Aufgefasst & abgebissen – die 12.KW in Italien

Die subjektiven Höhepunkte der Woche südlich der Alpen – dieses Mal um Licht und Schatten

Natürlich stehen auch die Italiener unter dem Eindruck dessen, was sich in Japan/Fukushima abspielt. Und die Dynamik der Diskussion um die künftige Nutzung der Kernenergie hat einen Drall erhalten, der dem in Deutschland nicht unähnlich ist. Hatte sich die Regierung unmittelbar nach dem 11.03. noch eindeutig positioniert, den mit Frankreich geschlossenen Vertrag über den Bau von vier AKW im eigenen Erdbebenland erfüllen zu wollen, soll nun der Vollzug um ein Jahr ausgesetzt werden. Auch in Rom wird dabei das Wort Moratorium benutzt, und genauso hat das stringente Gründe im Abstimmungsverhalten der eigenen Bevölkerung. Mit dem Unterschied, dass die Italiener dazu nicht gleich ein neues (Landes-)Parlament wählen, sondern am 12. Juni ein Referendum abhalten werden.

Ein Referendum wirft seine Schatten voraus

Anders als bei früheren Volksabstimmungen wird es diesmal direkt um die Errichtung von AKW gehen, die die Italiener mit einem einfach ja oder nein bestimmen werden können. 1987 waren es indirekte und sehr technische Fragen zu Einzelheiten von Planfeststellungsverfahren gewesen, die in ihrer Summe als Ablehnung der Kernkraft interpretiert wurden. Die Klarheit der jetzigen Fragestellung hat auch das italienische Verfassungsgericht überzeugt, das am 12. Januar das Referendum für zulässig erklärte (Az.: 28/2011, veröffentlicht in der Gazzetta Ufficiale -amtlicher Anzeiger- vom 28.01.2011).

Seit Fukushima fühlen sich Medien bemüßigt, das ganze Ausmaß an Skurrilitäten auszupacken, das die italienische „Atompolitik“ kennzeichnet. Sergio Rizzo erwähnt im Tagesblatt Corriere della Sera, dass die vorgesehene staatliche „Sicherheitsagentur“ noch immer keinen Sitz hat und sich ihre Mitglieder zum Meinungsaustausch gelegentlich in einer Bar treffen. Oder die Tatsache, dass das ursprünglich verantwortliche Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung mehr als fünf Monate vakant geblieben war, weil Amtsinhaber Scajola wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten mußte. Wir erinnern uns, das war der Mann gewesen, der richtig viel Geld von einem Chauffeur erhalten, sich damit eine tolle Wohnung mit Ausblick auf das Kolosseum gekauft und dann erklärt hatte, er könne sich die Herkunft des Geldes nicht erklären. Ministerpräsident Berlusconi hatte daraufhin das Amt ad interim wahr genommen.

Staatsfernsehen und ein Schatten frei nach Prawda

Das tangiert das italienische Staatsfernsehen freilich wenig. Allen voran das Telegiornale 1 (Tagesschau, TG1), folgt einem strikten Regierungskurs. Das TG1 war und ist laut CENSIS, dem führenden sozialökonomischen Forschungsinstitut Italiens, eine primäre Informationsquelle der Öffentlichkeit. Rund 70% der Italiener beziehen ihren Kenntnisstand um das, was im Land geschieht, über diese Nachrichtensendung.

War es bisher ein offenes aber nie wirklich bestätigtes Geheimnis, dass Regierungsparteien stets bemüht sind, Einfluss auf die Sendung zu nehmen, so ist es nun ganz offiziell. Das bisherige Redaktionskomitee, das diese Woche abgelöst wurde, hat über den seit dem 20. Mai 2009 amtierenden Direktor Augusto Minzolini ein sog. Weißbuch zusammengestellt. In ihm wird minutiös aufgeführt, wie nach Meinung der Verfasser Tatsachen manipuliert worden sind: Durch Nichterwähnung, Verkürzungen, Falschdarstellungen. Während etwa die ganze Welt seit zwei Jahren den Ministerpräsidenten Italiens von der Gürtelschnalle abwärts betrachtet, zog sich Minzolini in einem eigenen Editorial auf die Position zurück, man werde darüber nicht berichten, „weil in dieser Geschichte voller Andeutungen und persönlicher Ranküne weder eine sichere Nachricht steckt noch die Vermutung einer Straftat“. Wie überhaupt Nachrichten, die zu Lasten des derzeitigen Patron d’Italia bis zum Bruchpunkt verbogen werden. Mit dem Minzolini auch die Vorliebe für die große Geste teilt: 68.000 Euro Spesen auf Kreditkarte des Senders in 15 Monaten, wozu die Staatsanwaltschaft in Rom Ermittlungen eröffnet und die Steuerfahndung zu drei Bürodurchsuchungen vorbeigeschickt hat.

Die erhellende Gegenöffentlichkeit

Diese Form der Nachrichtengestaltung -die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano spricht von Desinformation– hat bereits zu einer breiten Bewegung in andere Richtungen geführt. TG1 berichtete am 23. Februar 2010 zu einem  Prozess in Italien, der auch Silvio Berlusconi betrifft, einer der Angeklagten sei frei gesprochen worden. In Wahrheit entging der britische Anwalt Mills, Ehemann einer Ex-Ministerin in Großbritannien und Spezialist für Off-Shore-Geschäfte des italienischen Ministerpräsidenten, in letzter Instanz einer Verurteilung nur wegen Verjährung. Eine verkürzte Verjährung, die auf ein Gesetz einer der Regierungen Berlusconi zurückging.

Arianna Ciccone, u.a. Mitbegründerin und Organisatorin des internationalen Journalismus-Festivals in Perugia hatte darauf hin an Minzolini und die Gremien des Senders RAI einen offenen Brief geschrieben und um Richtigstellung gebeten. Nachdem sie das Schreiben auch auf ihrer facebook-Präsenz veröffentlicht hatte, bekam sie innerhalb weniger Tage 154.000 Unterstützungserklärungen, die sie dem Sender in Papierform überbrachte. Zu dem Zeitpunkt, da diese Zeilen geschrieben werden, sind 392 Tage ohne Gegendar- oder Richtigstellung vergangen; ein Zähler auf Ciccones Webseite „la valigia blu“ (der blaue Koffer) zeigt es. Und ist deswegen eines der Zentren im Netz geworden, wo sich Gemeinsinn und Gegenöffentlichkeit konzentrieren, vor allem wenn es um den geballten Protest gegen eine Legislative und Exekutive geht, die lediglich an das eigene Wohlergehen denkt.

Seit dem Amtsantritt von Minzolini hat TG1 mehr als eine Million Zuschauer verloren, bei der Referenzsendung Freitag Abend um 20:00 Uhr ist die Quote unter die psychologisch wichtige Marke von 30% (rund 5 Millionen Zuseher) gesunken.  Was zeigt, dass die Italiener begonnen haben, sich nach verlässlicheren Quellen umzusehen, vor allem im Netz. Oder, wenn sie schon Fiction anschauen wollen, lieber den berühmten Commissario Montalbano des noch bekannteren Autors Andrea Camilleri: Die Episode „Il Campo del Vasaio“ registrierte 9,5 Millionen Zuschauer und ist auch bei uns via Netz (in Originalsprache) abrufbar. Dem anderen Geschichtenerzähler im Palast des Ministerpräsidenten wird das ziemlich egal sein: Sein Mediaset und die Nachrichtensendung TG5 sind nur von ihm abhängig und berichten entsprechend.

Um Schatten der Zukunft zu vertreiben

In einer solchen Stimmung will wenigstens einer Optimismus verbreiten. Robert Saviano („Gomorra“) hatte in La Repubblica eine Liste veröffentlicht, warum es sich lohnt zu leben. Für einen Menschen in seinen 30ern, der ständig unter Polizeischutz lebt, weil er die Wahrheit schreibt und deswegen auf so einfache Dinge wie ein festes Zuhause oder eine Familie verzichten muss, eine buchstäblich existentielle Frage. Die er an seine Leser weiter gegeben hat. 50.000 Gründe für das Leben waren die Antwort. Wie Freunde („die echten, mit denen wir verknotet sind“), lachen („so sehr lachen, dass es die ansteckt, die traurig sind und sie heilt“) oder Liebe.

Banale Aufzählungen, werden die Zyniker sagen, voller Heuchelei und Gutmenschentum, werden die Besserwisser verkünden“, schreibt Saviano. „Aber wer den Worten wahrhaft zuhört, weiß, dass sie es sind, die banalisieren, weil sie vor dem Einfachen Angst haben, wenn es zum Sinn eines Lebens wird und vor allem ein Bezugspunkt zu Glück.“ e2m

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