Homöopathie und Ich III – Ketzer und Apostel

Posted on 11. Februar 2012 von

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[Alle Texte der Serie werden hier, der Reihe nach, gesammelt veröffentlicht, damit man sie gesammelt lesen kann.]

Im 1. und 2. Teil ging es um meine ganz persönliche Entdeckungsreise und was ich auf dieser über Homöopathie gelernt habe. Nun geht es noch einen Schritt weiter. Oder zwei.

Während der Recherche zu Studien, die aussagten, Homöopathie wirke in der einen oder anderen Form (auf Menschen, Zellen, Mäuse, Ratten, Pflanzen, Eiskristalle), präsentiert während Diskussionen,  bin ich irgendwann auf die Seiten von Science Based Medicine (SBM) gestoßen. Das liegt auch daran, dass es im deutschsprachigen Netz weniger Menschen gibt, die sich in der Intensität (kritisch) mit dem Thema auseinandersetzen.

Bei diesen Recherchen hatte ich viel Freude daran, mich intensiv mit einer Studie auseinanderzusetzen um sie am Ende zu knacken. Ich erfuhr von so vielen Arten, auf die man Studien manipulieren kann. Einige ziemlich einfach, andere schwer zu erkennen, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss. Und fast allen Tricks bin ich in Studien zur Homöopathie begegnet. Vermutlich haben sich die Durchführenden das bei den Großen der Branche abgeschaut, Big Pharma und Big Water Hand in Hand.

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich mit dem Titel der Seite beschäftigt habe. Wie ich dann erfuhr, ist dieser bewusst gewählt, um sich von Evidence Based Medicine (EBM) abzugrenzen. In der EBM wird versucht, im Rahmen von Behandlungen, patientenorientierte Entscheidungen nach Möglichkeit auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit zu treffen. Um diese Wirksamkeit nachzuweisen werden klinische Studien durchgeführt. Die Autoren des Blogs sind der Meinung, die Kritierien von EBM reichten nicht aus, um von der bestmögliche Behandlung für Menschen zu erfahren. Denn wenn ein Verfahren nicht in einer Doppelt-Verblindeten-Randomisierten Studie, der höchsten Evidenzstufe, bestehen kann, geht man einfach ein oder zwei Evidenzklassen herunter und designed sich eine passende Studie.

Dabei wurde mir vor Augen geführt, dass ein Verfahren, welches nicht schadet (wie die Homöopathie), mindestens so gut ist wie eine Behandlung mit Placebo. Es bedarf somit nur einiger kleiner Veränderungen am Studiendesign und schon sieht die getestete Behandlung besser aus als Placebo. In einer Studie, die untersuchte, ob Homöopathie gegen Durchfall hilft, kann es zum Beispiel ‘passieren’, dass die Älteren und schwereren Kinder in die Homöopathiegruppe kommen. Die erholen sich schneller und schon empfiehlt die Carstens-Stiftung Homöopathie bei lebensgefährlichem Durchfall.

Die Autoren von SBM gehen soweit, alle Behandlungen aus der Medizin ausschließen zu wollen, deren Prinzipien fundamentalen Naturgesetzen widersprechen. Gesundbeten zum Beispiel. Aber eben auch Homöopathie. Das homöopathische Simile-Prinzip ist ein mystisches Konzept, kein wissenschaftliches. Die Entstehung der Arzneimittelbilder, auf denen das Simile-Prinzip aufbaut, kann man, aus wissenschaftlicher Perspektive, durchaus als willkürlichen Prozess bezeichnen. Das Konzept der Potenzen ergibt, Quantenphysik hin oder her, keinen Sinn. Es ist, nach aktuellem Wissensstand nicht einmal möglich.

Da sich Homöopathie in Studien nicht bewährt hat, sprechen Homöopathen mittlerweile von der “Alltagswirksamkeit” der Homöopathie. In den USA beschreiten Alternativmedizinanbieter einen anderen Weg, dort wird davon gesprochen, die Effekte des “mächtigen Placebos” zu nutzen.

Die Alltagswirksamkeit des Betens habe ich mit 14 Jahren selbst erfahren dürfen. Mein Großvater war im Krankenhaus, um eine Bypassoperation zu bekommen, und meine Großmutter hat gesagt, wir sollten für ihn beten. Ob die anderen gebetet haben weiß ich nicht, ich tat es nicht und so starb er auf dem OP-Tisch.

Bisher habe ich immer sehr viel Glück gehabt, wenn es um meine Gesundheit ging, so wie der Rest meiner Familie im Großen und Ganzen. Krankheit, vor allem schwere Krankheit, kenne ich vor allem von außen. Nachdem ich versucht (!) habe, mich in die Position derer zu versetzen, die mehr Pech hatten als ich, kann ich gut verstehen, warum man nach jedem Strohhalm greift, den man finden kann. Nicht zuletzt die Geschichten der drei lebensgefährlich erkrankten Mädchen, deren Eltern Geld für eine wirkungslose und gefährliche Krebstherapie bei Stanislaw Burzynski suchen, führten mir das vor Augen.

“I’m not pro doctor Burzynski but he is the only hope we have.  A life with no hope isn’t a life.  And we’re doing everything we can to save Supatra’s life.  I understand why his treatment is controversial to the mainstream doctors but every cancer treatment has its own controversies.  Chemotherapy and radiotherapy are known for bad long term side effects, so why aren’t the mainstream doctors being more open minded and try to understand the ANP treatment and learn from it?”
Supatras Mutter am 4.2.12

Doch zurück zur nebenwirkungsfreien Homöopathie.

Die Aussage, homöopathische Mittelchen wirkten nicht, bedeutet nicht, jemand der sagt, er oder sie sei durch Homöopathie gesund geworden, sei nicht krank gewesen! Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, wie eine Krankheit enden oder sich bessern kann. Es gibt spontane Heilungen, phasenweisen Verlauf von Erkrankungen, den Placeboeffekt und noch einige Phänomene mehr. Alle diese Möglichkeiten sind, egal um welche Erkrankung es sich handelt, deutlich wahrscheinlicher, als eine spezifische Wirkung der Homöopathie. All diese Möglichkeiten verzerren die Wahrnehmung bei jeder (!) medizinischen Behandlung. Darum ist es so wichtig, Behandlungen systematisch zu untersuchen und Wirksames von Unwirksamem zu trennen.

Vielleicht, so wird es immer wieder gesagt, wirke Homöopathie auf eine Art, die wir nicht messen können, “noch nicht” wird augenzwinkernd hinzugesetzt. Dabei wird gerne vergessen, dass es in sauber durchgeführten Studien zur Homöopathie keine Wirkung gibt, die man erklären müsste. Umgekehrt benötigt man nicht zwingend einen geklärten Mechanismus, wenn eine Behandlung wirkt!

Egal. Angenommen, es gäbe eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus, dann wäre eine Möglichkeit dieses Mechanismus Magie. Und bevor jetzt alle empört über mich herfallen: Diese Meinung wird von Prof. Harald Walach, Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften und ehemaligem Fernheilungsforscher, vertreten. Walach, einer der Mitautoren des HTA-Berichtes, welcher unter anderem die Aufnahme der Homöoapthie in die Grundversorgung der Schweiz empfahl, hielt 2010 im Rahmen eines DZVhÄ-Kongresses den Vortrag “Homöopathie im Licht neuerer wissenschaftlicher Befunde” und sagte in einem Interview:

“Homöopathie ist meiner Meinung nach einfach sehr systematisierte Magie.”

Diese Magie wird, geht es nach der NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens, auch an Hochschulen Einzug halten. Nicht im Rahmen des Humanmedizinstudiums, sondern als eigener Studiengang. Bachelorhomöopathen und Masterhomöopathen wird es dann geben.

Frau Steffens möchte den Studiengang und sein Curriculum aus dem Kreis der Praktiker heraus entwickelt wissen. Hoffentlich wissen die Praktiker besser Bescheid als die Theoretiker:

Gast6163 (Gast): Professor Wallach: Hahnemann verbietet Dragun, Was ist das?
Harald Walach: keine Ahnung

Gast6366 (Gast): Herr Walach, können Sie Belladonna D30 und Arnica D30 ohne Etikett unterscheiden? Falls ja, wie?

Harald Walach: nein, ich bin ja kein Hellseher

ZDF-log-in Chat

Dragun sollte nach Hahnemann gemieden werden, da es der Gesundheit abträglich ist.

Arnica ist das wichtigste homöopathische Mittel bei Verletzungen und zur Wundheilung. Auch bei einem Schock wird es eingesetzt. Am spezifischsten sind folgende Angaben:

“Bei Fieber, bei dem der Körper kalt ist, dazu ein heißer Kopf. Der Betroffene ist erschöpft, kann seine Blase nicht mehr richtig kontrollieren. Sein Schweiß riecht nach faulen Eiern.”

Belladonna ist ein wichtiges Mittel bei Grippe, weil es gegen FIeber und Kopfschmerzen hilft. Aber auch bei Erkältungen, Entzündungen, Sonnenbrand und Krämpfen. Auch hier finden sich spezifischere Angaben:

“Dazu blasse Lippen und pulsierende, rote Entzündungsherde.
Bei Kopfschmerzen oder Migräne, die sich durch Druck bessern.
Bei Halsschmerzen und trockenem Husten, wenn die Kehle trocken ist, Schluckbeschwerden auftreten und die Mandeln rot sind.”

Während der eine unten ausläuft, trocknet der andere oben aus. Wenn mir das passieren würde, könnte ich das unterscheiden, außer natürlich, die Mittel haben keine spezifische Wirkung. Falls jemand in der Lage ist, Belladonna D30 und Arnica D30 (oder höhere Potenzen) auseinanderzuhalten, ohne das Etikett zu sehen, so warten 1 000 000 mio Dollar auf ihn oder sie. Gestiftet von James Randi. Viel Erfolg!

Alles in diesem Blog beschriebene sind aber eigentlich nur Kinkerlitzchen und reichten nicht aus, genug Blogs zum Thema zu verfassen, um die ganze Freitag Community in den Wahnsinn und User ins Exil zu treiben. Was ist es dann? Mehr dazu im vierten Teil.

Zu Teil 4