Rubygate reloaded: Problemlöser unterwegs

Beinahe wie eine Sportwette: Wie zieht sich Berlusconi diesmal aus der Affäre? Eine Fährtensuche zum „Fall Ruby“ in Marokko

Ganz siegesgewiss berichtete Il Giornale, die Tageszeitung der Familie Berlusconi, vor einigen Tagen davon, dass der italienische Ministerpräsident den „Fall Ruby“ nicht fürchte. Und da familienintern ohne große Zurückhaltung gesprochen wird, dürfen die „privaten Gespräche“ mit Silvio Berlusconi, so der Tenor des Artikels, dort auch ohne weiteres zitiert werden: „Wir haben den Beweis, dass Ruby zwei Jahre nach ihrer Geburt im marokkanischen Geburtenregister eingetragen wurde.“ Dementsprechend der Titel auf erster Seite im Print und 206 online-Kommentare auf der Netzpräsenz: „Der Premier zieht ein Ass aus dem Ärmel: Ruby war volljährig.“

Titelblatt 03.03.2011Damit wäre einer der Anklagepunkte, denen sich Silvio Berlusconi ab Anfang April vor einem Mailänder Strafgericht stellen muss, hinfällig – dem der Prostitution mit einer Minderjährigen. So entfiele aber auch mittelbar die weitaus gravierendere Anklage wegen Amtsmissbrauchs. Denn seine telefonische Intervention bei Ermittlern in Mailand wäre bestenfalls nur noch grober Unfug gewesen. Nicht die rechtswidrige Unterbrechung eines amtlichen Fürsorgeverfahrens gegenüber einer wohnsitzlosen Minderjährigen hätte er damit beeinflusst, sondern nur einen Scherz zugunsten einer (volljährigen) Gespielin durchgezogen. Das ist doch nur menschlich, vor allem für einen wie Silvio und nicht ernsthaft strafbar. Oder?

Il Fatto Quotidiano, die in Rom erscheinende unabhängige Tageszeitung, die mit einem Artikel vom 26. Oktober 2010 Rubygate ins Rollen gebracht hatte, veröffentlicht heute exklusiv in Print und online eine Reportage unter dem Titel: „Geld, um das Alter von Ruby zu ändern – Wer hat sie geschickt?“ Es ist die Geschichte von Fatima (Name anonymisiert), einer Beamtin am Geburtsort von Ruby, bürgerlich Karima El Marough, in Marokko. Sie sei Anfang Februar von drei Männern kontaktiert worden, zwei davon erkennbar Italienisch sprechend, der Dritte als Dolmetscher fungierend. Es sei ihr Geld geboten worden, um die Geburtsdaten einer Frau namens Karima El Marough zu ändern.“Ein bedeutender Betrag“ wie Il Fatto unter Berufung auf Fatima berichtet, um in den  handgeschriebenen Registern „einen Fehler zu korrigieren“, wie ihr suggeriert worden sei  – das des tatsächlichen Geburtsjahres und das von zwei Jahren vorher. Was bedeutet hätte, zwei volle Jahrgänge neu zu schreiben, den einen diesmal ohne, den anderen mit der Zertifizierung eines bestimmten Geburtsjahres.

Bis jemand „Nein!“ sagt

Titelblatt 10.03.2011Fatima soll die sonderbaren Begebenheiten sofort ihren Verwandten in Italien per Telefon erzählt haben, die die verblüffte Frau erst einmal über Ruby, Bunga-Bunga und damit zusammenhängenden Verfahren in Italien aufgeklärt hätten. Fatima entschied sich, so die Zeitung, gegen den bedeutenden Betrag und dafür, ihre Geschichte zu erzählen. Zu einer Zeit, wie Il Fatto betont, als die Frage nach dem Alter der Gespielin des Ministerpräsidenten noch keine öffentliche war.

Was aufgeworfen ist, ist nur logisch: Wer hat die Männer zu Fatima geschickt? Worauf sich anschließt: Was meint Il Giornale mit „wir“, jenem Zitat des  Ministerpräsidenten? Während letztere ganz sicher nicht gestellt oder beantwortet werden wird, kann man an die erste viele weitere Fragen anschließen. Zum Verhältnis Europas zu arabischen und afrikanischen Staaten etwa, zu Problemlösungen via Bakchich, zum Kern: Wer transportiert Korruption – der, der Geld annimmt oder jener, der unterstellt, andere seien in jedem Fall käuflich.

Niemand wird ohne belastbaren Beweis behaupten können, und auch dieser Blogger tut es nicht, dass die Geschichte von Fatima mit Prozessen in Italien zu tun hat. In einem Klima der Verunsicherung und der offenkundigen Vermischung von privaten mit öffentlichen Interessen entstehen aber stets Systeme kreativer Problemlösungen. Bis eine einfache Beamtin in der marokkanischen Kleinstadt Fkih Ben Salah „Nein!“ sagt. Und die Systeme kurzschließt. e2m

 

Ergänzung um 23:00 Uhr:

Mit einer Note vom Vormittag haben die Anwälte des italienischen Ministerpräsidenten, Piero Longo und Niccolò Ghedini, mitgeteilt, dass „Präsident Berlusconi Auftrag erteilt hat, bei den Justizbehörden einschlägige Anzeige zu erstatten, um festzustellen, ob die von Il Fatto Quotidiano erzählte Begebenheit der Wahrheit entspricht oder nicht. In jedem Fall handelt es sich dabei um eine Begebenheit, die darauf abzielt, auf verdeckte Weise Herrn Präsidenten Berlusconi schwer zu schädigen, der an eventuell rechtwidrigen Verhaltensweisen völlig unbeteiligt ist.“

Inzwischen ist der Artikel praktisch von allen Zeitungen und ihren online-Präsenzen in Italien übernommen worden. Die Opposition will die unverzügliche Abhaltung einer aktuellen Fragestunde im Parlament beantragen.

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