Protokollfragen

Geschrieben am 26. Januar 2012 von

0


Protokoll – das Wort allein gelesen hat bereits etwas von G‘schamster Diener, Küss die Hand und Baba. Natürlich in entsprechender Robe nebst Auszeichnungen im Knopfloch, auf Brustspange, gelegentlich als Krönchen im Toupierten. Wir haben uns derart an dieses Defilee gewöhnt, dass der Wiener Opernball endlich zu dem geworden ist, was er schon immer verdient hat: In Sachsen zum siebten Mal kopiert zu werden. Wer wollte da dem diesjährigen Motto „Dresden darf das“ widersprechen. Und wie um das untermalen erschien der in Wien in Ungnade gefallene Bauunternehmer Richard Lugner. Was prompt die SuperIllu zur Schlagzeile verleitete: „Ätsch Wien: Mörtel feiert in Dresden“. In Österreich von nicht wenigen mit einem süffisanten „kaum hamses neu aufbaut, reissens schon wieder ein“ quittiert.

Dabei sind die Missverständnisse nicht einmal sprachlicher Natur. Zwischen Flensburg und Neusiedler See wird, von einigen Ausreißern abgesehen, ein recht ähnliches Idiom gesprochen. Bevor mich der Bannstrahl der Bayern im Angesicht der Friesen, der Ösis gegenüber den Piefkes oder der Berliner gegen den Rest der Welt trifft, trete ich den Beweis an: Sachsen haben sich als Personal sogar in Südtiroler Berghütten durchgesetzt – eine Erfolgsgeschichte nie für möglich gehaltener Integration.

Die Missverständnisse entstehen da, wo es um das ganz Grundsätzliche geht: Wo ein roter Teppich ausgerollt wird, hat die Musik zu spielen! Das war schon in Versailles anno 1871 so, und überhaupt. Das ist die deutsche Sichtweise. Die österreichische ist eine andere: Musik wird gemacht, von Mozart über Falco bis Austria3, das Ganze auch noch per Sondersendung landesweit und live ausgestrahlt. Aber mit dem durchaus gewollten Effekt von den Orten abzulenken, wo sich’s wirklich spielt. Im Kaffeesiederball etwa oder bei dem der Jäger. Das ist die feine Nuancierung zwischen Adabeis und denen, die dazu gehören.

In die Denkfalle, so war kürzlich zu lesen, ist auch der Ausrichter einer Party im deutschen Nord-Süd-Dialog getappt. Dabei wäre es so einfach gewesen, in der Semperoper eine Loge für den Präsidenten und unauffällig drum herum solche für die Entourage zu reservieren, alles auf spezielle Einladung des Hauses. Denn da, wo viel Scheinwerferlicht ist, so praktizieren es unsere Nachbarn, gibt es immer genug verschwiegene Ecken.

Von derartiger Nonchalance sind wir noch meilenweit entfernt. Denn hierzulande ist Protokoll immer noch das, was es zu sein hat: Offiziell, besser noch amtlich, mit Brief und Siegel. Und obwohl es ein solches für den deutschen Staat erst gar nicht gibt, wird allein aus seiner Übung eine Rangordnung der Ämter gefolgert. Das hat Norbert Lammert sehr selbstbewusst in Anspruch genommen und firmiert seitdem als „Zweiter Mann im Staat“. Österreich hat „Wir sind Kaiser“.

Oder anders ausgedrückt: Wer zu deutscher Zunge etwas werden will, hält sich an Protokolle; wer etwas ist, tanzt in Wien. e2m

About these ads
Mit Tag(s) versehen: , ,
Posted in: Gedanken