Repost – Scheiß auf EURE Zukunft

Posted on 12. März 2011 von

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[Ende August letzten Jahres wurde eine bezahlte Presseanzeige veröffentlicht, in der sich ein Verein (siehe unten) für eine Laufzeitverlängerung aussprach. Die folgenden Zeilen spiegeln meine Stimmung und Gedanken kurz nach dem ersten Lesen wieder.]

Die Anzeige wurde bereits angekündigt und einen offenen Brief gibt es auch schon.

Die Anzeige ist toll formuliert und soll wohl ein warmes Gefühl hinterlassen, vielleicht so warm wie ein Brennstab.

Deutschland steht vor einer zentralen Zukunftsfrage: Wie sieht eine sichere, saubere und bezahlbare Energieversorgung aus? Es gibt keine einfachen Antworten. Wir brauchen Offenheit für neue Technologien, aber auch Vertrauen in bewährte Versorgungs- und Industriestrukturen. Und wir brauchen Mut zum Realismus – um die richtigen Leitplanken für die Zukunft zu setzen. Darauf kommt es aus unserer Sicht jetzt an:

„Sicher“, „sauber“ und „bezahlbar“ in die „Zukunft“ wer könnte da etwas gegen haben? Wir sollen offen sein für Neues aber vor allem „Vertrauen“ haben in Altes…entschuldigung „Bewährtes“. Und so wie 1986 brauchen wir „Mut zum Realismus“. Das heißt wohl: Nach dem Fall-Out keine frische Milch trinken und keine Pilze sammeln. Wie man „Leitplanken für die Zukunft“ setzt, möge mir ein Straßenbauer erklären.

„Herausforderungen annehmen: Die Zukunft gehört den Erneuerbaren
Die ökologische Ausrichtung unserer Energieversorgung ist richtig. Erneuerbaren und CO2-freien gehört die Zukunft. Deutsche Unternehmen engagieren sich mit Know-How und Investitionen, um ambitionierte Projekte voranzutreiben. Windkraft kommt aus der Nord- und Ostsee, Sonnenenergie aus Südeuropa und vielleicht irgendwann aus der Sahara. Wir sind in Europa und weltweit ein Vorreiter im Klimaschutz und in der Energieeffizienz. Und das soll auch so bleiben.“

Nein, unsere Atomwirtschaft und Ihre Unterstützer sind für „die Erneuerbaren“ aber erst in der Zukunft. Ist es dieselbe Zukunft in die uns die AKW begleiten sollen oder eine andere? Das liegt sicher an den Leitplanken,  die uns führen sollen. Wenn man mit diesen Geldmaschinen nichts mehr verdient, kommt „vielleicht irgendwann“ „Sonnenenergie“ aus der Sahara. Vielleicht sogar zu uns, in welcher Form auch immer.

Unter der Überschrift „Ökologischen Umbau ermöglichen: Investitionen politisch nicht blockieren“ kräht „Energiezukunft für Deutschland e.V.i.G.“ für Steuersenkungen, kein neues Konzept für Neoliberale. Hier wird behauptet, bei niedrigen Steuern käme es zu Investitionen. Subventionen wären natürlich auch hilfreich, also mehr als jetzt.

„Weichen stellen: weniger Bürokratie für eine starke Infrastruktur
Viele der neuen Energien werden weit entfernt von den Verbraucherzentren im Westen und Süden Deutschlands produziert. Deshalb müssen jetzt neue leistungsfähige und intelligente Stromnetze ebenso wie Energiespeicher mit Nachdruck entwickelt und ausgebaut werden. Solche Innovationen, die deutschen Unternehmen zudem attraktive Marktchancen eröffnen, sind nur mit weniger Bürokratie und schnelleren Genehmigungen zu verwirklichen. Dabei ist die deutsche Wirtschaft wie von jeher auf eine intakte und verlässliche Infrastruktur angewiesen.“

Ein weiterer Vorteil von weniger Bürokratie wäre, dass man nicht ständig Kontrolleure im Werk hätte, die herumschnüffeln, ob die Sicherheitstechnik genauso „intelligent“ ist wie die Stromnetze oder ob die Atomwirtschaft sich mit ihren „Innovationen“ lieber auf Gesetzgebung, Strombörsen und „attraktive Marktchancen“ beschränkt. Die „deutsche Wirtschaft“ ist von jeher auf „eine intakte und verlässliche Infrastruktur angewiesen“, außer bei Zwischen- und Endlagern, da darf es auch ein bisschen weniger sein.

„Wohlstand sichern: Energie muss bezahlbar bleiben
Eine starke und wettbewerbsfähige Industrie, die sich global behaupten muss, sichert die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland. Knapp ein Drittel unseres Wohlstandes und über 90 Prozent unserer Exporte werden von der Industrie erwirtschaftet. Aber nur unter gleichen Rahmenbedingungen, also ohne einseitige Belastungen, können unsere Unternehmen diese Position wahren. Das gilt vor allem für die energieintensive Industrie. Eine sichere, saubere und vor allem bezahlbare Energieversorgung ist deshalb für Deutschland unerlässlich. Erneuerbare Energien – insbesondere die Sonnenenergie – verursachen auf lange Sicht noch erhebliche Mehrkosten, in diesem Jahr allein 8 Milliarden. Damit die Preise für alle bezahlbar bleiben, können wir bis auf Weiteres nicht auf kostengünstige Kohle und Kernenergie verzichten.“

Viel Blabla und im ganzen Absatz steht kein Wort vom Endverbraucher. Es heißt also „alle“ bis auf den Endverbraucher.

„Realistisch bleiben: Deutschland braucht weiter Kernenergie und Kohle
Die regenerative Energiewende ist nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Erneuerbare brauchen starke und flexible Partner. Dazu gehören modernste Kohlekraftwerke. Dazu gehört auch Kernenergie, mit deren Hilfe wir unsere hohen CO2- Minderungsziele deutlich schneller und vor allem preisgünstiger erreichen können als bei einem vorzeitigen Abschalten der vorhandenen Anlagen. Ein vorzeitiger Ausstieg würde Kapital in Milliardenhöhe vernichten – zu Lasten der Umwelt, der Volkswirtschaft und der Menschen in unserem Land.“

Nachdem uns in den Absätzen vorher das Blaue vom strahlenden Himmel versprochen wurde, kommts nun dicke: „Realistisch bleiben“, ohne uns geht es nicht. Was mit „vorzeitigem Ausstieg“ gemeint ist, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht ist gemeint, dass ein Ausstieg schon in grauer Vorzeit sinnvoll gewesen wäre, dann ergibt die Anzeige keinen Sinn. „Zu früh“ können sie ja eigentlich nicht meinen, wenn man sich ansieht wie lange einige Meiler eigentlich hätten laufen sollen. Auch frage ich mich, wie man „Kapital in Milliardenhöhe vernichten“ will. Dafür braucht man wohl ein Kohlekraftwerk für die Scheine und eine Kernschmelze für die Münzen.

„Es geht um viel: die Sicherung der Lebensgrundlagen von morgen und die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland.“

Phantastisch. Wieso soll man nicht einfach mal das Gegenteil von dem behaupten, was viele Menschen, vielleicht die Mehrheit, als Wirklichkeit bezeichnen. Ich bin gespannt wieviele Menschen die Asse als ihre Lebensgrundlage sehen.

Im Original kann man sich auch die Unterzeichner einmal ansehen. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Fachleute. Nur aus dem Ingenieurwesen ist keiner dabei. Auch nicht aus der Physik oder dem Katastrophenschutz.

Wenn unsere Enkel das  Grundwasser nicht mehr trinken können, weil es verstrahlt ist, werden sie sich an die Worte der Unterzeichner erinnern: „Scheiß auf Eure Zukunft.“ Oder wie war das sonst alles gemeint?

Update 23.8.2010 11:30Uhr

In den Kommentaren sind einige interessante Links enthalten, die ich an dieser Stelle einfügen möchte.

Die Homepage des „Vereins“ ist hier zu finden.

Eine Dokumentation zur Atomkraft, Atomlobby und Atomausstieg in Deutschland kann man bei Youtube finden.

Ein Zusammenfassung zur Energiegewinnung weltweit gibt es bei brandeins.

Ein paar Zeitungsartikel zum Thema.

Update 25.8.2010 11:47Uhr

Kabarettistisch ist der Appell ebenfalls aufgearbeitet worden.

Update 28.8.2010 23:47Uhr

„Der Begriff Energiekonzept verschleiert, dass es im Kern um ein durchsichtiges Atom-Laufzeitverlängerungskonzept im Interesse der vier großen Energieversorger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW ist, zulasten von Klimaschutz und Erneuerbaren Energien.“

Die Regierung ist bereit zu Mitteln der Trickserei und Täuschung zu greifen, nur um die Atomkraft in Deutschland wieder hoffähig zu machen“

„Die Grünen werfen den EWI-Gutachtern Parteilichkeit vor, weil das Institut von Eon und RWE acht Millionen Euro über fünf Jahre bekommt.“

Update 1.9.2010 19:21

Die Halbwertzeit der Argumente der Atomindustrie ist reziprok zu der ihres Brennstoffs.

In der Sendung „Energiepolitik auf dem Holzweg“ (dRadio) wird herausgearbeitet, das kein Argument, welches sowohl in der Anzeige als auch in der Öffentlichen Diskussion für die Laufzeitverlängerung vorgebracht Bestand hat. Das Manuskript der Sendung ist online verfügbar.

Als Beispiel möchte ich hier den CO2-Ausstoß anführen. Eine Laufzeitverlängerung wird auch damit begründet, dass diese CO2 einsparen würde. Pustekuchen!

„Der Längerbetrieb der Kernkraftwerke sparet überhaupt kein CO2! Die paradoxe Situation ist ja, dass durch dies Längerlaufen von Kernkraftwerken gar kein CO2 eingespart wird; das klingt zunächst mal ungewöhnlich, aber wir haben eine emissionsarme Option Kernkraftwerke, wir haben aber auch ein regulatives Umfeld, nämlich den Emissionshandel. Wie gesagt, das Gute des Emissionshandels ist, dass wir die Emissionen ganz klar fixiert haben, das gilt nach oben, aber eben auch nach unten. Das Emissionsziel, und das ist das neue mit dem Emissionshandel, ist festgelegt. Wenn einer weniger emittiert, kann – vermittelt über eine entsprechende Preisreaktion für die CO2 Zertifikate, ein anderer mehr emittieren. Das heißt also, egal, was man in dem System tut, die gesamte Belastung des Klimas bleibt gleich, und von daher, und das ist die paradoxe Situation, hilft eine Laufzeitverlängerung dem Klima nicht.“

Die Grenze der jährlich erlaubten CO2 Menge wurde im April 2009 für die Zeit bis 2020 durch die EU festgelegt. Das war vor der Bundestagswahl, und damit vor der Debatte, die Laufzeiten für Atomkraftwerke zu verlängern. In das Emissionsziel, so Felix Matthes, ist die mögliche CO2 Reduktion durch Atomkraftwerke nicht eingerechnet. Wenn die den Kohlendioxidausstoß der Wirtschaft senken, dann

„kann eine Zementanlage, kann ein Stahlwerk mehr emittieren, dass heißt also, das Paradoxe ist, der Längerbetrieb der Kernkraftwerke spart überhaupt kein CO2.

Vielen Dank an ed2murrow, cassandra, mh, jps-mm und wernerkampmann.

[Zuerst erschienen auf freitag.de]