Fliegen oder freier Fall?

Posted on 24. April 2011 von

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Nichts ist Harmlos

In England gibt es eine Bewegung, die Alternativmedizin im allgemeinen und Homöopathie im speziellen kritisiert. Um in Deutschland etwas davon zu erfahren, muss man gezielt nach Informationen dazu suchen. Sichtbarster Ausdruck der Skepsis gegenüber Homöopathie war die 10:23 Aktion, die am 30.1.2011 stattfand. Dabei wurde durch die „Überdosierung“ eines homöopathischen Mittels darauf aufmerksam gemacht, dass darin nichts ist als Wasser, Zucker oder einer anderen „Trägersubstanz“. Homöopathie spielt vermutlich eine so prominente Rolle in der Kritik, weil sie in der Alternativmedizin ebenfalls eine so prominente Stellung einnimmt. Sie dient als eine Art Türöffner, um darauf aufmerksam zu machen, dass es Methoden gibt, die jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Dazu gehören neben der Homöopathie Akupunktur, Bachblüten, Chiropraxis, Osteopathie und viele weitere.

Eigentlich hört es sich wenig spektakulär an, „jeder wissenschaftlichen Grundlage zu entbehren“. Vielleicht gibt es ja ein anderes Fundament, auf dem die Methoden aufbauen? Die Chinesen, die kennen das Fundament, denn die wenden Akupunktur ja schon seit 1000en Jahren an, das werden die ja nicht einfach so machen. Und wenn in doppelt verblindeten Studien kein spezifischer Effekt zu erkennen war, lässt dies das Fundament unversehrt. Die Studien wurden der Methode nicht gerecht, wissenschaftlich ist ihr ohnehin nicht nahe zu kommen und die Autoren der Metaanalyse waren alle gekauft. Was an Argumenten fehlt, wird mit Vehemenz ersetzt.

Ist die Einstellung hinter dieser Argumentation harmlos? Die Welt, in der wir leben, basiert auf den durch die Wissenschaften gewonnenen Erkenntnissen. Sogar Kirchen werden mit Materialien gebaut, die von Chemikern entwickelt, von Physikern und Ingenieuren getestet und von Statikern berechnet wurden. Kein Pastor predigt von einer Kanzel, die von Gottvertrauen allein zusammengehalten wird.

Fliegen oder Fragen

Im Netz gibt es ein Video von furchtlosen Menschen, die in Wingsuits an Berghängen herunterrasen, immer einige Meter über dem Boden. Wenn man an einem Punkt steht und so einen Menschen über sich hinwegfegen sieht, könnte man meinen, er flöge. Kommt deshalb jemand auf die Idee und zieht sich so einen Wingsuit an, mit dem man scheinbar fliegen kann, und springt von der nächsten Klippe? Ohne Fallschirm, man kann ja fliegen. Nein, denn ein durchschnittlich gebildeter Mensch weiß, dass diese Menschen nicht fliegen, sondern langsam genug fallen, um immer ein paar Meter über dem Boden zu bleiben und am nächsten Abhang die Reißleine ziehen. Ein durchschnittlich gebildeter Mensch weiß, dass der Ausschnitt, den er zu sehen bekommt, nur begrenzte Aussagekraft besitzt, wenn er die Gesamtsituation einschätzen möchte. Wäre das nicht so, lägen die Berghänge voller abgestürzter Menschen mit ziemlich überraschtem Gesichtsausdruck.

Einige Menschen gelangen zwar zum oben genannten Schluss, kommen jedoch nicht auf die Idee, dass sie sich bei vielen gemachten Erfahrungen am Punkt des Berges befinden, an dem es aussieht, als würden Menschen fliegen. So kann man die Erfahrung machen, dass es einem nach der Einnahme von Allium Cepa D30 wieder besser geht. Und das seit 200 Jahren. Oder dass es einem danach nicht wieder besser geht oder dass einem Antihistaminika helfen oder dass es von alleine besser wird. Je nachdem, an welcher Stelle des Berges man steht.

Geistheilung statt heiler Geist

Diese Kritiker könnten ja trotzdem einfach mal Ihre Klappe halten und sich nicht darum kümmern, dass es Menschen gibt, die nicht so einen begrenzten Horizont haben und mit verzaubertem H2O und Saccharose die unterschiedlichsten Erkrankungen heilen können wollen. Allerdings im Schnitt nicht mehr, als mit Wasser und Zucker auch. Trotzdem könnten sie die Klappe halten, weil sie nix verstehen, verbohrt sind und nicht offen. Die hohlen Fritten. Warum kümmern die sich nicht um ihren Kram?

Können die nicht weiter an Quanten forschen, an neuer Physik und Homöopathie endlich beweisen? Die skeptische Penetranz ergibt vielleicht mehr Sinn, wenn man sich Fälle vor Augen führt wie den eines Briten, dessen Homöopathin ihm Mittelchen für eine Reise in ein Malariagebiet verschrieb. Er nahm keine wirksame Malariaprophylaxe und schaffte es, als er hohes Fieber bekam, nur noch mit viel Glück in eine britische Klinik. Dort wurde die (Überraschung!) Malaria behandelt. In Australien haben sich Forscher damit beschäftigt, wie viele Kinder zwischen 2001 und 2003 durch alternative Heilmethoden zu Schaden kamen. Die im Paper erwähnten 4 Todesfälle waren Folge, der Verweigerung einer medizinische Behandlung.

Nun könnte man das natürlich mit der Zahl von Menschen vergleichen, die durch Behandlungsfehler und Nebenwirkungen von Medikamenten zu Schaden kommen. Man könnte versuchen damit darzulegen, grobstoffliche Medizin sei viel gefährlicher als sanfte Alternativmethoden. Die kurze Antwort auf diesen Einwand wäre, dass der Schaden eben durch Behandlungsfehler und nicht durch die Behandlung selber entstand und dass Pharmaka, die Wirkungen haben, auch Nebenwirkungen haben. Homöopathie hat weder das eine noch das andere.
Die lange Antwort ist ziemlich langweilig und beginnt erst einmal mit mehr Fragen. Wie so oft, wenn man sich mit einem komplexen Thema beschäftigt.

  • Wie viele Menschen werden medizinisch behandelt?
  • Wie viele davon würden ohne eine Behandlung nicht mehr lange leben oder nur noch unter großen Schmerzen, Mühen, Leiden,…?
  • Wie viele Menschen von diesen kommen zu Schaden, die ohne die Behandlung besser dran gewesen wären?

Ganzheitlicher Problemfall

Die Probleme in der Medizin resultieren aus den Bedingungen unter und den Menschen von denen sie durchgeführt wird. Doch das Konzept ist erklär-, erforsch- und veränderbar. Vor 150 Jahren ist man an Gallensteinen qualvoll gestorben. Dann war jahrzehntelang eine, in der Anfangszeit ziemlich gefährliche, OP die einzige Heilungschance. Heute gibt es z.T. endoskopische Heilmethoden. Die sind nicht entstanden, weil jemand 200 Jahre versucht hat, eine Methode zu „beweisen“, sondern, indem jede Methode hinterfragt wurde und wird.

Die Probleme der Alternativmedizin resultieren aus dem Konzept. Sie funktioniert nur, weil die meisten Erkrankungen von alleine wieder verschwinden. Wenn Alternativmedizin tatsächlich Zulauf findet, was von Protagonisten der Befürworter und der Kritiker behauptet wird, bedeutet das auch, dass die Zahl derer steigen wird, die Schaden nehmen, weil ihnen eine medizinische Behandlung verwehrt bleibt. Entweder aus eigener oder der Unkenntnis von Menschen, die für sie verantwortlich sind. Denn wenn jemand meint, ihm habe Homöopathie (oder NGM oder was auch immer) bei den Rückenschmerzen geholfen, wird er oder sie mit größerer Wahrscheinlichkeit auch bei einer schweren Erkrankung dort Hilfe suchen. Die hat dummerweise eine geringere Neigung zur Spontanheilung.

Wenn man der Homöopathie durchgehen lassen kann, ihre haltlosen Versprechen nicht mit vernünftigen Studien untermauern zu müssen, kann der Hersteller eines Gummiarmbandes auch behaupten, dieses hätte eine leistungssteigernde Wirkung. Hat es aber nicht, darf er darum auch nicht. Die Homöopathie darf aber. Dabei geht es dort dogmatischer zu als in mancher Religion. Ein Pfarrer käme nicht auf die Idee, Kopfschmerzen behandeln zu wollen. Außer er vermutet einen Dämon dahinter, dann hilft nur ein Exorzismus. Wer behauptet, irgendwas D30 hätte eine spezifische Wirkung, darf über einen Exorzismus nicht lachen. Beides gehört in die gleiche Zeit.

Commonhealth

In England wurde im Rahmen der wachsenden Kritik an der Alternativmedizin die Nightingale Collaboration gegründet, die sich auf die Fahne geschrieben hat, unwissenschaftliche Behandlungsmethoden anzuprangern, aufzuklären und dafür zu sorgen, dass die Anbieter nur noch Angaben machen, die sie belegen können. Diese Vorgabe machen auch ein neue Regeln der ASA. Dabei gilt die Anekdote von der Mutter einer Freundin, der Freundin selber oder ihrem Hund nicht als Beleg. Und mittlerweile tragen sie ein paar kleine Erfolge davon. Den Monat März widmete die NF und ihre Mitglieder der Homöopathie und forderte dazu auf Sites zu melden, auf denen Angaben gemacht werden, die nicht belegt sind. Im Rahmen dieser Aktion sind von fast allen Websites, die Homöopathie bewerben, Heilversprechen für spezifische Krankheiten verschwunden. Dabei hätten die Versprechen dort von Anfang an nicht stehen dürfen, denn das Gebot nur zu versprechen, was man halten kann, machte auch der Ethikcodex des Verbandes englischer Homöopathen. Dass es mit der Ethik nicht so weit her ist, wenn es ums Geld verdienen geht, kennen wir ja bereits von der Pharmaindustrie.

Der Verband empfahl seinen Mitgliedern, sich möglichst wage auszudrücken, sowohl auf den Websites, als auch in Interviews. Um nach außen geschlossen zu erscheinen gab es eine Pressemitteilung. Auch bei der Huschi Fuschi Fraktion ist Corporate Identity gefragt.

Darf also bald niemand mehr seinen Wingsuit anziehen und von Berghängen fallen und sich fühlen als würde er fliegen? Natürlich nicht, er oder sie sollte einfach wissen, dass man einen Fallschirm dabei haben muss und der kleinste Fehler dazu führen kann, dass man am Boden zerschellt.

Posted in: Pharmaconcern