-Präsenz oder seiner Unterstützerseite; die verblieben sind, dürfen sich ohne weiteres als „Schwachmaten“ ansprechen lassen. Das ist das Gegenteil jener Pluralität, die Jebsen für sich selbst einfordert und sich für die eigene Praxis zum Gegenteil pervertiert hat. Es steht symbolisch für das, was man bereit ist, auszuhalten und damit für einen Maßstab. Auch hinsichtlich der eigenen Hinterfragung.

Der Tunnelblick, der sich unweigerlich nach 10-jähriger Tätigkeit einstellt, ist natürlich ein Jedermann-Problem. Es lässt sich für die Vergangenheit öffentlich-rechtlicher Sender festmachen etwa an Personen wie Karl-Eduard von Schnitzler oder Gerhard Löwenthal. Es ist aber erst recht eines für einen Sender, der diesen beschränkten Horizont  in einem Jugendkontext „Fritz“ platziert, der ansonsten mit heischenden Titeln aufwartet wie: „Radio Fritz hat von Euch geträumt …“ oder „Radio Fritz ist gegen die Trennung von schwulen Pinguinen. Ihr auch, dann ruft an und sagt uns warum: 0331 70 97 110!

Oder, um es mit den nun geflügelten Worten zu formulieren: Wissen Sie, was das größte Problem der Fans von KenFM ist? Ihr Führer.

Vorhang. e2m

 

 [Editiert, 11.11.2011, 12:00 Uhr – Aufmerksam gemacht von zwei Zusendungen, habe ich festgestellt, dass mir die Zeitstempel bei Facebook unterschiedlich angezeigt werden, je nachdem ob auf der Plattform eingeloggt oder nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei um die Unterschiede bei Zeitangabe der Systemzeit von Facebook (ausgeloggt, dabei möglicherweise CST) und die des geographischen Ortes der jeweiligen Wall (eingeloggt, im Fall von KenFM also UTC +1) handelt. Auch konnte ich feststellen, dass es eine Reihe von Scripts gibt, die es dem Facebook-User gegebenenfalls erlauben, Einfluss auf das Anzeigeverhalten der eigenen Timestamps zu nehmen.

Die Zeitangaben im Artikel, soweit sie sich auf Facebook beziehen, erfolgten bei Einsichtnahme im ausgeloggten Zustand. Sie unterscheiden sich demnach wesentlich von denen, die nach Betreten der Plattform angezeigt werden. Meine Ausführungen sind daher insoweit objektiv falsch weil nicht verifiziert und für mich nicht verifizierbar. e2m]

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