Taxi Wien

Zauberworte

 von Eleonora Sternfeld

Mein Sohn und ich entsteigen einem Taxi in Wien. Ich gebe Trinkgeld und sage „Auf Wiedersehen“,  der Taxler sagt: „Schönen Abend“. Mein Sohn Max sagt: „Gute Fahrt“. Der Taxler antwortet überschwänglich: „Ja, vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen, wünsch’ Ihnen einen wunderschönen Abend!“ 

„Was war denn das jetzt für ein Gefühlsausbruch?“ frage ich mich und meinen Sohn. Da ich immer freundlich zu den Taxlern und auch recht großzügig mit Trinkgeld bin, habe ich noch nie Grund gehabt, mich über Grantscherben und Miesepeter am Taxisteuer zu beschweren, aber sooo supernette Fahrer habe ich auch noch nie erlebt. 

Max erklärt mir, dass er seine neue Freundin abends öfters mit dem Taxi nach Hause bringt, weil sie in ihren Stilettos nicht so weit und so schnell gehen kann. „Ja, und da habe ich mir überlegt, was eine Alternative zu ‚Auf Wiedersehen’ sein könnte, denn einen Taxler sieht man ja kaum jemals wieder.“ So kam er auf das Zauberwort „Gute Fahrt“.  „Es wirkt Wunder, Mutter, die Taxler sind immer  mehr als begeistert, wenn ich ihnen eine gute Fahrt wünsche“, versichert mir mein Sohn. 

Mütter glauben selbst ihren erwachsenen Kindern a priori und grundsätzlich fast nichts. Dieser eine Taxifahrer könnte ja eventuell schwul gewesen sein, ein anderer könnte ein Auge auf die wundervolle Freundin meines Sohnes geworfen haben – so und ähnlich argwöhnte ich vor mich hin. Bis zu meiner jüngsten  Taxiheimfahrt nach einem Theaterbesuch vorige Woche. Als Einzelfahrgast beschloss ich, die Probe aufs Exempel zu machen. Ich zahlte, gab Trinkgeld, holte tief Luft und sagte gespannt: „Gute Fahrt!“ Der Taxler drehte sich um zu mir auf dem Rücksitz, schaute mich gerührt an und antwortete: „Danke, das ist aber sehr lieb von Ihnen“.

Ich stieg beschwingt aus, tat meinem Sohn innerlich Abbitte und beschloss, das hoch effiziente Zauberwort in mein Repertoire aufzunehmen. Nicht als Plagiat, das Copyright gehört Max. Sondern als Lernwort: Freundlichkeit mutiert erst dann von der Floskel zur Pretiose, wenn sie das Gegenüber wirklich persönlich würdigt. Vergessen Sie das bitte nicht, geschätzte Leser, wenn sie „Gute Fahrt“ ebenfalls übernehmen, wogegen nicht das Geringste einzuwenden ist.

Und sollten Sie Eltern sein: Sie brauchen Ihren Kindern nichts zu glauben. Aber Sie dürfen von ihnen lernen. 

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5 Gedanken zu “Zauberworte

  1. Vorweltlich zur topmobilen Welt des Erzählten habe ich den „Guten Weg!“ als Abschieds- und Wiederkommensgruß zu bieten, kennengelernt in den Tiefen des grün-alternativen Jahrhunderts, heute gern fürn Postboten und für zufällig daherradelnde Bekannte genutzt.
    Überhaupt: Das freundlich gelächelte Wort hat schon manchen Tag schöner gemacht wie ein schließlich gemeinsames Lachen eine eskalierfähige Gegenstellung ins Nichts aufgelöst.
    Zauberworte, Wortgeschenke – sehr heimeligwarm.

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  2. Hier in Berlin beschränken wir uns gemeinhin auf ein kurzes und trockenes »Tschöss!«. Berliner Taxifahrer texten ihre Fahrgäste entweder vollkommen eigenständig zu oder sie geben eben nichts von sich, was sich auch durch ein Trinkgeld beim Verabschieden nicht ändert. Manche sind vor allem dann froh, wenn sie durch den Fahrgast wieder einen neuen Teil der Stadt kennenlernen durften und er im Idealfall sogar den Weg wusste. Eines darf man in Berlin nämlich nicht voraussetzen: Ortskundigkeit.

    Und sonst so? Charmante G’schicht, Frau Geheimrat.

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  3. 1:1 habe ich unabhängig der geschichte immer am wochenede nachm feiern den selben wortlauf genutzt und kann nur sagen das ich immer eine unerwartet freudlich“erschrockene“ verabschiedung erhalten hab

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