Die Legende

Posted on 8. März 2012 von

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Die Wochenzeitung “der Freitag” enthüllt in ihrer online-Ausgabe, dass Joachim Gauck maßgeblich den „Kirchentag von unten“ 1988 in Rostock verhindert haben soll. Treffen die Angaben zu, dürfte Joachim Gauck als Präsidentschaftskandidat nicht mehr in Betracht gezogen werden. Dessen Stellungnahme steht zur Stunde aus

Was die Wochenzeitung der Freitag an diesem Donnerstag online offenbart, ist nicht weniger als eine Sensation. Träfe zu, was Jakob Augstein und Jana Hansel unter dem Titel „Pastor der Unfreiheit“ ausführen, müsste das Konsequenzen für Joachim Gauck haben, der demnächst als aussichtsreichster Kandidat vor die Bundesversammlung treten wird. Er selbst hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Gestützt auch auf das Zeugnis von Heiko Lietz, unter anderem Sprecher des Neuen Forum am Zentralen Runden Tisch, berichtet die Zeitung, dass die Verhinderung des „Kirchentages von unten“ 1988 in Rostock vor allem auf Gauck zurück zu führen sei. Als Vorsitzender des Kirchentagsausschusses der Landeskirche habe er die wichtige Aufgabe erhalten, „einen Kirchentag im Sinne der Kirchenleitung durch[zu]führen und dabei alle Konflikte mit dem SED-Regime [zu] vermeiden“. Dem sei er nachgekommen. In den Unterlagen der Stasi befände sich unter anderem das wörtliche Zitat: „Der Kirchentag 1988 ist zum Feiern da und nicht zum Demonstrieren!

Sollten sich die Behauptungen der Zeitung als richtig erweisen, so hätte das Konsequenzen bis hin zur Kandidatur zum Amt des Bundespräsidenten.

Da wäre zum einen das Erscheinungsbild: Weder wäre Gauck Bürgerrechtler gewesen, als der er immer wieder bezeichnet worden ist, noch ein Verfechter der Freiheit, dessen er sich in seinem kürzlich erschienen Büchlein („Freiheit – ein Plädoyer“) berühmt hat. Im Gegenteil: Gerade diese Veröffentlichung, die eine Ausarbeitung einer Festrede vor der Evangelischen Akademie Tutzing vom Januar 2011 ist, belegte retrospektiv, wie weit vorgetragene Theorie und gelebte Praxis bei dem Mann im Gegenteil zusammenfallen.

Dabei kann dahin gestellt bleiben, in wessen Sinne Gauck restriktiv gehandelt haben könnte: Zugunsten einer Systemstabilisierung als solcher, wofür die Ausführungen mehr als nur einen Anhaltspunkt liefern würden. Oder als Paravent für die „Kirche im Sozialismus“ als Institution und deren mannigfaltigen Arrangements mit dem Staat.

Das Netzwerk der Pluralität jedenfalls, das sich gerade in der Alternative des „Kirchentages von unten“ 1987 manifestiert hatte, war für Rostock im Jahr darauf offenbar nicht gewünscht. Das hätte Gauck um- und durchgesetzt. Und doch war es gerade die Vielstimmigkeit gewesen, die dem Begriff der Freiheit nicht nur ein neues Kleid gegeben, sondern die Inhalte verliehen hat, um überhaupt zu einem gemeinsamen Motiv werden zu können, auch im Handeln. Die Frage, die sich zwangsläufig stellt, lautet: Hat die friedliche Revolution in der DDR trotz eines Joachim Gauck stattgefunden?

Dabei interessiert weniger die Dimension eines möglichst objektiven Geschichtsabbilds der Vergangenheit, sondern wie Politik in Deutschland für die Zukunft geschrieben wird.

Der Bundespräsident ist in Deutschland ein Verfassungsorgan, das größtmögliche innere und äußere Unabhängigkeit von der Person abverlangt, die das Amt bekleidet. Dazu gehört -bei allen Präkonzepten und Überzeugungen, die künftige Amtsinhaber/innen mitbringen- auch die Bereitschaft, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen.

Mögen sie auch auf unorthodoxe Weise, laut, mitunter kämpferisch und auf der Straße vorgetragen sein: Sich ihrer anzunehmen ist die mindeste Handlung, die von jemandem zu erwarten ist, der im Amtseid versichert, „Gerechtigkeit gegen jedermann üben“ zu wollen. Und es ist das genaue Gegenteil von „Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen“, wie es wörtlich Joachim Gauck zugeschrieben wird. Denn fügen ist Gehorsam, einordnen Stillstand, und in unserem Staat sind wir nicht nur zu Gast.

Joachim Gauck ist zweifellos in der Bundesrepublik angekommen, die sich als Gegenentwurf zur verschwundenen Deutschen Demokratischen Republik darstellt. Er wäre so besehen aber nicht ihr Präsident, sondern nur ihr oberster Konservator hinter einer Maske des Bürgerrechtlers; er diente dem Staat als Abstraktion, nicht den Menschen und ihrer künftigen Entwicklung.

Nach einem Amtsinhaber, der über seine eigenen Worte gestolpert ist und einem, der in der Optik vieler das Gegenteil von Tugend ist, verträgt diese Republik nicht noch die Legende. Noch wäre Zeit, inne zu halten. Zehn Tage, um genau zu sein. Sie sollten genutzt werden. e2m

[Anmerkung: Jakob Augstein hat einen Blog nachgeschoben, “Eine Anekdote aus dem Leben Joachim Gaucks“; weitere Links aktuell zu telepolis (“Mit allen Wassern ungewaschen“) und in die Vergangenheit bei Freitag (“Auf Wiedersehen, Herr Gauck” nebst Erwiderung “Ein verrutschtes Plädoyer“)]

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