GAU und WUT

GAU, lernen wir, sei der „größte anzunehmender Unfall im Zusammenhang mit der technischen Auslegung eines Kernkraftwerkes“. Ein sehr relativer, ein fast niedlicher Begriff also. Wut ist absolut, und sie steigt an

In der klinischen Sprache der „Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse“ (INES für International Nuclear Event Scale) nennt man das „Störung“ bis „katastrophaler Unfall“. Seit einigen Stunden wissen wir, dass im Fukushima-Daiichi-Komplex an der Ostküste Japans bereits ein „schwerer Unfall“ (Stufe 6) passiert ist. Vermutlich ist die Welt bereits darüber hinaus. Nach Three Miles Island 1979 (Stufe 5, ernster Unfall), Tschernobyl 1986 (Stufe 7, katastrophaler Unfall) nun ein Fukushima 2011? GAU, selbst Super, bezeichnet das alles nur höchst unzulänglich.

In der vormaligen UdSSR stand die Anlage von Tschernobyl mit sechs Reaktoren in einem relativ dünn besiedelten Raum. Die Stadt Prypjat etwa war im Dienste des Kraftwerkes errichtet worden, in dessen Zeichen wurden alle 50.000 Einwohner evakuiert. Sie ist heute Geisterstadt und Ziel von Gruseltourismus.  Zum Ausgleich wurde die Stadt Slawutytsch errichtet, während die Sperrzone um das AKW in der Folge auf rund 4.300 km² ausgedehnt wurde. Das geht in einem Land wie Japan nicht, einem Inselstaat der eine Bevölkerungsdichte von 337 Einwohnern pro km² hat.

Es beginnt immer in einem Bergwerk

Nicht nur für Japan ist Atomkraft mit all ihren Erscheinungsformen unentrinnbar. Es beginnt bereits dort, wo der nukleare Brennstoff geschürft wird. In den Städten Arlit und Akokan in Niger, wo das französische Staatsunternehmen AREVA 80.000 Menschen der unmittelbaren Kontamination aussetzt; in den tödlichen Geheimnissen um das kanadische Uran in Saskatchewan; in der völlig undurchsichtigen Situation um Minen in Kasachstan, die demnächst auch China beliefern sollen. Kontamination durch entweichendes Radon und radioaktiven Staub, des Wassers durch Infiltration und Auswaschungen, unsachgemäße Lagerung von „nicht rentablen“ aber gleichwohl mit Uran versetzten Gesteinsmassen, sie alle sind ständige Begleiter des Abbaus der Brennstoffe für Atomkraftwerke.

Die Spätfolgen dieses verniedlichend als Bergwerkstätigkeit bezeichneten Raubbaus sind retrospektiv heute noch anhand der relativ kleinen Minentätigkeit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR illustriert. Alleine für die Sanierung auf den Gebieten von Sachsen und Thüringen wurden Mittel von rund 7 Milliarden Euro geplant, um Schächte wie Zobes oder offene Gefahrenquellen wir die Halden in Vogelsgrün, Tirpersdorf oder Klingenthal in den Griff zu bekommen. Eine Zusammenstellung der effektiven Kosten (und Auswirkungen auf die Bevölkerung) sucht man vergeblich. Wie mag es dann dort aussehen, wo heute täglich tausende von Tonnen Material aus der Erde geholt werden, aber buchstäblich jede Containment-Maßnahme fehlt? Wer meint, das sei alles sehr weit weg, sollte sich mit den weltweit wirkenden Luftströmungen auseinandersetzen, die sich bis hierher auswirken: Sichtbar als Sahara-Sand nach einem Regen in Föhnlage. Und: Rund 80 % der radioaktiven Abfälle stammen aus dem Abbau selbst, ob als Halden oder Schlämmen.

Die gravierendsten Spätfolgen sind ebenfalls billigend in Kauf genommen. Noch gibt es weltweit keine einzige sichere Aufbewahrungsmöglichkeit für hochradioaktive Abfälle, deren Halbwertzeit mehrere zehntausend Jahre beträgt. Was nichts anderes bedeutet, dass von ihnen erst in erdgeschichtlichen Dimensionen keine Gefahr durch Kontamination mehr ausgehen wird. Es wird geschätzt, dass per 2009 jährlich 12.000 Tonnen dieser hochgiftigen Substanzen alleine von Kernkraftwerken angefallen sind. Gerne mag man sich die Steigerung bei der weltweiten Ausdehnung der Energiegewinnung per Atomkraft nicht vorstellen.

Und so weiter, immer weiter

Der Gier nach dem Ausgangsmaterial und die Gleichgültigkeit gegenüber dem produzierten Abfall sind  keine Grenzen gesetzt, denn weltweit nimmt die Aufstellung von Reaktoren zu. Derzeit sind es 317 zzgl. 65 aktuell im Bau. Dies beinhaltet aber nicht Programme, die beschlossen und noch nicht umgesetzt sind. Italien plant den Wiedereinstieg in die Atomtechnik mittels vier Meiler mithilfe von AREVA, deren Bau 2013 beginnen soll. Nach Marokko und Tunesien hat Frankreich je zwei Kernkraftwerke verkauft, auch hier soll der Bau binnen der nächsten 2 bis 3 Jahre beginnen. Noch ehrgeiziger ist Vietnam: In einer Sitzung der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO in Wien im vergangenen Februar wurde bekannt gegeben, dass das Land mit japanischer Hilfe ein Programm für 14 AKW aufgelegt hat. Wie weit der Energiehunger in Indien oder China geht, ist schlicht unbekannt.

Wie das in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, sollte man sich nicht mehr vorstellen dürfen. Denn die nunmehr bestätigte Kernschmelze in Japan hat die letzte heilige Kuh der Atom-Lobby geschlachtet. Wollte man sich in Harrisburg noch auf die ungenügende Ausrüstung eines Kontrollraumes hinaus reden oder in Tschernobyl die systemische Anfälligkeit unterstellen, die Technik mit Politik gleichsetzte, so ist Made in Nippon etwas ganz anderes. Nicht nur im Klischee, sondern ganz konkret wegen der immer aktuellen Gefahr von Erdbeben ist dieses Land der Ingenieure in stabiler Baukunst so weit fortgeschritten wie kein anderes. Das sollte auch für die entsprechende Reaktorsicherheit gelten. Es hat sich gezeigt: Die Gewinnung von Strom durch Kernspaltung ist potentiell unbeherrschbar, weil die Natur selbst nicht beherrschbar ist. Im Freilandlabor Japan, wo seismische wie vulkanische Aktivitäten zum Alltag gehören, hat es sich erwiesen, von menschlicher Fehlbarkeit zu schweigen. Gleiche Erkenntnis müsste für den gesamten atomaren Werdegang von der Extraktion bis zu einer geplanten Lagerung über tausende von Jahren gelten – Sicherheit gibt es nicht, nicht einmal akzeptable Risiken.

Umdenken ist Politik

Gleichwohl hört die Atomindustrie nicht auf, noch skurrilere Pläne zu schmieden. AREVA und DCNS haben erst kürzlich mit einem Projekt Flexblue aufgewartet, einer Art U-Boot als nuklearer Stromversorger, verankert auf dem Meeresgrund dort, wo an der Küste Bedarf besteht. Offensichtlich hat man in Frankreich, dem Land mit der höchsten Atomenergiedichte weltweit, von Tsunamis noch gar nicht gehört. Und es scheint niemanden zu geben, der ernsthaft gegen diese Entwicklung, genauer gesagt: Denkweise anzugehen gedenkt. Das gilt vor allem in Deutschland.

Denn noch tut die lokale Anti-Atom-Bewegung so, als wäre sie der Nabel der Welt. Folkloristisch anmutende Castor-Proteste, bei denen „Schottern“ zur urbanen Guerilla hochstilisiert wird, Menschen- und Lichterketten: Das sind nette Entäußerungen, die an der Substanz nichts ändern. Denn die dafür verantwortliche Industrie, von den Minengesellschaften über die Betreiber bis hin zu privaten Entsorgern, exportiert ihr gefährliches Know-How überall sonst hin und lässt Deutschland als Insel der Seligen zurück. Sie agiert global und vernetzt, während die Artikulierung des Protestes partiell und aufgeteilt bleibt. Buchstäblich ohnmächtig.

Japan hat das Paradigma aufgezeigt: Wo man die ureigenen Gefahren natürlicher Kräfte geglaubt hat, mit Technik exorzieren zu können, betet man nun nach Wind aus der richtigen Richtung. Irgendwohin soll bitte der Schmutz getragen werden. Und welches Medium hat die steigende Wut, um endlich grenzenlos zu werden?

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Ein Gedanke zu “GAU und WUT

  1. Ich denke immer an Lingen, weil ichs kenne; wenn das hochgeht, wird Westfalen unds Ruhrgebiet evakuiert, Emsland war einmal bis Papenburg hoch, wo die dicken Traumschiffe gebaut werden. Vergleichbat mit Japan schätze ich, daß einfach die flächige Besiedlung am Ostfriesenspieß A 31 – vom Sealife Oberhausen bis zum Henry-Nannen-Museum Emden – auf Jahrzehnte zuende wäre.

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