Madagaskar – Ein zweites Somalien?

Dass angesichts einer solchen Verhaltensweise der Volkszorn hoch kochen würde, war für viele Beobachter nicht mehr eine Frage des „ob“, sondern des „wann“. Womit allerdings nur wenige gerechnet hatten, ist, dass die Gewalt derart koordiniert, planmäßig und gleichzeitig in allen größeren Städten des Landes ausbrechen würde und in der Woche vom 24. bis 30. Januar anhielt. Sie richtete sich dabei nicht gegen staatliche Institutionen, sondern beinahe ausschließlich gegen Supermärkte und Lagerhallen des Präsidenten. Die dabei registrierten Todesfälle waren dann auch nicht durch Polizei oder Armee verursacht. Vielmehr handelte es sich dabei überwiegend im Plünderer, die durch selbst gelegtes Feuer oder durch umfallende Reissäcke ums Leben kamen.

Derart präzise auf die Spitze getrieben, erscheint das Vorgehen des Bürgermeisters Rajoelina darauf angelegt, ohne jegliche demokratische Legitimation einen Druck von der Straße zu erzeugen, der einen ökonomisch und politisch geschwächten Präsidenten Ravalomanana zur Abdankung zwingen sollte. Manch einer fragt sich jedoch, wie es einem so jungen Mann, der auf seiner Karriereseite „Disc-Jockey und Unternehmer in der Unterhaltungsindustrie“ (nota bene: in einem der ärmsten Länder der Welt) verzeichnet, gelingen mag, derart komplex auf einem Territorium zu agieren, das beinahe eineinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. Hinweise führen nach Frankreich, vor allem in die Richtung des ehemaligen Machthabers Ratsiraka, der bei Paris ein goldenes Exil genießt.

So hat Rajoelina kurz vor Ausbruch der Krise einen Beraterstab in das Rathaus der Hauptstadt berufen, der mehr als nur eine Bindung zum ehemaligen Regime aufweist. Da ist einmal Ny Hasina Andriamanjato, unter Ratsiraka langjähriger Minister für Post und Telekommunikation, der nach der Wahl Ravalomananas seinen Posten räumen musste. Er ist Sohn des charismatischen evangelischen Pastors Richard Andriamanjato, eine der größten Stützen des Regimes Ratsiraka, regelmäßiger Gast der französischen kommunistischen Partei in den 70er bis 90er Jahre und Präsident der damaligen Nationalversammlung Madagaskars. Er gilt auch heute noch als Gewährsmann des ehemaligen Machthabers. Da ist andererseits Elia Ravelomanantsoa, umtriebige Geschäftsfrau, die über die von ihr mitbetriebene „Synergy Communications“ und die jährlich stattfindende Technologiemesse über beste geschäftliche Verbindungen nach Frankreich verfügt. Beide waren gegen Ravalomanana bei den Präsidentschaftswahlen 2006 angetreten und vernichtend geschlagen worden. Und da ist schließlich General Dolin Rasolosoa, der unter dem alten Regime Chef des Generalstabes der Armee war und damit vormals einer der ranghöchsten Militärs.

Aber auch der französische Staat ist nicht völlig desinteressiert an dem, was sich derzeit auf der Vanilleinsel abspielt. Erst vor kurzem hat etwa Colas, französischer Tiefbaukoloss, seinen gesamten Fuhrpark in Madagaskar für mehrere Millionen Euro erneuert, nachdem die komplette Instandsetzung des geteerten Straßennetzes mit über fünftausend Kilometern in den Büchern zu stehen verspricht. Während Deutschland zwar einen ehemaligen Bürgermeister als Präsidialberater stellt, der sich auch um Industriepartnerschaften kümmern soll, steht in der Mitgliederliste der franco-madagassischen Handelskammer CCIFM das Who’s who der französischen Industrie.

Dieser indirekten Einflussnahme des ehemaligen Mutterlandes wollte Präsident Ravalomanana nicht nur wegen der Unterstützung seines ehemaligen Widersachers Grenzen setzen. Fest verankert in geschäftlichen Verbindungen mit US-, australischen und südafrikanischen Firmen will er die englische als weitere Amtssprache einführen. Erdölproduktion, Titaneisenabbau, Flugzeugausstattung der nationalen Luftlinie, in all diesen besonders ertragreichen Gebieten wurden seit der Amtsübernahme 2002 amerikanische und australische Firmen und Fachleute bevorzugt. Selbst der traditionelle Handel mit Edelsteinen und Gewürzen droht in nichtfranzösische Hände abzuwandern. Eine Revision dieser Entwicklung müsste Frankreich insoweit wünschenswert erscheinen.

Auf der anderen Seite stellt sich die geostrategische Frage. Nachdem in absehbarer Zeit der Nutzungsvertrag der USA für den englischen Marinestützpunkt Diego Garcia im indischen Ozean abläuft, könnte es sein, dass der natürliche Hafen von Antsiranana im Norden Madagaskars nebst bestehenden Werften eine denkbare Alternative darstellt. Die Hoteliers in der Stadt, europäisch Diego Suarez genannt, haben sich in letzter Zeit verwundert die Augen gerieben, wie viele amerikanische Touristen plötzlich die Stadt für sich entdeckt haben.

Die Bevölkerung selbst ist, wenn sie denn in dem hauptsächlich ländlich geprägten Land überhaupt an Informationen herankommt, im inneren Zwiespalt. Dies spiegelt sich insbesondere in den Internet-Foren wider, wo Studenten, junge Unternehmer, aber auch Professoren und die Intelligentia trotz aller politischen Divergenzen in einer für europäische Maßstäbe sehr gesitteten Art und Weise auseinandersetzen.

Das gilt auch im Diskurs der Menschen auf den Dorfplätzen: Politischer Extremismus ist dort nicht anzutreffen. Genereller Tenor ist, dass man dem aktuellen Präsidenten seine Fehlentscheidungen und Entgleisungen nicht weiter durchgehen lassen kann. Andererseits haben sich die meisten von dem vormaligen Hoffnungsträger Rajoleina seit seinem Alleinherrschaftsanspruch abgewandt und qualifizieren ihn nur noch als „völlig unrealistisch“ und „offensichtlich vom Machtrausch besoffen“.

Das lange Schweigen der internationalen Gemeinschaft deutet darauf hin, dass man wohl unter Umgehung der Straße nach einer Coabitation sucht, die einerseits eine politische Stabilität garantiert, andererseits den umfassenden Machtanspruch des derzeitigen Präsidenten begrenzt. Eine Lösung könnte im Einsatz eines Premierministers liegen, der oppositionsnah mithilfe des Parlaments die weiteren Schritte des Präsidenten überwacht und publiziert, eine Aufgabe, die ihm gemäß der Verfassung durchaus zustünde. Auf diese Weise könnte man die Zeit bis zur nächsten Wahl 2012 überbrücken, der Aufbau geeigneter Kandidaten wäre eher möglich als die derzeitige Auswahl zwischen Pest und Cholera. Eine solche Form der Krisenbewältigung ließe hoffen, vor allem weil es verhindern würde, dass Madagaskar in einen Strudel von Machtkämpfen zwischen zwei Lagern gerät, die über kurz oder lang doch die Waffen sprechen ließen. Totale Auflösung wäre die unabwendbare Folge.


(*) Der Beitrag wurde von mir erstmals am 1.2.2009 in der damals noch existierenden Community der Wochenzeitung die Zeit veröffentlicht. Unter dem gleichen Datum lege ich ihn heute (27.10.2017) hier bei den Ausrufern ab.
Weiterführende Links: La Françafrique dans l’ombre d’Andry Rajoelina, La France, acteur-clé de la crise malgache
Beitragsbild: Collage der Zusammenstöße am 7.2.2009 in Antananarivo, screenshot