Nuklearer Notstand in Japan (4. update, 12.03.2011, 14:25 Uhr und Ende)

Posted on 11. März 2011 von

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Das Beben, das heute Japan erschüttert hat, ist für die betroffenen Menschen schwer. Noch fehlt der Überblick über das ganze Ausmaß der Verwüstungen. Nach Erdbewegung und darauf folgendem Tsunami, droht nun eine nukleare Verseuchung? (Updates am Ende des Textes)

Die Bilder, die uns vor allem über das Netz im Minutentakt erreichen, sind grausam. Sie zeigen greifbar, was die Erdstöße (11.03.2011, 06:46 MEZ, Stärke 8,9, ca. 130 km östlich von Sendai/Honshu, Bebentiefe bei ca. 24,4 km) und die darauf folgende Riesenwelle (Tsunami) angerichtet haben.

EpizentrumUnd doch ist dies für Japan weder etwas Neues noch Ungewöhnliches. Durchschnittlich alle 7,5 Stunden ereignet sich auf den langgezogenen Inselgruppen, die das Land bilden, ein Beben. 1923 forderte das Beben in der  Kantō-Ebene (ebenfalls Honshu) etwa 143.000 Tote. Die bislang letzte große Erdbewegung traf 1995 die Hafenstadt Kobe, wobei Schätzungen zufolge 5.000 Menschen starben.

Die Konstellation ist dieses Mal weitaus beunruhigender. Denn am östlichen Küstenstreifen der Hauptinsel Honshu, der von Beben und Tsunami hauptsächlich betroffen ist, stehen vier große Atomkraftwerke: Tōkai, Fukushima-Daini, Fukushima-Daiichi und Onagawa mit insgesamt 14 Reaktoren verschiedenen Typs und Alter. NBC-News hat ein Video veröffentlich, wonach es in der Reaktorgruppe von Fukushima brenne. Darauf habe die Regierung den „nuklearen Notstand“ für das Gebiet ausgerufen. Ein Widerspruch in sich, denn die Verhängung dieses Ausnahmezustandes erfolgt nur bei Verseuchung. Offiziellen Angaben zufolge habe es jedoch keine Kontamination gegeben und die Situation sei unter Kontrolle. Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO in Wien gibt sich mit einem um die Mittagszeit MEZ editierten Beitrag nicht beunruhigt: „Japanese authorities later reported that the four nuclear power plants closest to the quake had been safely shut down.”

Informationspolitik ungenügend

betroffene KernkraftwerkeIm krassen Gegensatz dazu steht das 4. Update des Artikels zu „Erdbeben und Tsunami“ bei heise online, wonach via Twitter von Greenpeace Radio Tokyo den Austritt von Strahlung bestätigt habe. Der englischsprachige Kanal des Tokyoter Senders NHK-World berichtet, dass um Fukushima 1 die Anwohner innerhalb eines Radius‘ von 3 km zur Evakuierung, die innerhalb eines weiteren Kreises von 10 km zum Verbleib im geschlossenen Räumen aufgefordert worden seien. Das ausgebrochene Feuer betreffe Kühlpumpen und Notstromaggregate, die auch nach dem Herunterfahren der Kraftwerke für Kühlung sorgen müssen, da sonst eine Kernschmelze droht. Mittlerweile berichtet der Sender ntv davon, dass in Fukushima der Kühlbetrieb nur noch per Batterien erfolgt, was aber nur für wenige Stunden möglich ist.

Tatsache ist, dass zehn Stunden nach Beginn der Ereignisse weder die Bevölkerung in Japan noch die Weltöffentlichkeit ein klares Bild davon haben, ob durch die geballte Beschädigung von drei Nuklearstandorten mit 14 Reaktoren tatsächlich Gefahr besteht oder sie sich vielleicht bereits realisiert hat.

In Japan werden insgesamt 54 Reaktoren betrieben, die eine Gesamtleistung von 279.229.53 GWh(e) produzieren. Das entspricht ungefähr einem Drittel der gesamten Energieproduktion von (Stand Ende 2010:) 955848.848 GWh(e). Zwei weitere Reaktoren sind in Bau.

(Artikel vom 11.03.2011, 17:15 Uhr) 

Update 19:30 Uhr: Lt. ZDF  würden Radioaktivität und Temperatur innerhalb des AKW Fukushima „dramatisch“ steigen.  Mittlerweile seien über 6.000 Menschen aus der Region evakuiert worden. Die Nachricht wird so von CNN um 1:01 p.m. EST bestätigt. Weder IAEO noch JAIF, das Forum der japanischen Atomindustrie noch Japans Agentur für Reaktorsicherheit haben seit den Vormittagsstunden Meldungen abgegeben oder auf den neuesten Stand gebracht.  World Nucelar News, internationale Internetpräsenz der Atomlobby ist ebenfalls seit Mittag seltsam schweigsam, obwohl deren Redaktion in den USA sitzt; dort ist es gerade taghell.

2. Update, 20:15 Uhr: AP meldet, dass die japanische Reaktorsicherheitsbehörde „leicht radioaktiven Dampf“ aus einem der Reaktoren des Fukushima-Daiichi-Kompkexes entlassen wolle, um den mittlerweile auf das 1,5-fache gestiegenen Überdruck im Inneren des Reaktorgebäudes abzubauen. „Die Behörde sagt, dass der radioaktive Anteil des abzulassenden Dampfes weder die Umwelt noch die menschliche Gesundheit beeinträchtigen werden.“
Die Prognosen, was schädlich sei oder nicht, sind mit Pinzetten anzufassen. Bereits mehrfach wurde Kraftwerksbetreibern und Aufsichtsbehörden in Japan u.a. von Greenpeace nachgewiesen, dass sie bei Zwischenfällen mit falschen Zahlen operierten oder Zustände erst zugaben, als ihnen belastbare Beweise dafür vorgelegt worden wurden.
Ausführlicher Bericht bei readingeagle.com.
Ergänzung um 23:15 Uhr: Mashable hat ein HowTo zur Online-Verfolgung der Ereignisse in Japan online gestellt (thx Kosok via freitag.de)

3. Update, 12.03.2011, 10:00 Uhr: Der Korrespondent des ZDF in Tokyo, Johannes Hano, berichtet, „dass die Decke in das Gebäude eines Reaktors gefallen ist“. Vorher war eine schwere „Explosion“ festgestellt worden. Die Bevölkerung um die Anlage sei aufgefordert worden, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Der GAU dürfte zu Tage getreten sein.
Seit heute Nacht gegen 04:00 Uhr hat die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO in Wien ihr Presseportal in einen Blog verwandelt, der sich nun „IAEA-Alert Log nennt. Als die Seite von mir das letzte Mal heute früh um 01:30 Uhr konsultiert worden war, stand alleine der Bericht, so wie er oben im Artikel zitiert ist, von 12:45 MEZ. Und in der Tat, einen älteren Eintrag als diesen gibt es auf dem Blog nicht. Woher die „neueren nun kommen“, sollte man sich fragen. Der Blog von „07:30 CET“ zeichnet nach, dass mittlerweile die Evakuierung von Menschen 10 km um den Fukushima-Daiichi-Kompkexes begonnen habe. Über Explosionen ist nichts zu lesen, obwohl die Presseagenturen mit der Meldung überborden.
World-Nuclear-News berichtet um 08:30 GMT von einer „Schlacht, um die Situation zu stabilisieren“. Bestätigt wird darin, dass vom Inneren von Daiichi-Reaktoren massiv Dampf abgelassen wurde und damit Radioaktivität in die Umgebung gelangt ist.
Auf der Seite von JAIF (Japan Atomic Industrial Forum) keinerlei Update seit gestern.
NISA (Nuclear and Industry Safety Agency in Japan) gibt seit ein paar Stunden Bulletins heraus.
Die offiziellen Anweisung der japanischen Regierung sind auf der Seite von Premierminister Naoto Kan nachzulesen.
AP meldet, dass im Daiichi-Komplex nach einer Explosion Wände eines Gebäudes eingestürzt sind. Angaben zu Verletzten und Schäden, auch dazu, ob es sich um ein Reaktorgehäuse handelt, konnten von der Betreiberfirma Tokyo Power Electric Co. nicht erlangt werden (via Floridatoday.com)

4. Update, 12.03.2011, 14:25 Uhr: Dass es einen „GAU“ gegeben hat, kann nun nicht mehr abgestritten werden. Was das bedeutet, illustriert ein Beitrag der ARD .
Wer sich einmal Werte von heute des Bayerischen Umweltamtes anschauen möchte, kann sich hier bedienen.
Damit beende ich die Updates.

[Ergänzung 18.03.2011, 20:00 Uhr:  Chikayo Morijri bloggt bei freitag.de, Yuko Ichimura schreibt für die SZ aus Tokyo;
22.03.2011, 11:00 Uhr: Links zu den unmittelbar Betroffenen zusammengestellt von Johannes Kuhn in der SZ „Vernetzt in Trauer und Furcht„]

Posted in: Pimp (my) Nature