Anthroposophische Paranoia

Geschrieben am 9. Juni 2013 von

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Frühe Selbstschauung, mit Originalaura und Störsignalen aus den Akashachroniken

Zu älteren Artikeln trudeln immer wieder Kommentare ein. Die werden genehmigt, bei Lust und Zeit beantwortet und stehen dann, zumeist wahrscheinlich ungelesen, unter dem jeweiligen Artikel. Aktuell kam einer rein, dessen Thema in vielen anderen Kommentaren mitschwingt aber meist nicht so deutlich ausgesprochen wird. Zu einem Text über Masern, Anthroposophie und Rudolf Steiner wurde folgender Kommentar abgesetzt:

“Es scheinen hier viele Menschen unterwegs zu sein, die die Freiheit des Andersdenkenden und -handelnden nicht akzeptieren können. Durch solche Geisteshaltung wird der Boden bereitet für Vereinheitlichung, Gleichschaltung und Mißtrauen, wo das hinführt können wir in Geschichte und Gegenwart nachlesen. Vor der Kritik steht die Selbstkritik, d.h. erstmal in den Spiegel schauen oder vor der eigenen Hütte kehren, think about it…Und Texte sollten immer im zeitlichen Kontext betrachtet werden, sonst wird`s unsauber.”

Das ist doch eine schöne Gesprächseinladung, und was den impliziten Vorwurf zum geplanten Massenmord angeht will ich mal nicht kleinlich sein.

Natürlich kann ich “die Freiheit des Andersdenkenden und -handelnden”, akzeptieren. Allerdings mache ich einen Unterschied zwischen “Denken” und “Handeln”, wegen der unterschiedlichen Konsequenzen auf mein Leben. Ich nehme mir darum die Freiheit, Menschen zu kritisieren, die Entscheidungen auf Basis der Wahnideen eines vor fast 90 Jahren verstorbenen Goethespezialisten treffen. Die Freiheit des Einen hört dort auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt, das lernt man schon in der Schule (zumindest in der staatlichen Materialistenschule, die ich besucht habe). Wenn Eltern ihr Kind nicht gegen Masern impfen, weil ein Steiner vor den karmischen Folgen warnt, ist das deren Entscheidung. Wenn diese Eltern aber ihr Kind mit anderen Kinder in den Kindergarten schicken wollen, möchte ich sicher gehen, dass diese nicht die Folgen solch irrationalen Verhaltens tragen müssen.

Ich finde, man kann den Besuch von öffentlichen Kindergärten und Schulen an einen vollständigen Impfstatus knüpfen. Es gibt demokratische Staaten in denen das normal ist (oder war, aber das ist ein anderes Thema).

Mich stört auch weniger, dass andere anders denken oder handeln als ich. Mich stört, dass sie ihre Motivation nicht offen legen. Wissenschaftlich ist an der Wirksamkeit und Sicherheit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung nichts zu rütteln. Wer gegen diese Impfung ist, muss auch gegen sauberes Trinkwasser sein, mit fast derselben Argumentation. Trotzdem führt die Vereinigung Anthroposophischer ÄrztInnen eine Sammlung von Fällen an, in Masern ganz toll gewesen sein sollen und meint, damit große epidemiologische Studien entwerten zu können. Motiviert ist man dabei von den “Schauungen” eines Herrn Steiner. Das ist so, als würden Ärzte entscheiden, ob sich eine weitere Therapie bei einem Patienten lohnt, nachdem sie sich dessen “Lebenslinie” auf der Hand angesehen haben. Die Damen und Herren Anthroposophenärzte könnten einfach schreiben:

“Vorsicht, die Masernimpfung birgt Risiken für die Leibausbildung und kann zu bleibenden Karmaschäden führen.”

Dann wüssten alle, woran sie sind und worum es geht. Es geht um die Glaubensinhalte einer Religionsgemeinschaft. Solange diese Religionsgemeinschaft ihr Wissenschaftskabarett aufführt, wird sie dafür kritisiert.

[Bild: Frühe Selbstschauung aus den Akashachroniken. Auf der bei Wikipedia vorgehaltenen Version wurden Störsignale, Aura und Astralbart retuschiert]

[Edit 14.06.2013: Wenn ich an "Schicksal" glaubte... In Berlin wird vor einer Masernepidemie gewarnt und in NRW ist ein 14 jähriger an den Spätfolgen von Masern gestorben.]

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