Pisa und PISA, Qual der Wahl

Die Europäischen Superstars in Sachen Schule lieben rechts außen. Sie sind nicht die Einzigen

Am Anfang war die Schwerkraft. Galileo Galilei untersuchte daran die Fallgesetze, der Legende nach in Pisa. In der Tat erscheint es heute noch verführerisch, in dem bereits kurz nach Baubeginn in Schieflage geratenen Turm eine gigantische Versuchsanordnung dafür zu sehen, was von oben geworfen unten schneller ankommt. Glockenturm und Bodensatz verbunden durch freien Fall, da mag manches Weltbild ins Wanken geraten. Vor allem, wenn auf Sand gebaut.

Auch seit Beginn des Programme for International Student Assessment der OECD, kurz PISA genannt, sind viele um einen Schock nicht herum gekommen. Man stelle sich vor, im Land der Dichter und Denker beim Lesen hinterher zu hinken. Wir haben uns also an den Streit gewöhnen dürfen, ob die lichten Höhen von Bildungszielen nicht eher sehr bodennah als Vermittlung von bestimmten Fertigkeiten zu begreifen sind. Stets das leuchtende Beispiel Finnland vor Augen, das selbst auf den Seiten seiner Botschaften in Wien und Berlin nicht umhin kann, sich im besten Licht darzustellen. O-Ton: „In den internationalen Medien wurde Finnland Klassenprimus, Musterschüler, PISA-Sieger und Bildungs-Spitzenland genannt.“

Nun könnten wir der Idee verfallen, ein Verhältnis herzustellen zwischen der Beletage eines idealen Schulsystems und dem ganz praktischen Nährwert im täglichen Leben. Dort wäre neben dem Zahlen von Rechnungen, die akribisch geprüft gehören, die nähere Kenntnis politischer Programme, also das genaue Lesen, Erfassen und Interpretieren von Texten gefragt. So ein Ziel in der Demokratie. Dass es in einem der europäischen Schlusslichter des Schülervergleichs, in Italien, nicht zum Besten steht, wissen wir. Wer Silvio Berlusconi und einer Lega Nord viermal das Regieren ermöglicht, müsste gewisse angelernte Defizite haben. Nicht viel anders im ziemlich weit hinten rangierenden Österreich, wo mit der Lese- eine ziemliche Schwäche für die FPÖ einher zu gehen scheint. Laut jüngsten Umfragen sind die Voralpenpopulisten zweitstärkste Partei in der Volksgunst, nur noch zwei Punkte hinter den Sozialdemokraten.

Cur discimus?

Aber Finnland, der glänzende Stern am Schulfirmament, 19% der Bevölkerung zu „Wahren Finnen“ verbildet? Oder Belgien, weit vor uns auf der Skala der Leseratten, seit dem 30. März das am längsten nichtregierte Land der Welt -noch vor dem Irak-, so dass dieser Tage sogar ein Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde fällig wurde? Was mag da schon ins Gewicht fallen, wenn Hamburg seinen ganz eigenen schulischen Kleinkrieg ausgefochten hat und nun die ganze Republik grün wählt!

Keine Panik, das Geheimnis um beste Bildung ist seit 2009 ohnehin in Shanghai angesiedelt. Minimalistisch geht es dort um leicht verständliche, weil behördlich genehmigte Lektüre. Und wir wissen, dass bei Behörden immer der niedrigste anzunehmende Quotient Maßstab ist, egal in welchem Land sie am Werk sind. Während bei Mathematik die Ziffer 1 reicht – 1 Partei, 1 Meinung, 1 Kind. Verführerisch der Gedanke, darin die größte Versuchsanordnung der Geschichte zu sehen, ganz frei nach Tacitus, dass es vielen erstrebenswerter wird, für die Schule statt für das Leben zu lernen.

Was Galilei wohl dazu gesagt hätte? Wahrscheinlich hätte er geschmunzelt und nur ganz leise gemurmelt, dass in einem Bildungsvakuum jede Wissensmasse gleich schnell auf dem harten Boden der Tatsachen aufschlägt.

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Ein Gedanke zu “Pisa und PISA, Qual der Wahl

  1. In ihrer Heimat sind sie entsetzt, dass es mittlerweile einige sehr reiche Menschen gibt, die Einkommensverteilung wird als ungerecht angesehen, auch wenn das eigene Einkommen sich vielleicht absolut gesehen ganz gut entwickelt hat. Gleichzeitig fordern sie eine Werte Diskussion und wollen weg von der Fixierung auf monetäre Werte. In der Pflege, so sagte mir ein PS-Wähler, diskutiere man nicht darüber, wie es den Älteren denn nun konkret gehen solle, sondern nur über die Kosten.
    http://tinyurl.com/6dd6do7

    Auch in Oesterreich hat ein selbsternannter Undercoverermittler eine Lawine losgetreten, die seinen Parteichef vermutlich endgültig zur Demission anstieß und der sich nahtlos in eine Reihe von Fällen einfügt, in denen das politische Personal vor allem die Selbstbereicherung im Auge hat.

    Nun ist es sehr bis äusserst wahrscheinlich, dass die Echtfinnen (oder wie immer man sie übersetzen mag) und noch um den Faktor 10 wahrscheinlicher die FPÖ, kriegen sie erst Gelegenheit, noch dreister in die eigenen Taschen wirtschaften werden, als Vortragskünstler hiesiger Parteiein, die den Anschein legaler Geschäftstätigkeiten zu wahren versuchen.

    Für die Wahrnehmung, dass einiges schief läuft beim politischen Personal etablierter demokratischer Parteien, das quasi sachzwangmäßig sich selber genügend ist und keinen weiteren Zweck mehr verfolgt, reicht eine mindere Klippschulbildung. Es reicht eine kleinstes Einmaleins, um wenigstens zu spüren, dass im herkömmlichen Politbetrieb einiges in Unordnung geraten ist. Pisaranking, Blitzabitur sollen die verwirren, die intelligent genug wären, das verdächtige Treiben derer zu enttarnen, die den Satz, „Leistung soll sich lohnen“ zum Murmelmantra von im Eigentlichen Leistungsverweigerern umgebogen haben. Die Bildungsstrategie der Verwirrung und des Vakuums hat in Italien schon den großen und dauerhaften Erfolg, wird sie doch dort in (fast) allen Kanälen rund um die Uhr gefördert und gepflegt. Dass Shanghai in diesem Ranking führend ist, ist vermutlich der Arbeitslagerdrohung und der unbegrenzten Korruption im Reich der Mitte geschuldet. Dort ist es möglicherweise noch wichtiger als in Europa,, den Platz auf der richtigen Seite des Korruptionsschalters zu erringen. Auf der anderen Seite zahlst du nur drauf.

    (Leicht überarbeitet aus freitag.de)

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