Polluter Watch – das etwas andere Umweltleak

Posted on 1. Mai 2011 von

0


Die letzten zwölf Monate waren an der Umweltfront nicht wirklich beruhigend. Vor einem Jahr der Golf von Mexiko, kürzlich Japans Ostküste, über uns ein Ozonloch so groß wie nie zuvor. Und immer kurz darauf die unvermeidliche „Entwarnung“, Worte von Regierungen, Betreibern, sonstigen Handlungsanweisenden, sich keine weiteren Sorgen machen zu sollen. Greenpeace hakt nach.

Im Fall der Deepwater Horizon hat sich Greenpeace entschieden, das Spiel um Schädigen und Liquidieren nicht mehr mitzuspielen. Die Umweltschutzorganisation hat die Plattform www.polluterwatch.com ins Netz gestellt, auf der zwei bemerkenswerte Dinge geschehen. Zum einen werden statt der üblichen anonymen Gesellschaften und/oder Behörden als Verursacher für die größte Ölkatastrophe in der bisherigen Geschichte der Menschheit konkrete Personen benannt, mit Foto, Name und Position. Zum anderen ruft Greenpeace alle Interessierten auf, bei der Auswertung von 30.000 Seiten Dokumente zu helfen, die das Geschehen und seine Hintergründe ausleuchten.

Deepwater Horizon, 1 Jahr danach

Wir erinnern uns: Am 20. April vergangenen Jahres war es bei einer Tiefseebohrung auf der Ölplattform Deepwater Horizon zu einem Blowout gekommen. Wegen Versagens eines Ventilsystems  am Meeresgrund in etwa 1.500 m Tiefe, so die amtliche Version, war das ausschießende Erdöl nicht unter Kontrolle gebracht worden. Als das Bohrloch schließlich am 16. Juli temporär verschlossen wurde, waren schätzungsweise 700 Millionen Liter ins Meer gelangt. Das entspricht der Ladung von 23.333 Tanklastzügen.

Wer weiß, welcher Aufwand hierzulande nach Straßenunfällen mit Öl- oder Treibstoffaustritt betrieben wird, kann sich nur ungläubig die Augen reiben, wenn offizielle Stellen in den USA die Bewältigung der Katastrophe verkünden. Ausbringen von Bindemitteln, Auskofferung von kontaminiertem Erdreich, dessen Sonderbehandlung und spezielle Lagerung, Wiederherstellung. Dies ist oder scheint im Meer nicht möglich. Dafür würden Bakterien und die Meeresströmungen sorgen, dass die Kontamination auf ein unbedenkliches Etwas reduziert oder sogar beseitigt werde. Dass diese offizielle Sichtweise mehr mit „Entwarnungen“ als mit Tatsachen zu tun hat, drängt sich immer mehr ins BEwußtsein. Mehr noch, durch das Aufbrechen der an der Oberfläche treibenden Ölteppiche mit chemischen Mitteln wurde die schwarze Pest zwar den Augen entzogen. Die Folgen sind aber unter der Wasseroberfläche nach wie vor sicht- und greifbar, ob als Tropfenwolken oder als zäher Überzug auf dem Meeresgrund. Samantha B. Joey, Meeresbiologin an der University of Georgia, Athens, wird mit den Worten zitiert: „Ich halte es für möglich, dass 50 Prozent des Öls immer noch da draußen herumschwimmen.“

Obwohl sie nicht nur ihre Forschungsergebnisse publik macht, sondern ganz anschaulich das von ihr aufgenommen Fotomaterial, wird Joey insbesondere von  der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) scharf attackiert. Allerdings nicht öffentlich. Denn dies würde bedeuten, einer Wissenschaftlerin eine Plattform zu schaffen, deren Auffassung konträr zur offiziellen Politik steht. Die ist veröffentlicht auf der im April 2010 von der ua-Administration geschaffenen Plattform deewaterhorizonresponse.com, wo es vor zwei Wochen hieß: „All Federal waters of the Gulf once closed to fishing due to spill now open”.

Ein Konflikt zwischen Wissen und Behörden

Dass Samantha Joey überhaupt zu Wort gekommen ist, und zwar zunächst über den englischen Guardian, sodann bei der Freitag, liegt an eben jenen bei Greenpeace veröffentlichten bzw. abrufbaren Dokumenten. Aus ihnen gehe unter anderem hervor, so die Guardian-Korrespondentin Suzanne Goldenberg, wie  „BP versucht die Forschung zu den Auswirkungen der Ölpest zu kontrollieren.“ Dabei ist die Sammlung an Unterlagen kein Ergebnis eines oder mehrerer undichter Stellen wie im Zusammenhang mit Wikileaks. Sie ist Frucht offizieller Anfragen von Greenpeace unter Berufung auf den Freedom of Information Act (FOIA), einem umfassenden Recht des Bürgers auf Information zu Akten der Exekutive in den U.S.A..

Polluter Watch ist aber auch eine Darstellungsweise, die gewöhnungsbedürftig ist, zumindest für deutsche Verhältnisse. Der öffentliche Aufruf an den durch die Vernetzung von Millionen Usern vorhandenen Sachverstand war bisher selten und zumeist auf ganz fachspezifische Bereiche beschränkt wie etwa bei Galaxy Zoo. Dort erhalten Hobby-Astronomen interaktiv die Gelegenheit, ihr Wissen bei der Auswertung der Aufnahmen des Weltraum-Teleskopes Hubble beizusteuern. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, wie etwa die Entdeckung von „Hannys Objekt“ zeigt. Noch schwieriger ist von hier aus nachzuvollziehen, welche Wirkungen die selbst auferlegte Verpflichtung von Behörden hat, ihre Akten öffentlich zu machen. Nur ganz im Anfang steckt in Deutschland diese allgemeine Zugänglichkeit, verkörpert in dem sog. Informationsfreiheitsgesetz. Die teilweise Renitenz öffentlicher Stellen, ausgedrückt auch in überzogenen Gebühren, steht noch immer neben dem Unwillen einiger Bundesländer, das Gesetz für sich umzusetzen.

Keine Chance auf Überleben dürfte in Deutschland schließlich die Darstellungsweise haben, mit dem einzelne Personen als „beobachtete Umweltzerstörer“ bei Polluter Watch vorgeführt werden. Was hier ohne weiteres unter den Begriff „Pranger“ subsumiert würde, ist freilich in den U.S.A. von der dortigen Ausformung des Rechtes auf Meinungsfreiheit gedeckt, dem Ersten Zusatzartikel zur Verfassung. Greenpeace, deren deutsche Sektion eine der bedeutendsten innerhalb der Organisation ist, öffnet damit über die Aufklärung hinaus einen Kontext, der von hier aus gelesen in mancher Hinsicht grenzüberschreitend ist. Wie schon bei den Aktionen gegen das Verklappungsschiff Kronos wird zu sagen sein: Ein grober Keil gegen grobe Klötze. e2m

Posted in: Pimp (my) Nature