Homöopathie und Ich IV – Jenseits der Potenzen

Geschrieben am 13. Februar 2012 von

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[Alle Texte der Serie werden hier, der Reihe nach, gesammelt veröffentlicht, damit man sie gesammelt lesen kann.]

Aus dem Off:

In der Diskussion zum Artikel Fliegen oder freier Fall wies Cassandra darauf hin, es sei kontraproduktiv, Tote gegeneinander aufzurechnen. Das habe ich danach weitgehend vermieden und bin vor allem auf die prinzipiellen Probleme die ich bei Homöopathie und Alternativmedizin sehe eingegangen. Das führt natürlich zu einer sehr theoretischen Diskussion, die fern vom Alltag geführt, etwas sinnlos erscheint. Für mich steckten hinter vielen Artikeln jedoch eine oder mehrere Aussagen oder Geschichten, die ich mitbekommen habe. Nahezu jeden Tag sehe ich Beispiele, die mir vor Augen führen, wie sehr die Ideen hinter der Homöopathie und das Selbstverständnis ihrer Verschreiber mehr schadet als nutzt. Und zwar ohne eine Aussicht auf positive Veränderung, denn Homöopathie basiert auf Glauben. Glauben, der durch Fakten nicht beeinflussbar ist.

Vorhang

Nachdem es in den ersten Teilen zum einen um mich, zum anderen um die Homöopathie ging, geht es nun um die Schnittstelle von beidem. Meine Motivation wieder und wieder über das Thema zu schreiben. Mir wieder und wieder eine blutige Nase zu holen und es mir, zum Teil nachhaltig, mit Menschen zu verderben, die ich schätze. Das ist sonst eigentlich nicht meine Art.

Ein Homöopath muss nicht mehr verstehen als Homöopathie. Nach einer Heilpraktikerprüfung kann er oder sie Homöopathie ausüben und wird von Außenstehenden als Kompetent in Gesundheitsfragen angesehen. Das Studium des Organons mag historischen Wert haben und teilweise amüsant sein, über Gesundheit und Kankheit hat es heutzutage jedoch keinen wesentlichen Beitrag mehr zu leisten. Trotzdem treten Homöopathen als Experten in Fragen zur Gesundheit auf:

Da es sich bei den Borrelien um ähnliche Erreger wie die bei Herpes handelt, bekommt man sie nicht aus dem Körper heraus, sondern kann sie nur unter Kontrolle bringen, was man durch eine Steigerung des Immunsystems erreicht.

Zu diesem Vergleich, der ungefähr der Aussage entspricht, ein Elefant und eine Schnecke seien sich ähnlich, weil beide kein Fell haben, lässt sich eine Tierhomöopathin hinreißen. Bei Herpes handelt es sich um ein Virus, es benötigt eine fremde Zelle, um sich zu vermehren, Antibiotika sind wirkungslos und es hat keine Zellorganellen. Borrelien sind Bakterien, die Borreliose hervorrufen können. Immerhin handelt es sich um einen Rat, der Tiere betrifft, also Schwamm drüber.

“Du solltest aber trotzdem die Stelle beobachten, falls es zu einer Wanderröte [Anm.: Zeichen einer Infektion mir Borrelien] kommt – dann bitte schnell zum Homöopathen! (Nein, nicht zum Arzt, der gibt nur AB und das ist in der Regel nicht wirklich hilfreich).”

Doch! Genau das ist hilfreich, im frühen Stadium hat man die besten Chancen das Viech loszuwerden, Antibiotika mögen des Teufels sein, chronische Borreliose ist allerdings die Hölle. Also zum Hausarzt, Antibiotika schlucken und das nächste Mal auf der Wiese lange Kleidung tragen. Oder man schützt sich mit Xodex®, allen Abonnenten des Freitag aus einer Werbebeilage des Waschbärversands bekannt.

“Das patentierte Xodex® Prinzip basiert auf der Verwendung von pflanzlichen Grundstoffen, insbesondere Ledum Palustre und Delphinium Staphysagria, die nach einem speziellen, der Hömöopathie ähnlichen Verfahren dynamisiert sind.”

Es handelt sich bei Xodex um in einem Plastikzylinder befindliche Globuli. Falls dieser magische Schlüsselanhänger doch mal seinen Dienst versagt, hat der Homöopath aus dem Lage & Roy Forum beruhigende Worte:

“Vor FSME habe ich bei Kindern eigentlich keine Angst, weil sie in der Regel atypisch verläuft, sofern die Krankheit a) überhaupt übertragen wurde (die Wahrscheinlichkeit ist ja sehr gering) und b) ausbricht (die Wahrscheinlichkeit ist auch nicht sonderlich hoch).”

Unser kompetenter Homöopath meinte mit “atypisch” sicher “asymptomatisch”. Und wir errinnern uns: Wer krank wird, will das irgendwie ja auch. Vielleicht ist die AutorIn dieser Zeilen keine HomöopathIn? Wir leben in einem freien Land, jeder darf seine Inkompetenz laut herausrufen und sich blamieren. Die Aussage, im Forum eines berühmten Homöopathen, Ausbilders und Autoren, steht dort seit über 6 Monaten, ohne berichtigt zu werden. Man fragt sich warum?

„Die homöopathische [Anm.: Tetanus-] Behandlung ist (wäre) aus rechtlichen Gründen nur begleitend möglich. In anderen Ländern, z.B. Indien – wird Tetanus wie andere Krankheiten auch, homöopathisch behandelt.“

Man beachte: aus “rechtlichen Gründen”, nicht, weil es wirkungslos ist und man an einer Tetanusinfektion elendig stirbt (10-30% Sterblichkeit bei maximaler Therapie, Gerätemedizin und so). Nein, das medizinische Establishment (Wort) verbietet den Homöopathen, sanft zu heilen, damit es weiter impfen kann! Wie kommt die Autorin auf die Idee der homöopathischen Tetanusheilung? Offensichtlich hält sie sich an den berühmten Homöopathen und Forenbetreiber.

“Homöopathen beschreiben gute Heilungserfolge auch bei ausgebrochenem Tetanus.”
(Quelle: Roy, Carola und Ravi „Kinder mit Homöopathie behandeln“, Knaur 2000, S. 265; simila, Zeitschrift für Klassische Homöopathie, Nr. 31, 4/99, S. 34)

„Homöopathischer Tetanusschutz..
(…)Nehmen sie innerlich Arnica. Das sollte normalerweise als Schutz
ausreichen. Bei großer T.gefahr geben sie zusätzlich eine Gabe Hypericum. (…) Einige Tage später erkrankte der Mann an Tetanus. Er konnte seinen Mund infolge eines Krampfes der Kiefermuskeln kaum mehr öffnen und wurde von Krämpfen geschüttelt. Also gab sie ihm eine Gabe von Hypericum, und am nächsten Morgen war der Mann geheilt (…).

Zitiert aus dem Buch:
Selbstheilung durch Homöopathie von Ravi und Carola Roy“

Halleluja! Übrigens, gegen Übelkeit hilft Tabacum. Auf dem Hof-Hutmacher (Stichwort: Blow-Job) könnte man da sicher Genaueres sagen, immerhin ist die Inhaberin von Roy ausgebildet und gibt zu Protokoll.

„Ich stehe voll hinter den Satz: Die Homöopathie kann alles heilen, lediglich die Grenze des Therapeuten ist die Grenze der Heilung.“

Glaubensbekentnisse haben immer etwas Rührendes. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, keinem der oben Genannten etwas Böses zu unterstellen. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass ein Elternteil seinem Kind bewusst schaden will. Trotzdem gibt es Kindesmisshandlung, manchmal mit den besten Absichten.

“Er hat erst mit guten 15 Monaten laufen gelernt und wir wunderten uns, warum er über seine eigene Füße stolperte. Uns ist aufgefallen, dass sein linkes Bein nach vorne eingedreht ist und im Urlaub haben wir nun gesehen, dass es schlimm ist. Er möchte rennen und hat einen richtigen Watschelgang.”

Die Dame fragte im Forum von Lage & Roy nach Rat zur homöopathischen Behandlung, weil sie mit ihrer Einhandrute nicht mehr weiterkam. Sie bekam viele Tipps, einer war, durchzuhalten, ein anderer, bloß nicht zum Arzt zu gehen, was sie ohnehin nicht vorhatte, “wegen der Röntgenstrahlen”. Der Beitrag ist mittlerweile im Forum gelöscht, es gab wohl Anrufe beim Jugendamt. Fragmente sind noch bei Kidmed nachzulesen.

Das soll an dieser Stelle vorerst reichen. Ich habe mich, gerade am Anfang immer gefragt, ob ich einfach zu selektiv suche? ‘Confirmation Bias’ sagt man wohl dazu. Doch je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, bin zu der Ansicht gekommen, dass das Problem nicht bei den Menschen liegt, die Homöopathie ausüben, eher im Gegenteil. Gerade weil viele Homöopathieanwender früh genug richtige Medizin verwenden, passiert nicht mehr durch verschleppte Behandlung.

Im nächsten Teil werden wir uns weitere Beispiele ansehen und uns in der Hierachie der Mystik immer weiter nach oben arbeiten.

Zu Teil 5.

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