Flexblue, ein neues atomares Geschäftsmodell

Posted on 7. März 2011 von

0


Ist das nicht eine fabelhafte Idee? Unsichtbare Kernkraftwerke, weil unter Wasser, mobil für eine Welt, die immer mehr Hunger nach Energie hat; und Angst vor der Zukunft. Frankreich will sie uns nehmen, auf ganz eigene Art.

Hört sich nach Sci-Fi an und ist ganz konkretes Projekt. Es nennt sich Flexblue, ist französisch, will ein Problemlöser sein.

Die Herstellerfirma der geplanten 100 m langen submarinen Atomanlage DCNS hat eine bis ins Jahr 1631 auf Kardinal Richelieu zurück reichende Tradition im Bau von Waffen, genauer: von Kriegsschiffen. Heute eine Aktiengesellschaft, an der der französische Staat direkt und indirekt (über Thales) einen Anteil von rund 95% hält, ist ihr Geschäft die Rüstung. Die bislang spektakulärsten Auftragsarbeiten: Der atomgetriebene Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ (Indienststellung: 2001) und das strategische U-Boot „Le Terrible“ (2010).

Das Konzept von Flexblue basiert also auf dem schlichten Prinzip: Wenn ein U-Boot mit Kernkraft angetrieben werden kann, warum es nicht zur Gänze zur atomaren Energiegewinnung verwenden? Nicht verwunderlich, dass ein solches Projekt das Interesse des Energieproduzenten und Kraftwerksbauers AREVA geweckt hat. Ebenfalls zu mehr als 90% dem französischen Staat gehörend hat dieser größte Atomkonzern Europas heute Schwierigkeiten, Standorte für neue neben den 59 in Frankreich betriebenen Atomkraftwerken zu finden.

DCNS und AREVA haben Ende Januar bekannt gegeben, eine auf zwei Jahre angesetzte Machbarkeitsstudie durchzuführen. Dafür wird bis 2013 eine Pilotanlage vor Cherbourg errichtet. Das größte Antiatomkraft-Netzwerk Frankreichs, „Résau Sortir du nucléaire“ bringt es den Punkt: Die Anlage „wird für Stürme und Meeresströmungen anfällig sein. Wenige Kilometer vor der Küste platziert, wird sie das Meereswasser erwärmen und Radioaktivität ausstoßen, die weit verstreut werden wird. Denn tatsächlich ist Wasser das Medium, durch das sich Radioaktivität besonders leicht verbreitet.“

Kanalisierung von Bedürfnissen und Ängsten

Man kann es auch anders sehen. Nachdem die Anlage nicht an Land errichtet wird, entfallen praktisch alle baurechtlichen Einwendungen von Anwohnern. Auch die spezifischen landschaftsschutzrechtlichen Behelfe werden obsolet und damit ein Großteil der juristisch verankerten Möglichkeiten, eine solche Anlage zu verhindern. Fragen nach Enteignungen oder sonstige Landnahmen stellen sich erst gar nicht. Und dass solche Vorhaben gegen das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser verstoßen könnten, dürfte energiespekulativer Hemdsärmligkeit ohnehin gleichgültig sein. Ein praktisch unreguliertes Feld ist damit eröffnet. Beste Voraussetzungen für einen buchstäblich unbegrenzten Exportschlager .

Mehr noch: Die Devise „aus den Augen, aus dem Sinn“, die sich bereits bei (Atom-Müll)Entsorgungen oder Ölplattform-Desastern bestens bewährt hat, erfährt eine weitere Steigerung. Die unmittelbar an die Wurzeln der Nahrungskette „Meer“ geht. Sie geht Hand in Hand mit den latenten Ängsten beim Anblick von gigantischen Bauten, obwohl diese bei AKWs als Kühltürme gerade nicht die Gefahr sind; bei submarinen Anlagen entfielen sie zur Gänze. Und die Furcht vor der nicht greifbaren Radioaktivität wird durch Unsichtbarmachung deren Quelle um ein paar Gran gemildert.

Entgegen der Sicherheitsaspekte, die von den französischen Staatsunternehmen betont werden (u.a. Schutz vor terroristischen Angriffen), kombiniert die Technologie aber zwei potentiell nicht beherrschbare Gefahrenlagen und potenziert sie damit: Atomenergiegewinnung bis zu 250 MW mit dem Arbeiten unter Wasser. Bei der Katastrophe der Deepwater-Horizon im vergangenen Jahr hat sich erwiesen, dass submarines Arbeiten unmöglich ist, wenn Werkzeuge versagen. Der Mensch selbst ist dort nur begrenzt einsetzbar. Druck, Kälte und Sauerstoffmangel reduzieren mit dem Zusatz des radioaktiven Fall-outs im Notfall seine Fähigkeiten auf Null.

Sie glauben das nicht? Dann sagt Ihnen auch K141 nichts, besser bekannt als Kursk oder alle anderen tödlichen Unfälle im Zusammenhang mit U-Booten. e2m

Verschlagwortet: , , ,
Posted in: Pimp (my) Nature