Planète à vendre – Dritte Welt im Ausverkauf

Posted on 28. April 2011 von

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Die deutsche Übersetzung reflektiert den französischen Originaltitel nur ungenügend. Nicht die sog. Dritte Welt steht vor dem Ausverkauf, sondern es ist ein weltumspannender Handel, von überall her und überall hin. Gegenstand: Die global endliche Ressource Ackerland.

Drehbuchautor und Regisseur Alexis Marant (42) zeigt, wie wenig ominös eine der größten Landnahmen in der Geschichte der Menschheit vor sich geht. In 10 Jahren seit 2000 haben rund 50 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche den Besitzer gewechselt. Marant begleitet filmisch drei Beispiele, die jedes für sich genommen einen eigenen Kontext bildet.

Eine neue Feudalisierung

Auf der einen Seite Staaten wie Saudi-Arabien, die über wenig eigenen bebaubaren Boden verfügen und zur Sicherstellung der Ernährung ihrer Bevölkerung -aber auch um ihr Petro-Dollar-Portfolio zu diversifizieren- im Ausland direkt oder über Mittelsleute investieren. Oder wie Südkorea, mit der gleichen Zielsetzung, aber einer anderen Ursache: Die Bevölkerungsdichte ist dort bereits so groß, dass der Boden tatsächlich schon nicht mehr für eine autonome Ernährung ausreicht.

Auf der anderen Seite Ram Karuturi, indischer Geschäftsmann und Vorstand der eigenen Karuturi Global Ltd.. Zunächst kaufte er in Äthiopien Land in großem Stil für Rosenzucht auf, um nun in die Reisproduktion einzusteigen. Er rechnet vor, welchen Anteil er persönlich an der weltweiten Getreideproduktion haben wird.

Und da ist schließlich der Finanzmarkt, verkörpert von Firmengeflechten wie der französischen Pergam Finance, an deren Spitze der Geschäftsmann Olivier Combastet steht, die für ihre Interessen in Südamerika die Campos Orientales gegründet hat. Sie hat sich auf Mais-, Soja- und Rinderzucht spezialisiert. Sie verkörpert die Fremdgeldverwaltung mit einem Renditeziel von 25 bis 30% per annum zumindest für die nächsten 5 Jahre.

Trotz der unterschiedlichen Akteure und ihre jeweiligen Zielsetzungen, das Ergebnis ist stets dasselbe, die Industrialisierung und Exportorientierung der Lebensmittelproduktion. Die Länder, in denen dies geschieht, „bleiben in einem Schema stecken. Sie produzieren für das Ausland und werden dadurch von diesem immer abhängiger, um sich selbst ernähren zu können.“ Ein Teufelskreis, der früher einmal Kolonialismus hieß.

Hunger in der Welt ist nicht immer nur die Abwesenheit von Lebensmitteln

Marant hat einen Dokumentarfilm abgeliefert, der auf spektakuläre Bilder, rasante Sequenzen, auf herzzerreißende Szenen verzichtet. Umso mehr spürbar das unter der Oberfläche Brodelnde, das er in Sätzen kondensiert wie: „Die Finanziers wollen die Bauern des 21. Jahrhunderts werden und man darf das Schlimmste befürchten.“ Oder in der Frage von Javier Blas der Financial Times auf einer Konferenz der FAO, der Welternährungsorganisation in Rom – wie schnell sind die Weltorganisationen bei der Schaffung eines Codes of Conduct bei Investitionen, während von allen Seiten her Tatsachen geschaffen werden? Oder schließlich in der trockenen Bemerkung von Olivier De Schutter, dem UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Ernährung, dass von der einen Milliarde Menschen, die weltweit Hunger leiden, die Hälfte Bauern sind, aber niemand ihren Ruf nach Hilfe hört.

Der Film gibt kaum eigene Statements ab, er lässt zu Wort kommen. Die Nichtregierungsorganisation GRAIN, die bei der gleichen FAO-Konferenz kein Blatt vor den Mund genommen hat und das Beispiel Madagaskar dafür benannte, dass das Volk selbst der Landnahme widerstehen könne. Die äthiopischen Bauern, denen nur die Degradierung zu von Aufsehern dirigierten Aushilfskräften bleibt oder die Auswanderung aus dem Land, das sie seit Generationen bewirtschaften. Und den Generaldirektor der FAO – der Senegalese Jacques Diouf ist seit 1993 im Amt und steht trotz seiner telegenen Worte für nun 18 Jahre Mangelverwaltung, die dem Spekulationszugriff nicht gewachsen ist.

Die Stärke des Films liegt neben der Recherche und in der Dramaturgie der in Episoden aufgebauten Narration vor allem in den nicht gestellten, weil nicht hörbaren Fragen, die gerade dadurch sich aufdrängen. Wie kommt es, wohin führt es? Marat gibt keine Rezepte an die Hand, sondern überlässt es dem Zuschauer, in seiner eigenen jeweiligen Welt aus Erfahrung, Kultur und Assoziationsfähigkeit das heraus zu sehen, was er als Schwerpunkt sehen will, kann. Oder Analogien zu seinem jeweiligen Lebenskontext zu bilden. Auf diesem Werk kann buchstäblich aufgebaut werden.

Und sie ist verdammt spannend, diese Doku. Sie führt mitten hinein in eine Wirklichkeit, die für den äthiopischen Bauern unbegreiflich, monströs und lebensbedrohend ist, für den Finanzier nur ein Kostenfaktor und den mitteleuropäischen Zuschauer sehr vertraut. Es geht schließlich um Wohlstand und Arbeitsplätze. Sagt man. Aber ist das so und wenn ja: Wo?

Originaltitel: Planète à vendre (Dritte Welt im Ausverkauf), F, 2010, 90 Minuten
Drehbuch und Regie: Alexis Marant
gesehen auf ARTE, nächster Sendetermin 13. Mai 2011, 03:15 Uhr
Im Netz zirkuliert der Film bereits als rip