AIDS und Saccharose

Posted on 1. Dezember 2012 von

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Kopf einer Statue

Vor einigen Tagen machte ich meinem Unmut über das Vorhaben der Berliner Ärztekammer Luft, eine Veranstaltung des Homöopathen* Jeremy Sherr mit Fortbildungspunkten zu dekorieren. Einige Tage später folgte ein Blogbeitrag in der FreitagCommunity, in dem Sherr vor meinen rüden Worten in Schutz genommen wurde. In viel Text war die Aussage versteckt, Homöopathie zur Behandlung von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken zu nutzen sei gar kein Problem, solange es komplementär sei. Warum es sich hier um einen Fehlschluss handelt, werde ich versuchen zu zeigen. Wenig überraschend waren die AIDS-Leugner die von dieser Apologie angezogen wurden.

Aber warum rege ich mich so auf? Handelt es sich bei Sherr nicht um einen Philanthropen, der nichts im Sinn hat als zu helfen? Vielleicht, doch ich denke, es wird mir gelingen zu zeigen, warum Sherr und die ihm folgen gefährlich sind, egal, wie gut sie es meinen. Je besser sie es meinen, desto gefährlicher sind sie. Sherr bezeichnet sich als Homöopath. Ich werden versuchen darzulegen, warum es aus Sicht eines Homöopathen** keine komplementäre Therapie geben kann.

Samuel Hahnemann erdachte das Konzept der Homöopathie, als es das Wissen von Krankheit erregenden Mikroorganismen noch nicht gab. Bakterien wurden einige Jahrzehnte nach seinem Tod nachgewiesen, Viren deutlich später. Deswegen spielen Mikroorganismen in der Homöopathie keine (wesentliche) Rolle. Krankheit entsteht, wenn die Lebenskraft durch Miasmen gestört wird. Das hat nichts mit dem, was wir heute über Krankheiten wissen, zu tun. Miasmen gelten als die tiefen Ursachen einer Erkrankung, nach der auch Sherr sucht.

“Ich will die tiefe Verbindung zwischen physischen, emotionalen und mentalen Symptomen verstehen”

Wenn man diese Ursache “heilt”, heilt man auch die Erkrankung. Nach Vorstellung eines Homöopathen bereitet das Miasma sozusagen die Bedingungen, die es dem HI-Virus erlauben, sich im Körper zu verbreiten. Heilt man das Miasma, wird dem Virus die Grundlage entzogen und es verschwindet. Für Homöopathen zeigt sich eine Erkrankung als Summe von Symptomen (Symptome sind das, was die “Schulmedizin” behandelt). Mehr benötigen sie nicht. Körperliche Untersuchung, Labor und Bildgebung sind im Grunde nutzlos und werden von überzeugten JüngerInnen Hahnemanns wohl eher aus forensischen als aus diagnostischen Gründen genutzt.

Die Behandlung wird so aufgebaut, dass der Homöopath nach ausführlicher Anamnese das von ihm als am wichtigsten empfundene Symptom behandelt. Das muss nicht unbedingt das offensichtlichste oder den Patienten belastendste Symptom sein. Wenn jemand mit Durchfall morgens besonders empfindlich auf Licht reagiert, kann letzteres durchaus das wichtigere Symptom sein und behandelt werden. Die Idee dahinter ist, dass die Symptome auf die Störung der Lebenskraft hinweisen und man sich daran vom schwersten bis zum leichtesten entlang hangelt, bis man das Ursymptom behandelt hat.

Das ist auch der Grund, warum man im Rahmen einer homöopathischen Behandlung eigentlich keine echten Medikamente nehmen darf. Diese “unterdrücken” die Symptome, die der Homöopath benötigt, um das richtige Mittel zu finden. Man hört immer wieder Schmerz- und fiebersenkende Mittel würden Symptome unterdrücken und sollten vermieden werden. Eine HIV-Therapie hindert einen Homöopathen also daran, einen Patienten zu heilen, weil sie die Symptome “unterdrückt”. Er kommt der Ursache, dem Miasma nicht auf die Spur.

Wenn keine (homöopathischen) Symptome mehr vorhanden sind, gilt der Patient als geheilt. Ein homöopathisches Symptom ist das, was der Homöopath sagt, was es ist. Falls es eine andere Definition geben sollte, bin ich sehr interessiert daran.

Dabei sind in der Homöopathie “geistige” Symptome wichtiger als körperliche. Mittel höherer Potenz sollen eher auf der geistigen Ebene wirken, Mittel geringerer Potenz eher auf der körperlichen (das ist auch ein Grund, warum viele Komplexhomöopathika relativ tiefe Potenzen enthalten).

Es gibt noch eine weitere Form der homöopathischen Behandlung, die epidemische. Im Falle einer Epidemie haben viele Menschen dieselben charakteristischen Symptome und können mit demselben Mittel behandelt werden. In dem Fall ist also das Individualierungsgebot aufgehoben. Hahnemann hat so zum Beispiel Cholera “behandelt”. Dieser Kniff hat den Vorteil, dass man (wie in der “Schulmedizin” ;)) viele Menschen schnell behandeln kann, ohne eine lange Anamnese zu erheben.

All das muss man wissen, wenn man verstehen will, warum Sherr AIDS im Grunde ausschließlich homöopathisch behandeln muss. Er hat ganz sicher die besten Absichten, trotzdem ist er ein Quacksalber und gefährdet Menschenleben, wenn er HIV mit Homöopathie behandelt. Als er das Vorhaben einer Studie mit ausschließlicher homöopathischer Behandlung veröffentlichte, brach ein Shitstorm über ihm los. Danach löschte er Blogbeiträge, veränderte sie und achtete darauf, was er sagte. Der Grund ist relativ einfach. Geld.

“She is going to lend her clinic to the trial, which is great news. We schedule further meetings, but it is clear I will have to raise some more funds to make this happen. The university can only give seed money. The most important thing for me is to get initial lab reports and statistics treating a small number of AIDS patients. I can then use this to push for funds and larger trials.”

“Sie [Anm: Professorin vor Ort] wird ihre Klinik für die Studie zur Verfügung stellen, was großartige Neuigkeiten sind. Wir planen weitere Treffen, doch es ist klar, dass ich weitere Förderung bekommen muss, um es möglich zu machen. Die Universität kann nur eine Anschubfinanzierung geben. Das Wichtigste für mich ist, initiale Laborwerte und Statistiken der Behandlung einer kleiner Anzahl von AIDS Patienten zu bekommen. Die kann ich dann nutzen, um Förderung für eine große Studie zu bekommen.”

Ben Goldacre bezeichnete Sherrs Pläne als von “beängstigend schlechter Qualität” und “unethisch”. Im Sinne der Fairness sei an dieser Stelle erwähnt, dass es neben Sherr andere Involvierte gab, und dass große Namen der englischsprachigen Homöopathenszene mit seinem Handeln einverstanden gewesen sein müssen, bis dieses der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Dann wurde es ungemütlich. Interessant wäre es, zu erfahren, ob Harald Walach von der geplanten Studie wusste und wenn ja, was er davon hielt. Sherr und er tauchen in zwei Papern (ohne HIV-Bezug) gemeinsam als Autoren auf, dürften sich also kennen.

Man kann davon ausgehen, dass die Äußerungen Sherrs, Homöopathie nur als komplementäre “Therapie” zu nutzen, weniger von Vernunft als von der Angst des Verlusts von Geldgebern geleitet ist. Aktuell ist auf der Website das Ziel, ein homöopathisches Verständnis für AIDS zu bekommen, zu lesen. Das ist es wohl, was aus dieser Liste übrig geblieben ist:

“Our mission is:

1. To treat as many AIDS patients as possible.
2. To find out if AIDS in Africa is an ‘epidemic’ or not.
3. If it is, to find a genus epidemicus.
4. To spread the knowledge gained throughout Africa and the
world.
5. To establish a research program that will validate our work
scientifically.”

Genau, da steht, Herr Sherr wolle herausfinden, ob es sich bei AIDS um eine Epidemie handelt. Dabei interessiert ihn jedoch das Retrovirus nicht die Bohne. Er meint “Epidemie” nämlich im homöopathischen Sinne, so wie oben beschrieben. Das Ziel ist edel, nämlich die Symptome, die den “genus epidemicus” ausmachen, zu identifizieren und dann möglichst viele Menschen mit dem gefundenen homöopathischen Mittel zu behandeln. Einem wirkungslosen Mittel. Hier geht es um Heilung als Intention, hier geht es nicht darum, Symptome zu verbessern, indem man die psychosomatischen Effekte, die aus der intensiven Aufmerksamkeit des Homöopathen resultieren, nutzt.

In diesem Zusammenhang erscheinen die zu seiner Verteidigung vorgebrachten “Dokumentationen” von Fallbeispielen auch in einem ganz anderen Licht. Sie dienen dazu, die Symptome zu sammeln, um den “genus epidemicus” zu bestimmen. Das nennt sich homöopathische Forschung. Apropos. In einer Arbeit von 2008 waren 15% der Homöopathen in Indien der Ansicht, man sehe einem Menschen die Infektion an,  25%, es gäbe eine Heilung für HIV. Der Rest der Fragen fällt kaum besser aus. Wirklich sinnvoll wäre es also, hier unter Homöopathen Aufklärung zu leisten.

In einem Video erklärt Frau Sherr, Viren und Bakterien zu bekämpfen ließen sie nur stärker zurückkommen.  Es sei wichtig, das Immunsystem zu stärken damit AIDS geheilt werden könne. Wenn Frau Sherr und andere Homöopathen davon sprechen, das Immunsystem zu “stärken” meinen sie nicht das Immunsystem, sondern die Lebenskraft. Das mag daran liegen, dass beides für sie in gleichem Sinne magisch ist.

Aus homöopathischer Sicht muss man sich im Grunde auch nicht gegen das Virus schützen, denn wenn mit der Lebenskraft alles in Ordnung ist, kann es sich nicht ausbreiten. Das Gerede Frau Sherrs vom Immunsystem, dass man stärken müsse, um eine Heilung zu erreichen, erinnert erschreckend an das Gewäsch, dass Luc Montagnier seit einigen Jahren von sich gibt. Der ist mittlerweile der Meinung, man könne das Virus durch gesunde Lebensführung wieder loswerden. Mbeki lässt grüßen.

Vielleicht irre ich mich aber auch wieder, weiß nicht genug über Homöopathie und interpretiere Sherrs Intentionen daher falsch. Wahrscheinlich aber nicht.

In diesem Abschnitt begründet er unter anderem, warum man eine Studie benötigt, um seine Illusion eines afrikanischen Traums Wirklichkeit werden zu lassen.

“We need to get homoeopathy known throughout Africa, because millions are dying of AIDS and malaria and TB, and the pharmaceutical companies keep pushing their expensive, non curing, mal inducing drugs. Homoeopathy is a wonderful solution for Africa- curative, gentle, natural, and affordable. No side effects- just effective!

The last aim is to collect enough data to convince the powers that be. This is not simple. You can’t just bring a cured video case.”

“Wir müssen Homöopathie in ganz Afrika bekannt manchen, weil Millionen an AIDS und Malaria und Tuberkulose sterben und die Pharmaindustrie weiter teure, nicht heilende und Schaden verursachenden Medikamente fördert. Homöopathie ist eine wundervolle Lösung für Afrika- heilend, sanft, natürlich und günstig. Keine Nebenwirkungen, einfach effektiv.
Das Ziel ist, genug Daten zu sammeln, um die Mächtigen zu überzeugen. Das ist nicht einfach. Man kann nicht einfach ein Video eines geheilten Falls zeigen.”

Ich weiß nicht, was da noch für eine andere Interpretation möglich ist, als dass hier jemand AIDS mit Wasser, Zucker und seinem überaus guten Charakter heilen will.

Aberaberaber!!! Vielleicht ist Sherr ja gar kein echter Homöopath, im Sinne eines Hahnemannjüngers, vielleicht ist er ja ein Reformhomöopath? Nein, ist er nicht, das würde wohl auch nicht viel besser sein.

“Most importantly I feel I know where I am going from a homoeopathic point of view, and that the principles of the Organon are guiding me in the right direction. (…) AIDS can be cured, and it will.”

“Am Wichtigsten ist, dass ich weiß, wo ich hingehe, aus homöopathischer Sicht, und dass die Prinzipien des Organons mich in die richtige Richtung leiten.”

Am Ende des Videos über Sherrs Aktivitäten in Tansania sagt einer seiner PatientInnen:

“Your presence is medicine enough”

Treffer versenkt!

In “Homöopathie und Ich” (wo die Behandlung von AIDS bereits Thema war) habe ich von dem Beitrag geschrieben, der die Initialzündung für meine Liaison mit der Pseudomedizin war. Dort war ebenfalls AIDS das Thema. Ich schrieb dort auf, warum ich Homöopathie für Gefährlich halte. Ich fühle mich bestätigt.

*Eigenbezeichnung
**Homöopath wird hier benutzt für jemanden, der nicht einfach ein paar Globuli verschreibt, weil sie eben helfen, sondern für jemanden, der “homöopathisch” denkt (damit meine ich nicht “verdünnt”).

Mehr?

“Jeremy Sherr, homeopathy for AIDS in Africa, and the most fortunate failure of memory holes in the age of Internet” Hin!

“Doch keine Fortbildungspunkte für AIDS-Heilerkurs” Hin!

 

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