Homöopathie und Ich I – Vorspiel

Posted on 7. Februar 2012 von

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[Alle Texte der Serie werden hier, der Reihe nach, gesammelt veröffentlicht, damit man sie gesammelt lesen kann.]

Prolog

In dieser Serie möchte ich eine kleine Reise machen, die dem Leser die Möglichkeit bietet, nachzuvollziehen, warum mich das Thema Homöopathie beschäftigt. Wir beginnen im Wurzelchakra und werden im Kronenchakra ankommen, wobei es im Laufe der Reise immer anstrengender werden wird, mir zu folgen.

Anfang

Es war kurz vor Weihnachten und draußen dunkel. Wir, das waren meine Geschwister und ich, hatten ein Problem. In unserem Zimmer lagen wir unter dicken Decken und berieten darüber, ob der Weihnachtsmann den Unsinn gesehen haben mochte, den wir gerade gemacht hatten. Ich war gerade in der Schule, meine Geschwister kleiner als ich. Von Oma wussten wir, der Weihnachtsmann sieht alles. Heiligabend zeigte sich, der Weihnachtsmann hat entweder schlechte Augen oder ein schlechtes Gedächtnis. An Ostern des folgenden Jahres erfuhr ich, dass es ihn nicht gibt, als ich meine Eltern beim Eier färben erwischte.

Als Katholik in der Diaspora hat man den Vorteil in einem sehr kleinen Klassenverband die Geschichte der Entstehung der Welt beigebracht zu bekommen. Sechs Tage hatte Gott gebraucht für diesen hübschen Planeten, so las es uns der Lehrer vor. Von meinem Vater wußte ich jedoch und das teilte ich dem Lehrer mit, die Erde ist ca. 3,5mrd Jahre alt und in einem Urknall entstanden. Ich war 8. Das sei wohl richtig, sagte der Lehrer, aber irgendwer musste die Explosion und alles was danach gekommen war doch kontrolliert und gelenkt haben. Gott war also, anders als der Weihnachtsmann, vorerst noch nicht aus dem Rennen.

In den Urlaub fuhren wir meist in die nähere Umgebung, denn Gott hatte viele Kinder und wenig Geld für meine Eltern vorgesehen. Und so waren wir mit Freunden und deren Familie auf Neuwerk, wo ich mich während eines Spaziergangs mit einem von ihnen über den Tod und das danach kommt unterhielt. An Gott und den Himmel, so mein erwachsener Gesprächspartner, glaube er nicht, an ein “Danach” aber schon. Mit dem Leben sei es wie mit einem Streichholz: Wenn man das ausblase sei die Energie ja auch nicht weg, sondern nur verteilt. Die Aussage ist auch erst mal schlüssig, wenn man seine erste Dekade hinter sich gebracht hat. Gott war allerdings gerade dabei, mit dem Weihnachtsmann einen Club der ehemaligen, imaginären Freunde zu gründen.

Diverse Zeltlager, Teestuben, Chorproben, Messen und eine Firmung später sprachen wir im Biologieunterricht über Speichel und dessen Eigenschaften. Mein Beitrag, Speichel sei desinfizierend, so befand der Lehrer, sei falsch. Damals war ich natürlich enttäuscht. Zum einen darüber, eine falsche Antwort gegeben zu haben. Zum anderen darüber, dieses Wissen von meinem Vater bekommen zu haben. Speichel ist, so weiß ich heute, antibakteriell, was etwas anderes bedeutet als desinfizierend. Mein Biolehrer hatte also faktisch Recht, didaktisch eher nicht.

Bei uns zu Hause galten Ärzte nicht viel. Das waren alles Quacksalber, zu denen ging man nur, wenn es gar nicht anders ging. Anders war das mit Heilpraktikern, die hatten einen guten Ruf. Bis heute ruft der Begriff “Heilpraktiker” bei mir ein wohliges Gefühl hervor, eine Art Schnurren im Limbischen System, wenn es auch mittlerweile von einem Schauer begleitet wird. Ich war übrigens nicht geimpft, gegen Masern und Windpocken, sondern genoss eine natürliche Feiung und das war auch nicht schlimm, denn Krankheiten selbst durchzumachen, ist schließlich gesund. Gut fürs Immunsystem und so.

Mit dieser Meinung (und mehr ist es nicht) begann ich meine Pflegeausbildung, wo mich meine MitschülerInnen in dem Glauben bestärkten. Impfen habe ich mich trotzdem lassen, Hepatitis B erschien mir letztendlich doch eine Nummer zu groß für mein Immunsystem. Ich erinnere mich außerdem an eine Unterrichtsstunde, in der ich gegenüber dem Lehrer, der uns Naturwissenschaften beibringen sollte (und einen guten Job machte) die Meinung vertrat, wenn man etwas nicht testen (oder messen) könne, hieße das noch lange nicht, dass es das nicht gäbe. Es ging, heute schäme ich mich ein wenig dafür, um Wünschelruten und Wasseradern.

Während meiner Ausbildung hörte ich zum ersten Mal von der Craniosakraltherapie und eine Schwester, die sich damit auskannte, hatte ein hervorragendes Händchen bei der Pflege von Säuglingen. Die waren immer ruhig und entspannt bei ihr. Vom Konzept der sich bewegenden Schädelknochen erfuhr ich erst gegen Ende der Ausbildung und ich hinterfragte es nicht, da mir die Dame, die mir davon erzählte, geholfen hatte. Allerdings hat sie meinen Kopf nicht berührt sondern mir Dehnübungen gezeigt. Die Mutter einer Freundin gab mir für eine Sportverletzung, einer Überlastung bei zuviel Training, Globuli. Auf meine Frage, wie die denn helfen würden, sagte sie, die könnten vielleicht Einfluss auf den Stoffwechsel der betroffenen Zellen haben. Na dann! Das hörte sich irgendwie schlüssig an.

In meinem Studium lernte ich in den ersten beiden Semestern vor allem etwas darüber, wie es in unseren Zellen so abläuft. Membranen, Moleküle, Wechselwirkungen, Regelkreise, DNA. So Kram eben. Es war ein solides Fundament für alles, was danach kommen sollte. Als ich zwei Semester später in einem Wahlpflichtkurs saß, in dem Ähnliches behandelt wurde wie in den ersten zwei Semestern, wurde dort an einigen Stellen schon etwas anderes gelehrt, als ich es noch in der Klausur vor einem Jahr hatte beantworten müssen.

All das soll zeigen, dass ich weiß, wie es ist, sich zu irren. Ich weiß, wie es ist und es macht mir nichts aus, mich zu irren. Mich zu irren ist immer auch die Chance, etwas Neues zu lernen.

Irgendwann sah ich einen Aushang in der Uni, der eine Homöopathie-AG für Studenten anbot. Das fand ich interessant, denn Pflanzenheilkunde war mir von Haus aus sympathischer als Pillen. Die AG kam nicht zustande und so blieb mein Wissen über Homöopathie weiterhin nebelig und andere Dinge waren interessanter und vor allem drängender. Prüfungen unter anderem.

Und dann kam dieser Artikel online, im Januar letzten Jahres, in dem tatsächlich jemand behauptete, es gäbe kein HIV und AIDS sei hervorgerufen von den Medikamenten gegen HIV. Und überhaupt, Viren die krank machen, gäbe es sowieso nicht. Heilpraktiker war der Autor und klassischer Homöopath. Aha. Was auch immer das heißen sollte. Mein Limbisches System brummte leise vor sich hin, doch mein Kortex begann zu rebellieren.

Im nächsten Blog stellte der Autor dann seine Profession vor: Die Homöopathie. Ich las den Text und fand die Aussagen nicht sehr schlüssig, war jedoch noch der Meinung, der Autor habe wahrscheinlich von Homöopathie so wenig Ahnung wie von Viren. Aus der Motivation heraus, ihn ein wenig zu ärgern, ging ich ins Netz und die Bibliothek und las mir Wissen zur Homöopathie an. Und tauchte damit in eine Welt ein, deren Existenz ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Zuerst einmal erfuhr ich jedoch: Homöopathie ist gar keine Pflanzenheilkunde, Homöopathie ist esoterischer Unsinn. Ich hatte mich geirrt. Mal wieder. Und im nächsten Teil wird es um das Ausmaß dieses Irrtums gehen.

Zu Teil 2

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