Fundstücke 15: Seidenstraße des 21. Jahrhunderts

Erste Ost-Nachricht. An Smolensk und Katyn kommt man auch außerhalb Polens und Russlands dieser Tage nicht vorbei, in Polen war man ein ganzes Jahr nicht vor dem Thema sicher (es gab sogar eine Facebook-Kampagne, einen Tag nicht in den Medien darüber zu berichten). Wer meine Fundstücke über die letzten Monate mitverfolgt hat, weiß das und weiß daher auch:

“Die politische Inszenierung war von Anfang an eine wichtige Begleiterscheinung der Katastrophe von Smolensk.“

Allen voran betreibt dies der Bruder des verunglückten Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski.

“Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister und heute als Staatsminister zuständig für den internationalen Dialog, zeigt sich darüber sichtlich empört: „Ich verabscheue Leute, die Geschäfte machen, die ich Nekrophilie nenne.“ Sie nutzten das Unglück für eigene politische Geschäfte. „Es geht doch um Tod, es geht um das Unglück vieler Familien. Die Tragödie ist für alle gleich: Für die Familie eines Sozialdemokraten, die eines Bauern, oder die eines Abgeordneten der regierenden Partei oder die des Vertreters der oppositionellen Partei“, so Bartoszewski.”

Gleichzeitig bemüht man sich auf beiden Seiten, in Polen und Russland, die Gerüchte um das Flugzeugunglück einzudämmen (z.B.: der russische Geheimdienst hat das Flugzeug zum Absturz gebracht, nach dem Absturz wurden Überlebende erschossen, etc.) und nicht nur darum zu trauern, sondern vor allem auch Katyn aufzuarbeiten. Laut SZ steht dabei Putin ein wenig im Weg.

Zweite Ost-Nachricht, diesmal fröhlicher: Kommendes Schuljahr wird es in Polen Kurse für freie Software geben. Begründung:

“Nur 3 % aller Abiturienten haben Informatik als Prüfungsfach gewählt. Noch viel weniger Schüler können mit einem anderen Betriebssystem als Windows arbeiten.”

Gefördert wird das Projekt vom polnischen Bildungsministerium und der EU. Mein Wunsch für’s nächste Jahr: dass sich meine Uni daran nur ein klitzekleines bisschen orientiert und es möglich macht, dass man sich mit einem anderen Browser als dem Internet Explorer für Sprachkurse anmelden kann. So als kleiner Anfang, ich will ja nicht gleich übermütig werden und besseren Informatikunterricht fordern.

Die dritte Ost-Nachricht ist eigentlich keine Nachricht, sondern die Frage: Was wissen Sie über Kasachstan? In dem verlinkten Artikel finden sich jedenfalls eine Menge Details.

“Aber Kasachstan ist das wirtschaftlich stärkste und politisch stabilste Land in Zentralasien. Dazu noch das neuntgrößte Flächenland unserer Erde – fast so groß wie die Europäische Union vor der Osterweiterung. Aber nur 16,4 Millionen Einwohner! Etwa 64 Prozent davon sind ethnische Kasachen, 25 Prozent Russen und Ukrainer. Insgesamt leben in Kasachstan 113 Ethnien mit 46 verschiedenen Konfessionen ohne größere Spannungen friedlich miteinander. Das spricht für Toleranz und Nichtdiskriminierung. Allein schon diese Dimensionen sind beeindruckend.”

Momentan wirbt das Land für eine „Seidenstraße des 21. Jahrhunderts“ – von Europa nach China.

In Folge der Finanzkrise weigern sich die isländischen Bürger bereits zum zweiten Mal in einem Volksentscheid, die Schulden der Pleitebank Icesave zu zahlen.

“Die Unterstützer des „Nein“ argumentieren, dass es keine rechtliche Verpflichtung für isländische Bürger gebe, für die Verluste einer Privatbank aufzukommen.”

Endlich mal jemand, der sich wehrt.

“Die eigene Erwartung wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer von Egoismus ausgeht, trifft dann tatsächlich häufiger auf unkooperatives Verhalten bei seinen Mitmenschen.“

Mit Geld jongliert, aber anders, haben nämlich auch Forscher des Max-Planck-Instituts Bonn. Das Studienergebnis ist nicht sonderlich überraschend, aber noch einmal interessant zu lesen.

Das West-Eastern-Divan Orchester scheint erfreulicherweise Nachahmer zu finden. Im Irak gibt es ein neues Friedensorchester:

„Dieses Orchester versteht sich als ein Friedensorchester. Alle, die hier mitspielen, sagen, wir wollen Frieden und Einheit im Irak. 22 Kurden spielen zusammen mit 23 arabischen Musikern. Die Gruppe wächst durch die Musik zusammen“, erklärt der Vorsitzende des Fördervereins Karl-Walter Keppler. (…) Die meisten Musiker arbeiten autodidaktisch, üben auf ihren Instrumenten, lesen nach und nehmen Unterricht über „Youtube“. Während der Probenphasen mit dem Orchester haben sie dann die Gelegenheit, mit professionellen Lehren aus Großbritannien, Deutschland und den USA zu arbeiten.”

Zum Schluss noch ein kleiner Nachtisch: Franz Schandl beschäftigt sich mit den Begriffen “Werte” und “wertlos”. Hier ein Auszug:

“Das Zentrum der Werte bildet – das Wort verrät es durch seinen Singular – die ökonomische Kategorie selbst, der Wert. Der Glaube an ihn ist die gemeine Basis diverser Ausdünstungen unserer Befangenheit. Alle Bereiche sollen durch Werte dem Wert angepasst sein. Man denke nur an all die befallenen Begriffe wie Wertschätzung, Wertschöpfung, Bewertung oder wertvoll. Auch das Selbstwertgefühl ist in seiner Konstitution nie etwas anderes gewesen als die von außen geprägte Werteinschätzung des Selbst, wobei das Selbst die Rückbezüglichkeit schon in sich trägt.”

Das Bild der Woche kommt diesmal als Appell daher.

Die letzten Fundstücke findet man bei merdeister, wie das mit denen der nächsten Woche aussieht, wissen wir noch nicht ganz genau…

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