Mehr als nur Ästhetik: Trolle, ein Medienkongress und die Ethik im Netz

Kurzfassung:

Der Mensch ist ein ganz praktisches Wesen. Vermutlich deshalb hat er sich wesentlich leichter getan, Knigges „Über den Umgang mit den Menschen“ zu einem conduct-book gesellschaftlicher Normierung weiter zu entwickeln als die im selben Jahr 1788 erschienene „Kritik der praktischen Vernunft“. Und deswegen tut er sich heute so schwer, zu definieren, was Ethik für das Netz sei und behilft sich mit Netiquetten. Selbst das Sinnbild von „unethisch“, der sog. Troll, ist so unfasslich, dass es mittlerweile zur Bezeichnung von allem geworden, was uns irgendwie (online) stört.

Der korrekte Umgang mit einer Tasse lenkte wunderbar davon ab, dass der darin enthaltene Tee nicht sehr korrekt mit Mitteln des Kolonialismus und der Sklaverei gewonnen wurde. Wird das auch so sein rund um „Benimm im Netz“, einem vorgeschlagenen Diskurs  im Medienkongress von derFreitag/Tazlab am 8. und 9. April zu Berlin?

Eine der tatsächlichen Neuerungen des Computerzeitalters,  die Kennzeichnung des Menschen durch automatisiert erfassbare und beliebig manipulierbare Daten, ist dafür nach wie vor das prägnanteste Beispiel. Noch vor der sog. digitalen Revolution (Commodore stellte seinen C-64 erstmals 1982 vor) hatte das Bundesverfassungsgericht in seinem Volkszählungsurteil 1983 festgestellt, dass das vermeintliche Abstraktum von Daten unlösbar mit dem Menschen, der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit und mit seiner Würde verbunden ist: „Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß.“

Der Gesetzgeber, dem das Urteil gilt, hat sich nicht daran gehalten und im Gegenteil mit der sog. Vorratsdatenspeicherung Eingriffe in die Grundrechte vorgesehen, so das Gericht 2010, „mit einer Streubreite, wie sie die Rechtsordnung bisher nicht kennt.“ Politik ist dafür zu recht getadelt worden. Die wirklich erschreckende Erkenntnis aber ist, dass  der Tadel u.a. von Bloggern kommt, die eine eigene Netzpräsenz betreiben und angeben, sie fänden es „vor allem aus Gründen des Selbstschutzes unerlässlich, personenbezogene Daten zu speichern.“ Wo der Gesetzgeber immerhin zur Rechtfertigung noch schwere Straftaten ins Feld führte, reicht solchen Plattformen bereits der mögliche „Missbrauch der Kommentarfunktion“, was immer das auch heißen mag. Und sprechen von „Ehre“, die verloren gegangen sei oder „moralischen Bedenken“, wenn diese Daten einmal, wie im Fall Niggemeier vs. DuMont, ausgewertet werden – obwohl die Auswertung von vorneherein Teil des Plans, eigentlich des Geschäftsmodells ist. Die Kommentarfunktion hilft, in aller Munde zu bleiben.

Die Konsequenz ist nicht mehr nur ein Klima, sondern eine Kultur des Misstrauens: Der Politik gegenüber den Menschen und umgekehrt, aber vor allem der Menschen untereinander. Der einfache Netzuser, in Deutschland sind es rund 49 Millionen Menschen, wie soll er sich darin zurecht finden? Soll er wiederum abgespeist werden mit „tu das nicht, das gehört sich nicht“?

Bei allen hochfliegenden Plänen zum Netz scheint es so zu sein, dass wir noch immer in Höhlen sitzen, in denen ein Monitor Zerrbilder projiziert. Wir sollten hinaustreten und  unter der alltäglichen Sonne erkennen, dass wir unseren Nächsten  als Menschen zu achten haben. Und zwar unabhängig davon, ob wir ihm auf der Straße begegnen oder am anderen Ende eines elektronischen Kabels. Oder auf einem Podium. Wie wir gelegentlich erfahren dürfen, ist sogar das „too much“, zuviel verlangt.

Also abwarten und Tee trinken, bitte mit abgespreiztem kleinen Finger. Danke.

 

Langfassung:

Zukunftsweisend scheint das Thema für den Medienkongress von tazlab/derFreitag am 8. und 9.April 2011 in Berlin nicht zu sein, im Zusammenhang gelesen. „Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt“ als Überbau, „Shitstorm, Trolle“ als Headline zum Unterbau „Neue Ethik für das Netz“ –  das suggeriert keine Vision, sondern Resignation. Last Exit Knigge, wollte man annehmen. Wo sollte da Fortschritt erkennbar werden?

Eines der grundlegenden Missverständnisse in Form und Diktion des „Mediums Netz“ ist „Benimm“. Nicht etwa nur, weil jüngst von einem IT-Beamten des Bundeskanzleramtes namens Michael Wettengel gefordert würde, sich umgehend „stärker mit den ethischen und moralischen Herausforderungen des Internet beschäftigen“ zu sollen, da sonst vom selbigen Amt Restriktionen drohten. Es ist vielmehr dem Netz ganz eigen, „Benimm“ bzw. „Anstand“ mit so sonderbaren Verbalien wie „Netiquette“, „Netikette“ oder ähnlichem vorweg genommen zu haben. Daraus mag man etwa Sally Hambridge, Netzwerkingenieurin bei Intel, keinen Strick drehen. Sie schrieb für  die Internet Engineering Task Force (IETF) im Oktober 1995 das grundlegende Memo, bekannt unter dem Signet rfc1855, mit der Überschrift „Netiquette Guidelines”. In ihm listete sie die aus damaliger Sicht wesentlichen do and don’t in der virtuellen Welt auf. Für Chats (Real Time Interactive Services) etwa lautete eine Erkenntnis: „As in other environments, it is wise to „listen“ first to get to know the culture of the group.“

 Die Formulierung der Überschrift vom Oktober 1995 war mindestens so griffig wie Knigges Buchtitel „Über den Umgang mit Menschen“ für seine Zeitgenossen im Jahr 1788 und wurde genauso erratisch weiterentwickelt: Das in Grundzügen soziologische Anliegen wurde zu Benimmregeln umfunktioniert, gesellschaftliche Normierung via conduct book das eine, Bestandteil heutiger, zumal deutscher Justiziabilität das andere. Originalzitat Hambridge dagegen: „This memo does not specify an Internet standard of any kind.”

Irgendwie wollen sich Aufklärung und das Zeitalter des Netzes über Zeiten, Orte, Sprachen hinweg gleichwohl verständigen. Der Obersatz der französischen Wikipedia zu „Nétiquette“ lautet: „Ce que vous ne feriez pas lors d’une conversation réelle face à votre correspondant, ne prenez pas l’Internet comme bouclier pour le faire.“ Und klingt, ein wenig adaptiert, wie: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Die Kernthese Kants in der ebenfalls 1788 erschienenen Kritik der praktischen Vernunft, ist sie der Schlüssel, wieder einmal und abermals weiter zu entwickeln, zu widerlegen, aufzudröseln? Nur diesmal nicht am Morgen vor der französischen sondern als ein Memo(randum) of Understanding in einer digitalen Revolution?

Fast will es so scheinen, wenn nach der Soziologie als einem der postrevolutionär aufklärerischen Derivate von Philosophie abermals eine neue Grundlegung erfolgen soll(te). Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch dazu: „Daß heute Medientheorie als diensthabende Fundamentaltheorie … fungiert, ist kaum zu übersehen. Denn es ist eine mittlerweile triviale Feststellung, daß sich die Weltgesellschaft im Übergang zum dritten Jahrtausend als Mediengesellschaft erfährt, beobachtet und beschreibt.“ Wie auch immer seine Erkenntnisse en détail aussehen mögen, medienwirksame Rauflust scheint auch dazu zu gehören. Sie hat Hörisch 2008 im Perlentaucher bestens demonstriert. Reichlich pikiert auf die Rezension eines seiner Werke reagierend (Burkhard Müller, SZ, bei Perlentaucher: „Abgrund des Bekanntlichen“) schreibt er: „Soll man dergleichen ausführlich zurechtweisen?“ und tut es öffentlich in bester Manier eines Kesselflickers (ein sehr ehrenwerter Beruf, wenn Sie mich fragen). Für den, der es nachliest, lediglich ein noli me tangere, nicht einmal sehr niveauvoll und ganz sicher nicht geeignet, das Versprechen in der von Hörisch gewählten Überschrift seiner Suada „ein Vorschlag zur Rezension von Rezensionen“ einzulösen. Schon gar nicht im Netz.

Denn wenn das der (geistes)wissenschaftliche und daraus der praktisch abzuleitende Rahmen sein will, in den „Netz“ eingebettet sein soll, stellt sich unwillkürlich die Frage, was 49 Millionen Internet-User alleine in Deutschland (die meisten von ihnen keine Geisteswissenschaftler) damit anfangen sollen können. Jede Annäherung an das Thema wäre sodann, wie es ein anderer Literaturwissenschaftler mir gegenüber einmal ausgedrückt hat, „unterkomplex“. So ähnlich, als wollte man den korrekten Umgang mit Messer und Gabel bei Finger-Food beschreiben.

Was ist Troll und was kann er?

Dabei besteht schon alleine hinsichtlich des verbreiteten Begriffs „Trolling“ ziemlicher Aufklärungsbedarf. Seine Genese veranschaulicht, auf welch schwankendem Boden sich das Thema bewegt. Binnen der wenigen Jahre seiner netzspezifischen Existenz hat der „Troll“ eine bemerkenswerte Wandlung erfahren. In „Usenet Communities and the Cultural Politics of Information“ (bei David Porter, Internet Culture, Routledge, London 1997, S. 39 ff.) beschreibt Michele Tepper, Interaktionsgestalterin und Usability-Expertin, Trolling innerhalb der Usenet Newsgroup alt.folklore.urban (AFU). Im Juli 1994 wurde in einer Diskussion absichtsvoll ein mit Sachfehlern gespickter Beitrag als Köder ausgelegt. Die Reaktionen gingen von sachlichen Richtigstellungen bis zu denen, die den Köder schluckten: „Dude … you are a ridiculously abusive moron.“ Derlei Kommentare gingen sogar dann weiter, nachdem der Sachverhalt aufgeklärt worden war: „Dies ist ein Scherzbeitrag, angereichert mit absichtlichen Fehlern. Vertiefen Sie nur, wenn sie den Witz nicht verstehen.“

Zum besseren Verständnis: Tepper bedient sich der englischsprachigen Assoziation für Trolling, der des Schleppangelns mit Köder. Ihre Fragstellung ist dementsprechend: Was reizt am Trolling die, die es praktizieren und macht es in den Augen der Beute offensichtlich unwiderstehlich? Tepper schlägt vor: „Trolling wird innerhalb der Subkultur von alt.folklore.urban akzeptiert und ausgebaut, weil es dem zweifachen Zweck dient, Maßstäbe der Community zu stärken und die gemeinschaftliche Bindungswirkung zu steigern, in dem all denjenigen ein Spiel zur Verfügung gestellt wird, die die Spielregeln kennen, um es gegen die zu spielen, die sie nicht kennen. Es wirkt sowohl als Spiel als auch als subkulturelle Methode der Grenzziehung.“

Von dieser Sichtweise sind wir in der populären Rezeption mittlerweile weit weg, die Vorzeichen sind in gerade einmal 15 Jahren umgekehrt worden. In neueren mundgerechten Definitionen wird suggeriert, Troll sei der, der jene „Standards“ und das Gefüge innerhalb markierter Grenzen einer Gemeinschaft sprengen wolle: Ein Zerstörer, ein Schadenszufüger, also der Troll der Sagenwelt. Der Paradigmenwechsel hat sich dabei aber nicht so sehr in der Rollenverteilung vollzogen, denn auch wer Köder wie bei AFU auslegt, kann als Angreifer im Gewand eines Agent Provocateur bezeichnet werden. Vielmehr sei es die (mutmaßliche) Motivation, die (nun) den Troll kennzeichne. Bei AFU im Dienste einer Gemeinschaft, gehe es einem Troll nach neuerem Verständnis um einen individuellen Alleinstellungsanspruch, um das Erregen von Aufmerksamkeit. Dies sei begleitet, so zumindest der deutschen Wikipedia zufolge, von einem Spiel mit (Schein)Identitäten, „das aber ohne das Einverständnis der meisten Mitspieler gespielt wird.“

Bei beiden Darstellungsweisen des Begriffes „Trolling“ haben wir es mit Überlegungen zu tun, die anhand einzelner Beobachtungen im sogenannten Usenet angestellt wurden. Sie stammen beide aus der Mitte der  1990er Jahre. Was aber ist mit anderen Kommunikationsformen im Netz: Zeitversetzt (in Foren), in Echtzeit (Chat, Instant Messaging, wie bei skype einschl. Bildübertragung), hierarchisch strukturiert (Communities) oder in völlig freier Entfaltung (Pirate Pads), von spezifischen linguistischen und damit kulturellen Eigenheiten jenseits einer Sprachbarriere ganz zu schweigen? Und wo sind die Erkenntnisse im Lichte der Spieltheorie, die beide Ansichten anklingen lassen? Selbst belastbare empirische Erhebungen zu den beiden Auffassungen von Trolling gibt es, zumindest bei aufmerksamer Durchforstung des Netzes, nicht.

Das ist nicht nur mit Blick auf die jeweilige Grundaussage misslich, sondern wegen der nunmehr im Zusammenhang mit „Trolling“ unterstellten Motivationslage (Aufmerksamkeitserregung plus Zerstörungswille) gepaart mit der tendenziellen Ächtung von Anonymität (Scheinidentität) geradezu fatal. Denn damit erhält die gesetzgeberische Tendenz, via Abschaffung von Anonymität im Netz namhafte Kontrolle auszuüben, populären Antrieb. Ein erster Vorgeschmack dazu war die Neuregelung in den §§ 5 des Telemediengesetzes (TMG) und § 55 des Rundfunkstaatsvertrages vom 1. März 2007. Nach Ansicht vieler Juristen bestehe seitdem für praktisch alle Homepages/Blogs/Internetpräsenzen eine Impressumspflicht unter Angabe von Namen und Anschrift. Es wäre damit noch weitergehender als das V.i.S.d.P. alter Prägung. Daran fügen sich Vorhaben wie Zugangserschwerungsgesetz oder Vorratsdatenspeicherung nahtlos an, die zwei Drittel der deutschen Internetuser zu anlasslosen Verdächtigen zu machen geeignet sind.

Eine dritte Deutung des Begriffes bietet nun das Panel zu Berlin: „Trolle und andere Nervensägen“ subsumiert alles, was uns (online) stört. Ein meisterlicher Kunstgriff, der von dem ursprünglichen Phänomen einer subkulturellen Abgrenzung fortführt, Motivationslagen umgeht und nunmehr auf die reine Subjektivität des Empfängerhorizonts abstellt. Der uns aber auch zeigt, wie gewisse Begrifflichkeiten eigentlich keine spezifische Funktion (mehr) haben, sondern in ihrer Beliebigkeit ggfs. nur noch Ausdruck von (semiotischer) Ästhetik sind.

Was Du nicht willst, dass man Dir tu …

Tatsächlich hat sich der aufkommende Diskurs um „Benimm im Netz“ hierzulande zum Deckmantel für diskussionswürdige, aber nur selten thematisierte subjektive Interessen entwickelt. Das prominente Beispiel: Die bekannte Auseinandersetzung zwischen dem Journalisten Stefan Niggemeier und Konstantin Neven DuMont („Eine systematische Störung“) hat einen entscheidenden Umstand verschleiert, den der privaten Datensammlung und -auswertung. So wie Niggemeier in seiner „Datenschutzerklärung“ seit je her darauf aufmerksam macht, bei Kommentaren „Nutzername, E-Mail-Adresse Betreff, Zeit des Postings, IP-Adresse, Profilinformationen, sofern freiwillig hinterlegt o.ä.” zu speichern, meint er zu seiner Motivation: „Die IP-Adressen speichere ich, um mich vor dem Missbrauch der Kommentarfunktionen meines Blogs soweit wie möglich zu schützen“. Solche Daten waren es, die es Niggemeier erlaubt haben, auf einen bestimmten Rechner im Netz als Absender der Störung zu schließen. Und obwohl es so in einer Überschrift angekündigt ist, gibt er nicht bekannt, wann, in welchem Turnus oder in welchem Umfang (überhaupt) die von ihm gespeicherten Daten gelöscht werden. Zum Vergleich: Selbst das für verfassungswidrig erklärte Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung sah eine Aufbewahrung von Daten für höchstens 6 Monate vor.

Sogar einer der schärfsten Kritiker in der Causa, Jens Berger („Die verlorene Ehre des Stefan Niggemeier“), meint, für einen Plattformbetreiber sei es „aus rechtlichen Gründen und vor allem aus Gründen des Selbstschutzes unerlässlich, personenbezogene Daten zu speichern.“ Abgesehen davon, dass Berger jeglichen Hinweis darauf fehlen lässt, warum aus „rechtlichen Gründen“ eine Speicherung solcher Daten „unerlässlich“ sein soll (tatsächlich verbieten sämtliche Datenschutzgesetze dieser Republik grundsätzlich das Sammeln und Auswerten und erlauben es lediglich im Einzelfall) verhält er sich selbst genau wie der Gesetzgeber, den er andernorts scharf kritisiert.  Etwa in „Die Vorratsdatenspeicherung ist tot, es lebe die Vorratsdatenspeicherung“, Zitat: „Der Bürger ist seit heute nicht mehr zunächst unschuldig – er gilt als potentieller Straftäter“. Mit Blick auf seinen „Selbstschutz“ ist für Berger jeder Kommentator (s)ein potentieller Gefährder, dessen Daten er zu speichern geradezu für ein Gebot hält.

Dass ein solch widersprüchliches Verhalten nur noch über Begriffe wie „Ehre“ oder „moralische Gründe“ -beides benutzt Berger, um das Vorgehen von Niggemeier zu diskreditieren- aufgelöst werden kann, darf nicht weiter verwundern. Ethik eben dort, wo Gewissheiten schwinden oder mutatis mutandis der Kaschierung bedürfen – ein Auffangbecken für Selbstvergewisserungen mit ungewissem Ausgang. Muss betont werden, dass solches mittlerweile gängige Praxis ist?

Aus dem Beispiel tropft vor allem eines: Abgrundtiefes Misstrauen. Allerdings nicht nur gegenüber jenen Instanzen, die von der Natur der Sache her ohnehin dazu tendieren, Kontrolle ausüben zu wollen wie Verwaltungen, Behörden oder Körperschaften, sondern potentiell gegenüber jedem einzelnen Mitmenschen. In Bezug auf Blogs, die sich mit Freigabe der Kommentarfunktion gerade das Geschäftsmodell der Popularisierung zu eigen gemacht haben, wird die Parzellierung von Kriterien, was online ethisch sei oder nicht, zum reinen Cache-Sexe des eigenen, inneren Widerspruchs. Die Plattform Cryptome bringt es in ihrer private policy sarkastisch auf den Punkt: „No user data is collected by Cryptome. Logs are deleted several times a day. But read on […] Log retention is endemic, on grounds it needed for system administration. Hah, just like the feds and the corps claim that is why they need to watch citizens and employees.“

Dieses Misstrauen und der davon beeinflusste Diskurs um „Ethik“ ist das genaue Gegenteil von offener Pluralität, die nach der Vorstellung vieler via Netz hergestellt werden sollte. Es verstellt den Blick auf die Selbstverständlichkeit, dass am Ende eines jeden Kabels ein Mensch sitzt. Selbst Panelmoderator Dr. Michael Angele scheint nicht ganz davor gefeit zu sein. Wenn er in „Wie irre ist das denn?“ zwar ungewöhnlichem Verhalten im Netz eine gewisse Sympathie entgegenbringt („Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein Wahn wahr spricht“), so hält ihn das gleichwohl nicht ab, seinem zu erwartenden prominenten Gast im Panel zu raten, sich „aus Foren, Blogs und Facebook konsequent“ rauszuhalten. Denn für einen Vertreter einer „alten Medienmacht“ sei das ein „riskantes Verhalten“. Aber was wäre solche, übersetzt: weise Selbstbeschränkung anderes als eine Tugend? Si tacuisses

[Meine Ausführungen sollten an dieser Stelle enden, denn in ihnen wäre der Diskussionsrahmen des Panels hinreichend erschöpft, vor allem in seiner gewollten Vieldeutigkeit.Die Reaktionen, insbesondere das Gezwitscher (vulgo für Twitter) vom 5. April, zum Thema des Panels haben mich mehr als irritiert, sie haben mich geärgert. In Richtung Konstantin Neven duMont gab es von einem ehemaligen Edelblogger der ZEIT einen Zwischenruf (13:51:11 Uhr):  „oje, aber lasst den armen @neven_dumont aber bitte am stück.“ Stellt sich so die „Generation Blogger“ Ethik im Netz vor? Ich lasse meinem Ärger seinen Lauf und, weil außerordentlich subjektiv, der ausdrücklichen Ausladung für das Nachfolgende an alle, die Netz und Ethik und das Drumherum nicht weiter interessiert außer dem Boulevard daran]

Wer bestimmt den Diskurs: Das Netz, die Gurus oder die User?

Einer der Gründe, warum wir anscheinend gezwungen sind, jedes Rad einzeln und neu zu erfinden, liegt möglicherweise in der Betrachtungsweise gerade jener, die täglich mit Interaktion im Netz zu tun haben und aufgrund ihrer ständigen Präsenz Leitbegriffe prägen. Oder aus geschäftlichen Gründen dies wollen.

Die eingangs zitierte rfc 1855 -wir erinnern uns, aus dem Jahr 1995- zeigt den Blickwinkel der IT-Spezialistin Hambridge: „Today, the community of Internet users includes people who are new to the environment.  These „Newbies“ are unfamiliar with the culture and don’t need to know about transport and protocols. In order to bring these new users into the Internet culture quickly, this Guide offers a minimum set of behaviors.“ Und „Fremdheit der Kultur“ klingt nach wie vor an bei „Kein Suchergebnis für den Anstand“, wo Theresa Bücker, erfolgreiche Community-Managerin und Deus ex Machina bei der F.A.Z., am 18. Februar dieses Jahres feststellt: „Doch noch ist es zu großen Teilen das Leben abseits des Netzes, was uns ein Verständnis für den respektvollen Umgang miteinander vermittelt. Mit diesem Wissen betreten wir die digitale Welt.“ Mit ihrem „noch“ meint sie es durchaus ernst, denn mit Blick auf virtuelle Communities stellt sie fest: „Für machtpolitisch geprägte Menschen mag es nur schwer verständlich sein, dass ein Lebensraum bevölkert von autarken, sich selbst regulierenden Gemeinschaften ohne eine höchste legislative Instanz funktioniert, dabei sogar gedeiht.“

Was dabei, vielleicht auch aus Platzgründen, außen vor gelassen wurde, ist: Solche selbst regulierenden Gemeinschaften gibt es seit je her in der Welt in Form von Glaubensgemeinschaften, Gruppen von selbst organisierten Freiwilligen, der „Anonymen Alkoholiker“. Wie auch die Tatsache, dass diese Gruppen seit unvordenklicher Zeit ihre jeweilige Subkultur mit dezidiert eigenen Verhaltensstandards errichtet haben. Wo wäre da der Unterschied zu virtuellen Communities, der eine unterschiedliche Bewertung erlaubte? Wie wiederum beinahe jede Community im Netz selbstverständlich eine höchste normsetzende Instanz hat, nämlich den Betreiber, der mit „Netiquetten“ nicht nur unverbindliche Verhaltensanregungen, sondern u.a. damit in der Form verklausulierte, in der Sache aber beinharte, justiziable Allgemeine Geschäftsbedingungen vorhält. Deren Vollstrecker wird zumeist Community-Manager genannt.

Die Bezeichnung des Netzes als „echtes Leben“ (Bücker), die besondere Betonung dessen „kultureller Eigenständigkeit“ (Hambridge) oder schließlich seine Dämonisierung als „Tatort Internet“ (so der größte Teil der aktuellen [Sicherheits-]Politik) zeigen: Zumindest sprachlich wird nahe gelegt, das „Netz“ sei ein Körper an und für sich, mehr noch – einzelne Funktionalitäten wie das www seien ein separater Ort, der einer besonderen Behandlung, insbesondere einer eigenen Normierung bedürfe. Ist das aber so? Die Fragestellung ist fundamental, denn die Antwort wird unser Verhalten, dessen Verhältnis zum Netz und durch das Netz zur Politik entscheidend mitprägen.

Zwei Welten prallen aufeinander

In einer hitzigen Debatte sagte ein Bekannter zu mir: „Was willst Du eigentlich mit der digitalen Revolution? Stell Dir einfach vor, der Strom wird abgestellt oder ein paar neuralgische Nodes werden lahmgelegt – schwupps ist die digitale Revolution eine analoge Null.“ Mein Bekannter hat sehr viel mit Kommunikation zu tun, die Leitungen für Telefon und PC sind die Verbindungen, mit der er seinen Lebensunterhalt verdient. Sie ist aber trotzdem nicht seine Lebensader, wie er mir sagt. Das ist die Welt um ihn herum, die ihn inspiriert, mit der und über die er arbeitet. Er ist Journalist. Aber der Reihenfolge nach:

Weniger prosaisch, dafür um einiges verkopfter liest es sich in der zunächst milden Kontroverse um „The Second Coming – A Manifesto“, ein in einschlägigen Kreisen viel beachteter Essay zur Funktionalisierung des Netzes aus dem Jahr 2000 von David Gelernter. Eine seiner Kernthesen: „The future is dense with computers. They will hang around everywhere in lush growths like Spanish moss. They will swarm like locusts. But a swarm is not merely a big crowd. The individuals in the swarm lose their identities. The computers that make up this global swarm will blend together into the seamless substance of the Cybersphere. Within the swarm, individual computers will be as anonymous as molecules of air.“

Diese eine Grundlegung von „Schwarm“, von der technischen Seite her angegangen, fand in Jaron Lanier einen unmittelbaren Opponenten. In seinem Kommentar schreibt er: „David falls into a common trap that has snagged many a visionary over the years. He thinks about ideal Platonic computers instead of real computers. […] Real computers, unlike ideal computers, are the first machines that require an infinite rather than a finite amount of human labor for their maintenance. Real computers are less likely to allow us to forget them than any other gadget in the history of invention. Furthermore, in order for a Platonic computer to appear, human good will and good taste will have to precede it.“ Und als „Schwarmintelligenz“, basierend auf der technischen Projektion, begann, sich als politischer Begriff zu etablieren, wurde Lanier im Mai 2006 in „Digital Maoism“ deutlicher: „In the last year or two the trend has been to remove the scent of people, so as to come as close as possible to simulating the appearance of content emerging out of the Web as if it were speaking to us as a supernatural oracle. This is where the use of the Internet crosses the line into delusion. […]The beauty of the Internet is that it connects people. The value is in the other people. If we start to believe that the Internet itself is an entity that has something to say, we’re devaluing those people and making ourselves into idiots.

Beide Autoren, die ganz entscheidende Beiträge zu Entstehung und Ausgestaltung des Netzes geleistet haben, lassen sich von einem ästhetischen Prinzip leiten – Gelernter von der Anmutung eines  in sich geschlossenen technischen Systems, wo alles zusammenpasst und deswegen in der Lage sei, Wesenhaftigkeit zu entwickeln; Lanier von der Schönheit menschlicher Multitude mit all ihren individuellen Stärken und Schwächen. Die Kontroverse zeigt aber auch die Genese von Modellen. Die bestechend klare Systematisierung und Vereinheitlichung zu einem gänzlich eigenen virtuellen Korpus einerseits, die es in ihrer Geschlossenheit ermöglicht haben, von der technischen auf eine politische Ebene zu schließen. Und auf der anderen Seite die dezidierte Rückverbindung auf das Individuum, die scheinbar nichts anderes verspricht als die Fortsetzung des bisherigen Tran-Trans analogen Lebens mit digitalen Mitteln, aber doch das Pendant von Abgeschlossenheit, die Ausschließung, überwindet.

Wo die Grenzlinie in der Betrachtungsweise heute möglicherweise verläuft, erschließt sich aus einem Interview, das Johannes Kuhn, früher Community-Manager bei ZEIT-online, mit Gelernter in Februar dieses Jahres geführt hat. Aus Anlass der internationalen Internetkonferenz DLD (Digital Life Design) in München, meint Gelernter für die SZ („Überlassen wir das Netz nicht Milliardären“, das vollständige Interview auf Englisch hier): „It’s our environment and the environment that matters most is the man-made environment, that’s the one we deal with most intimately every day, the one we can affect every day. So I think there is an analogy between the web and between the architecture of this building and this city and I wish people would be intellectually more aggressive. Free society requires of course educated people, but also ones who are sufficiently aggressive intellectually, to take responsibility for the environment they live in, the tools they use, they buildings they live and work in, the computers they make use of.

Diese Reverenz des Netz(werk)architekten an das „Form Follows Function“ der Gebäude- und Stadtarchitektur des 20. Jahrhunderts ist eine Rückbesinnung, eine Rückkoppelung eines gedachten Systems an das Individuum und sein individuelles Verhalten. Und es zeigt vielleicht, dass der Visionär Gelernter ganz praktisch erkannt hat, dass eine Abstraktion, die nicht von außerhalb eines Netzes gewollt ist, nicht funktionieren kann: „Ich glaube, das Internet braucht dringend Ideen der Menschen, die nichts von den technischen Einschränkungen wissen. Die kreativsten, visionärsten Akteure in diesem Bereich sind die, die entweder die Grenzen nicht kannten oder sich nicht darum scherten.“ Die frühere Selbstsicherheit scheint dahin. Gelernter hat sich aber auch nicht auf Gropius oder Bauhaus bezogen, vielleicht nur aus Zeitgründen.

Von Trojanern und anderen Fernlenkungen

In der Praxis „das“ Netz aus der Optik einer bestimmten Funktionalität oder eines Systems heraus definieren zu wollen, ohne auf den Menschen „als solchen“ Rücksicht zu nehmen, hat in der vorläufigen Endabwägung heutiger Tage mehr als nur die „Linie der Enttäuschung überschritten“, wie es oben bei Lanier anklingt. Was in der Architektur zu einem bestenfalls verhübschten, aber ansonsten reinen Utilitarismus geführt hat, hat in der „Netzwelt“ einem konstanten divide et impera entscheidenden Vorschub geleistet.

Eine der tatsächlich systemischen Neuerungen des Computerzeitalters, nämlich die Kennzeichnung des Menschen durch automatisiert erfassbare und beliebig manipulierbare Daten, ist heute mehr denn je eine Grauzone. 1983  hatte das Bundesverfassungsgericht (Urteil vom 15.12.1983, AZ.: 1 BvR 209/83 u.a.) festgestellt: „Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß.“ Jenseits der Projektion einer gesellschaftlichen Entwicklung hat das Gericht am Morgen der sog. „digitalen Revolution“ (das Urteil erging gerade einmal ein Jahr, nachdem Commodore seinen C-64 vorgestellt hatte) einen entscheidenden Schritt getan: Das Abstraktum von Daten wurde unlösbar mit dem Menschen, der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit und mit seiner Würde im hier und jetzt verbunden.

Dass solches aus partikularen Interessen mit Füssen getreten wird, ergibt sich nicht nur aus den oben zitierten Datenschutzerklärungen privat betriebener Blogs (btw: Die Plattformbetreiber sollten sich an der Stelle fragen, ob jenseits der von ihnen evozierten Drittwirkung von Grundrechten in Bezug auf Meinungsfreiheit nicht auch eine Drittwirkung in Bezug auf die informationelle Selbstbestimmung besteht). Das dortige Misstrauen ist vielmehr das Spiegelbild eines politischen Denkens, das sich zumeist als „Sicherheitspolitik“ artikuliert. Dessen bislang bemerkenswertester Höhepunkt ist das bayerische Versammlungsgesetz. Regelungsbedürftig erscheint dem Gesetzgeber dort jede „Zusammenkunft von mindestens zwei Personen zur gemeinschaftlichen, überwiegend auf die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung gerichteten Erörterung oder Kundgebung.“ Der Jurist kennt das tragende Argument zur Begründung der stetig verschärfenden Fassungen des Gesetzeswerkes, „dass von Versammlungen erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung ausgehen“ können.

Das Bundesverfassungsgericht hat darin allerdings derart schwere, so seine Wortwahl: „Einschüchterungseffekte“ erkannt, dass es das Gesetz in wesentlichen Teilen in einer Eilentscheidung vom 17.02.2009 (Az.: 1 BvR 2492/08) kassiert hat. Heribert Prantl bricht es in der SZ auf die richtige Perspektive herunter: „Dieses Gesetz beäugt misstrauisch jeden, der daran [Anm: an der Versammlung] teilnimmt. Jeder, der protestiert, ist diesem Gesetz potentiell verdächtig.“ Das ist, bestens zusammengefasst, der Kern von Prävention – die Verkehrung von Ermöglichung in Verhinderung. Dass damit sogar der politische Stammtisch gemeint sein könnte, wie Prantl trocken anmerkt, ist in der Tat ein „Aberwitz“. Und wenn je „Zusammenkunft“ nicht so ausgelegt werden sollte, dass dafür eine gleichzeitige physische Präsenz an einem bestimmten physischen Ort vorausgesetzt wird, sondern jedes politische Treffen in einem „virtuellen Raum“?

Noch würde es niemandem einfallen, sämtliche Passanten auf dem Münchener Rathausplatz anzuhalten, ihre Personalien auszuforschen und zu registrieren, weil möglicherweise in irgendeiner Zukunft dort ein Verbrechen geschehen wird können. Und doch ist es genau das, was mit einer Neufassung des Vorratsdatenspeicherungsgesetzes passieren würde: Bereits die fernmündliche/-schriftliche Verabredung zu einem Treffen in der Mitte Münchens würde vorsorglich gespeichert. Und um es zur Verabredung zu einer Versammlung zu machen, reichte das Tête-à-Tête von zwei Personen, wenn wir uns recht an die Legaldefinition des Bayerischen Gesetzgebers erinnern.

Das ist die unabweisbare Konsequenz einer Betrachtungsweise, die aus dem Netz einen gesonderten (Tat)Ort macht, der spezifische Regelungen erfordere. Der wirkliche Tatort ist allerdings woanders, nämlich dort wo diese Sichtweise ganz real gepflegt wird. Wo Politik bereits „einen besonders schweren Eingriff [Anm.: in die Grundrechte] mit einer Streubreite, wie sie die Rechtsordnung bisher nicht kennt“ begangen hat, so das Bundesverfassungsgericht vor einem Jahr bei der Nichtigerklärung der bisherigen Vorratsdatenspeicherung (Urteil vom 2. März 2010, Az.: 1 BvR 256/08). Mit anderen Worten: Eigenständigkeit von Netz hat sich zum „Back Orifice“ seiner selbst gemacht – von der visionären Selbstverwaltung zur Fremdverwaltung bis hin zum eigenen Trojaner.

Was haben wir vor Augen?

Ob uns das bei aller (Technik)Begeisterung gefällt oder nicht, wir leben in Europa schon seit dem römischen Reich mit einem ausgebauten Netz, dem Straßennetz. Es verband und verbindet die Plätze, auf denen Menschen geboren werden, leben und  sterben. An ihnen entlang haben sich Tempel genauso installiert wie Bordelle, Gerichtsstätten, Handlungsniederlassungen wie veritable Zentren der Macht. Über sie marschieren Truppen, demonstrieren Friedensbewegte, und die Oma hilft dem Enkel auf der Uferpromenade, die Welt zu entdecken. Diese Wege wurden seit je her mit Beschränkungen belegt: Zölle, Brigantismus, (national)staatliche Grenzen samt Schlagbäumen zur Wahrung von Interessen. Der Nutzung der Straßen einer eigenen „Ethik“ zu unterwerfen, ist erkennbar niemandem eingefallen. Es sei denn, man wollte die Diskussion um Geschwindigkeit, um ein Tempo-Limit als ethisch bezeichnen. Ich sehe keine Unterschiede zum virtuellen Netz. Wollte ich auf stream-tv eine Sendung einer italienischen/französischen/englischen TV-Station ansehen, erhalte ich mittlerweile eher regelmäßig als ausnahmsweise die Meldung: „Diese Sendung ist in Deinem Land nicht verfügbar“. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Schengen-Abkommen der EU im Netz nicht konsequent umgesetzt ist. Wenn das die Folge ist von Eigenständigkeit des Netzes, dann sage ich: Zur Hölle damit.

Wege waren nie nur Transportmedium für Waren und Menschen, sondern vor allem für kulturellen Austausch. Die Seidenstraße: Tote Materie, in tausendfacher Beziehung nutzbar und „Lebensader“. Und nannte man die Leitungen zwischen Rechnern nicht etwa auch Datenautobahnen? Das Netz ist nicht „das“ Leben, sondern eine Metapher. Es ist sein kommunikatives Pendant, lediglich ein integrierender und integrierter Bestandteil für die Zivilisationen, die sich diese Infrastruktur leisten können und wollen.

Dies zu akzeptieren bedeutete gleichzeitig, den Tunnelblick der frühen „Netiquette-Spezialisten“ zu überwinden. Nicht die Sonderheit einer „eigenständigen Netzkultur“, in die es „Newbies“ einzuzwängen gilt, wäre dann das Primat, sondern die grundsätzliche Gemeinsamkeit mit allen sonstigen menschlichen Entäußerungs- und Handlungsformen, so wichtig oder skurril sie auch sein mögen. „Das Verhalten wie auf dem Klo“ wäre nicht das Spezifikum, sondern lediglich eine Skurrilität in alltäglicher Interaktion. Es wäre der Paradigmenwechsel, der es erlaubte, den Blick frei zu machen für tatsächliche Unterschiede zu bisherigen Errungenschaften, die diskutiert gehören, um sie erforderlichenfalls aber nur ausnahmsweise einer eigenen (gesellschaftlichen) Normierung zu unterwerfen.

Wir lernten dann sehr schnell, dass Internet  kein obskurer, neu geschaffener Tatort ist, den es besonders einzuhegen gilt, sondern nur eine andere Begehungsweise, eine Variante von Straftaten ermöglicht. Das ist fundamental: Gegen schädliche Verhaltensweisen kann man sich durch Aufklärung schützen, mit einem gesellschaftlichen Konsens. Einen Tatort kann man nur beseitigen. Wir lernten aber auch, dass dieses Medium nichts ist, was entkoppelt von der menschlichen Existenz heilsbringend wäre: Ohne seine Überzeugung wird man den Menschen nicht beeinflussen können, erst recht nicht präventiv (oder wie es gelegentlich ausgedrückt wird: fürsorglich).

Ethik nähme den Platz ein, der ihr gebührt. Heraustretend aus den Projektionen unserer Bildschirme, unter der Sonne des Alltags, würden wir erkennen, dass „der User“ kein Schattenwurf ist, sondern der Nächste, den es als Mensch zu achten gilt: Dick, dumm, schwarz, weiß, Adonis oder Glöckner von Notre-Dame, Gründer eines (Medien)Imperiums oder Sohn einer Linie.  Egal ob auf der Straße, im eigenen Wohnzimmer oder am anderen Ende eines elektronischen Kabels. Ob aus persönlicher Erfahrung oder aus Twitter wissen wir: Die Ersetzung eines Traums durch Realität ist manchmal „too much“, zu viel. Der Weg, dank Kulturschaffender des Netzes,  ist noch weit. e2m

3 Gedanken zu “Mehr als nur Ästhetik: Trolle, ein Medienkongress und die Ethik im Netz

  1. Vom Freitag.de mit seinem Medienkongreß „mitte taz“ lesend kommend stelle ich fest, daß die wesentlichen Artikel, also ein einziger, auch keine Kommentare hat, wie hier. – Da nun dieser Artikel hier im ‚Ausrufer‘ doch die entscheidende Diskussionsmeldung des Ganzen zu sein scheint in meinem nicht unbeträchtlichen Überblick, schreibe ich hier meine unfolg- wie unfolgensame Meinung.
    Ich denke, daß „das Netz“ in jedweder Weise nicht funktionieren wird, wenn „der User“ nicht seinen bürgerlichen Namen für seine qualifizierten wie unqualifizierten Äußerungen hergibt. Nicks sind wie Kunst, und eben zu 99,9 Prozent Kunstgewerbe, Müll. Pseudonyme mögen eine wohlwollend zu betrachtende Geschichte haben, Nicks im Netz befördern genau die Verdummung, welche die kritische Theorie schon vor Jahrzehnten beschrieben hat. – Welcher kluge Mensch, welcher Journalist, welcher Philosoph oder Atomdeppprofiwissenschaftler würde im Netz unter einem Nick schreiben? Eben! Wer etwas sagen möchte, was argumentativen, humanen Rang hat, und das unter einem Nick tut, hat sich ja schon diskreditiert.
    Deshalb verabschiede ich mich auf geraume Zeit von diesem Netz; ich habe nur Freunde auf Facebook, die ich von Angesicht zu Angesicht oder aus langem Briefwechsel kenne, und ich habe alles gelöscht, was ich selbst seit drei Jahren im Netz veröffentlicht habe. Denn: Dieses Netz ist so falsch wie die aktuelle Gesellschaft. Und ihre Nutzer sind so wie umfragen- und aktualitätsabhängige Wähler in demokratischen Gesellschaften.
    Ich lehne solche Demokratien und solche Wahlberechtigungen ab. Und sage einstweilen :: Tschüß!
    Ihr Bassist, lebend in einem Land, worin noch niemand war

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