Madagaskar – Ein zweites Somalien?

Notiz aus der Zeit der sogenannten Revolution 2009 in Madagaskar(*)

ANTANANRIVO – Am frühen Nachmittag des 31.01.2009 hat sich der Bürgermeister von Antananrivo, Andry Rajoelina, 34, vor einer Versammlung seiner Anhänger auf dem Platz des 13. Mai zum alleinigen Machthaber von Madagaskar ausgerufen. Er hat Verwaltungen, Ministerien und die Armee dazu aufgefordert, nur noch seinen Befehlen zu folgen. Den Zentralbanken hat Rajoelina Anweisung gegeben, keinerlei Auszahlungen zu tätigen und für Montag die Schließung aller Ministerien angekündigt. Ferner hat er ein Amtsenthebungsverfahren gegen den gewählten Präsidenten Marc Ravalomanana, 59, für kommende Woche in Aussicht gestellt.

Ob all diese schwerwiegenden Worte den tatsächlichen politischen Gewichten im Lande entsprechen, bleibt abzuwarten. Sie sind jedoch auch für den ausländischen Beobachter Anlass genug, mehr als nur einen besorgten Blick auf die Situation in der viertgrößten Insel der Welt zu werfen.

Denn in Madagaskar brodelt es schon seit längerem. Der Präsident des Landes, Ravalomanana, steht seit 2002 einer gewählten Präsidialregierung vor. Er wurde in freien Wahlen im Dezember 2006 in seinem Amt bestätigt und galt vielen, vor allem den Armen und den Liberalen im Lande als Hoffnungsträger. Auch im hauptsächlich nicht frankophonen Ausland, allen voran den USA und Deutschland wurde auf diesen Mann gesetzt, der dank eigener wirtschaftlicher Betätigung Sachverstand und politische Umsicht versprach.

Marc Ravalomanana hatte aus einem einfachen Milchbetrieb, den er von seinem Vater übernommen hatte, das landesweite Handelsunternehmen Tiko aufgebaut, das vor allem Milchprodukte aller Art produziert und über die eigene Marktkette Magro vertreibt. Er nutzte dabei die Aufbauhilfen, die die Weltbank zur Verfügung stellte und zahlte pünktlich seine Kreditschulden zurück. Gleichzeitig begann er beharrlich, eine politische Opposition gegen den langjährigen Machthaber Didier Ratsiraka, heute 72, aufzubauen. Ratsiraka, der auch der rote Admiral genannt wird, hatte in den Jahren 1976 bis 1993 einer sozialistisch ausgerichteten Militärdiktatur vorgestanden, bis er sich unter dem Druck desaströser Wirtschaftsverhältnisse den in- und ausländischen Forderungen nach einem demokratischen Wandel beugen musste und Wahlen ausschrieb. Diese verlor er zwar 1993, kehrte jedoch nach einer weiteren Wahl 1996 erneut an die Macht, die er bis Ende 2001 hinter einem demokratischen Anstrich innehielt.

In diesem Jahr trat ihm bei den Präsidentenwahlen Ravalomanana entgegen, der seine eigene politische Laufbahn bis dahin mit dem Bürgermeisteramt in der Hauptstadt Antananarivo gekrönt hatte. Der Herausforderer gewann die Wahlen, deren Resultat jedoch von dem alten Machthaber und seiner Clique nicht anerkannt wurde. Nach einem rund sechs Monate dauernden politischen Konflikt verließ Ratsiraka das Land Richtung französisches Exil, nicht ohne vorher durch Milizen die wichtigsten Verkehrswege durch Brückensprengungen sabotiert zu haben. Ein von Ratsiraka gegen Ravalomanana versuchter Mordversuch mithilfe von Söldnern Anfang 2002 wurde dadurch abgewendet, dass die französische Regierung das unter französischer Flagge geführte Flugzeug, auf dem die Söldner reisten, zur Landung auf dem afrikanischen Kontinent zwang, bevor der Auftrag ausgeführt werden konnte.

Der derart heldenhaft an die Macht gekommene und mit Vorschußlorbeeren bedachte Ravalomanana  schien sich auch in die richtige Richtung zu entwickeln. Die Infrastruktur wurde wieder instand gesetzt, der Korruption der Kampf angesagt. Das Land öffnete sich, in dem vor allem der Waren- und Kapitalverkehr für längere Zeit von Zöllen und bürokratischen Hemmnissen befreit wurde. Es wurden in kurzer Zeit neue Schulen errichtet, der Schulpflicht wurde Folge geleistet. Seit 2002 durchlief das Land ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von rund 10 %. Und dennoch befindet sich Madagaskar wieder am Rande des Bürgerkrieges.

Warum? Trotz aller Bemühungen reiht sich Madagaskar auch heute noch ein in die Liste der „Least Developed Countries“, oder um mit dem „Human Development Index“ der UNO zu sprechen: Platz 143 von 177. Das Wirtschaftswachstum wurde aufgesogen von einer Inflation in beinahe gleicher Höhe, die Korruption grassiert heute trotz der Einrichtung einer speziellen Anti-Korruptionsbehörde, Bianco, mehr denn je. Schulpflichtige Kinder müssen vermehrt zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Die Plünderung des natürlichen Habitats nimmt katastrophale Ausmaße an, ganz zu schweigen von den jährlich wiederkehrenden Zyklonen, die alleine Ende 2008/Beginn 2009 bereits mehr als ein Drittel der Reisfelder, Hauptnahrungsquelle des Landes, zerstört haben.

In all dieser Misere gab und gibt es nur eine Gruppe, die mehr und mehr zu Reichtum und Wohlstand gekommen ist: Ravalomanana und seine Entourage. Der Hoffnungsträger jenseits üblicher afrikanischer Usancen hatte nicht mit Waffengewalt, sondern mit der Strategie des Urkapitalisten neben seinem Milch- in sechs Jahren ein diversifiziertes wirtschaftliches Imperium aufgebaut: Radio, Fernsehen, Tageszeitungen, Druckereien, Rinderzucht, Handel mit allen Arten von Lebensmitteln nebst eigenem Luftfahrtunternehmen, Tourismusinfrastruktur mit Hotellerie, Transport und schließlich Planung und Bau von Straßen. Es gibt praktisch keinen Bereich des Wirtschaftslebens in Madagaskar mehr, der nicht direkt oder indirekt von diesem Tycoon und Staatsoberhaupt kontrolliert werden.

Der Höhepunkt des Managements zu Lasten des Volkes war wohl erreicht, als im Dezember vergangenen Jahres Gerüchte zirkulierten, der madagassische Staat habe 1,5 Mio Hektar Ackerland, mithin die Hälfte des landwirtschaftlichen nutzbaren Landes an den koreanischen Multi Daewoo verkauft. Zeitgleich legte sich der Staat ein neues Präsidialflugzeug Boeing 737 für 60 Mio USD zu, aus zweiter Hand von einem Vorbesitzer bei Walt Disney Inc., aber mit „einigen“ Verbesserungen, „um in Zeiten der Globalisierung gerüstet zu sein“. Auf Nachfrage wurde der Weltbank, die erst kürzlich die gleiche Summe für Infrastrukturmaßnahmen im Norden des Landes ausgereicht hatte, beschieden, dies sei eine interne Angelegenheit des Landes. Im übrigen habe der Staat hierzu nur 50% zugeschossen, der Rest käme aus der Privatschatulle des Präsidenten.