Regenerativ bedeutet radikales Umdenken

Posted on 16. März 2011 von

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Ändern will Politik in Sachen Strom aus der Steckdose  hierzulande etwas, so lautet der Tenor wieder einmal und gerade innerhalb zweier Tage. Progressiv in Wortwahl und Entscheidungen, parallel zur Verschärfung der Situation an der japanischen Ostküste. Was aber das genau sei, von dem seltsamen Wort Moratorium und seinen Deutungsmöglichkeiten abgesehen, vermag zur Stunde eigentlich niemand so recht sagen. Viele wollen es auch gar nicht.

Konträre Beispiele mit Symbolkraft

Seit 2009 regt sich Widerstand gegen eine Photovoltaikanlage der Familie Thurn und Taxis in Niederbayern. 200 Hektar Land, bebaut mit Paneelen und damit Strom für rund 18.000 Haushalte. Die Bürgermeisterin einer Nachbargemeinde: „Wer hier wohnt, sieht bald nur noch ein riesiges silbernes Meer“. Die geplante Errichtung einer Windkraftanlage 15 km von der Wartburg entfernt brachte im vergangenen Sommer das deutsche Weltkulturerbekomitee der UNESCO in Wallung: Die „mittelalterliche Burg in Deutscher Waldlandschaft“ bilde eine „Einheit mit der umgebenden, bewaldeten und unberührten Mittelgebirgslandschaft“, die durch den Bau gestört werde. Und die Netztrasse zwischen Windkraftanlagen von der Küste und Berlin beschäftigt seit mehr als zwei Jahren Umweltschützer wie Behörden. Nicht nur, weil die Starkstromleitungen durch ein UNESCO-Reservat führt, sondern weil der davon ausgehende „Elektrosmog eine Gefahrenquelle“ darstelle.

Im Schatten der Heilsversprechen aus sauberer Stromgewinnung hat sich eine Industrie des „dagegen“ breit gemacht, die ganz konkret bremst, wo sie nur kann. Von der undurchsichtigen Subventionspolitik abgesehen, sind es vor allem Gerichte, die derzeit zu entscheiden haben, was regenerativ erlaubt sei: Überall dort, wo etwa eine Photovoltaikanlage auf dem Dach eines denkmalgeschützten Gebäudes errichtet werden soll und mittlerweile im Regelfall, wenn irgendwo eine Windmühle in den Himmel schießt– „gegen Windkraft“ ist bestens gerüstet und überwiegend gerichtsfest. Ähnliche Entwicklungen sind bei großflächigen Solaranlagen zu erwarten. Der weitere Ausbau von Fließwasserkraftwerken sei an dieser Stelle verschämt verschwiegen, so wie man sich nicht vorstellen mag, welche Hölle bei unterirdischen Speicheranlagen los sein wird.

Nur mit einer gewissen Bewunderung können daher die nonchalanten Ausführungen eines Franz Alt gelesen werden (derFreitag, „Erneuerbar statt atomar!“), der  die Selbstverständlichkeit „von 20 mal so viele Solaranlagen wie heute, dreimal so viele Windräder , eine Verdoppelung der Bioenergie“ postuliert. Dreimal so viele Windräder bedeutet: Über 63.000 statt der bisher errichteten rund 21.000. Wohin mit ihnen, das soll natürlich Politik beantworten, so Alts subliminale Botschaft. Wie uns allerdings die Lektüre neuerer Strategiepapiere zur regenerativen Zukunft lehrt, ist nicht nur Politik nicht dafür gerüstet, sondern es fehlt schlicht das Planungsinstrumentarium. Der Endbericht des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) zu Genehmigungsverfahren beim Netzausbau vom Mai 2010  bringt es auf den Punkt: Raumordnungsverfahren in der derzeitigen Form würden „funktionell überfordert, Raumordnung und Fachplanung funktionell entdifferenziert. Beides mindert die Transparenz und Akzeptanz der einzelnen Verfahrensstufen.“ Mit einfacheren Worten: Um jede Überlandleitung wird, wenn alles so bleibt wie bisher, gerauft wie um die einzelne Umgehungsstraße.

Konfliktbewältigung: Mensch statt Institution

Noch interessanter wird es, wo der SRU in seinem Sondergutachten „Wege zur 100% erneuerbaren Stromversorgung“ vom Januar 2011 lautstark schweigt: Wer soll die Zielkonflikte lösen, die sich  alleine aus Umweltverträglichkeitsanforderungen ergeben? Es ist kein Paradoxon und hinreichend bekannt, dass Anlagen zur Gewinnung sauberer Energie ihre Umwelt beeinträchtigen. Arten-, Biotopen- und generell Landschaftsschutz sind nur einige der gängigen Stichworte. Aber es ist ein Wechsel im Paradigma, dass mit den anzubahnenden Gewinnungsformen eine Anlage nicht mehr örtlich beliebig aufgestellt werden kann, sondern sinnvoll nur dort, wo die Energiequelle tatsächlich nutzbar zur Verfügung steht. Und das wird oft genug vor der eigenen Nase sein. Dem kann nicht mit dem sattsam bekannten und geübten St-Florian-Prinzip begegnet werden, es wird zu einer Gewissensfrage werden. Sie wird, naturgemäß, von Politikern nicht oft gestellt werden, die Furcht vor Stimmenverlust ist gerade auf lokaler Ebene besonders stark ausgeprägt.

Das radikale Umdenken hat mit unserem bisherigen Blickwinkel auf Strom zu tun – er wird schon irgendwie verfügbar sein. Er wird künftig vor viel mehr einzelnen Haustüren produziert werden müssen. Um Industrie und Handy am Laufen zu halten, aber auch und vor allem Krankenhäuser mit Intensivstationen, Kreis- und Operationssälen, Polizeiwachen, Katastrophenschutz, die warme Stube. Mit jedem einzelnen Masten oder Paneel oder Wasserkraftwerk in unserem Blickfeld werden wir sehr konkret fragen können: Wie viel davon wollen wir? e2m

[Querverweis vom 17.03.2011: Plakativ, aber effektiv SZ vom heutigen Tag „Ungehobene Schätze„]