Alltagsware

Oliviero Toscani ist ein Tabubrecher. Der Fotograf, der lange die Werbung für das Label United Colors of Benetton machte, hat das sichere Gespür für Widersprüche. Ein weißes Baby an einer schwarzen Brust war Anfang der 1990er Jahre genauso undarstellbar wie endlose Gräberreihen auf einem Militärfriedhof unter dem Logo eines Laibchenherstellers. Die Aufnahmen zu einem ölverschmierten Vogel, von Kinderarbeit und zu HIV beschäftigten Verbände, Kirchen, Parteien, Gerichte. Von Geschmacklosigkeit war die Rede, von einem Schock.

Viel scheint von der Aufregung nicht übrig geblieben zu sein, im Gegenteil. Alle Welt lechzte die letzten Tage nach Bildbeweisen, dass eine bestimmte Person in Südasien auch tatsächlich tot ist. So tief geht dieses Bedürfnis nach Details um eindringende Projektile in einen menschlichen Körper, dass bereits lange vor den Geschehnissen dazu eine Bildbearbeitung in Umlauf war. Sie wurde punktgenau von Massenmedien übernommen, als es Zeit für eine Dokumentation wurde. Worauf die Lechzenden auch prompt hereinfielen. Denn das echte Material ist zurückgehalten worden. Es sei schauerlich, könnte als „Zündstoff“ dienen, es solle „nicht als Trophäe“ aufgetischt werden. Das Verlaufen der Fiktion in die Wirklichkeit -und umgekehrt- hat nach Benetton ihre zwangsläufige Fortsetzung gefunden.

Nicht in einer „Ästhetik des Grauens“, jenem pseudo-kulturellen Allerweltsbegriff, der allein schon damit abgedroschen  wurde, dass er den Habit von Touristen (weiße Socken, Gummilatschen) beschrieben hat. Sondern in den Paradoxen, die sich darin mal mehr, mal weniger akzentuieren.

 

Zeitnah zu den beanstandeten Werbungen hatte Jens Jürgen Korff  („Die Benetton-Kontroverse“) einige von ihnen  aufgezeigt. Wo Benettons Plakate als „sittenwidrig“ eingestuft wurden, resümierte er treffend: „Werben mit realem Leid – das ist sittenwidrig. In der Tat, Sitte ist es nicht. Sitte ist es, dass die Werbung eine künstlich heile Welt abbildet, von der jeder weiß, dass sie erlogen ist.“ Und da die Sittenwidrigkeit sich nach Ansicht vieler darauf bezogen habe, dass der Kleidungshersteller „lediglich“ seine Bekanntheit habe steigern wolle, fragte Korff: „Wenn Wettbewerb aber etwas Niederes, Erbärmliches ist, wie kann er dann jemals lauter sein? Und wenn es keinen lauteren Wettbewerb gibt, wie kann es dann unlauteren geben?“

Im Abstand wissen wir: Der verteerte, sterbende Vogel begleitet heute weniger denn je den Gedanken des Umweltschutzes, sondern entscheidet bestenfalls über die Höhe eines Entschädigungsfonds. Kinderarbeit ist wieder ganz stark im Kommen, Photos sind konstruiert. Und gerade jetzt, da bestimmte Bilder erneut als Zündstoff in einem Ideenwettbewerb geradezu herbeigesehnt werden, werden sie schamhaft versteckt. Obwohl jeder, wirklich jeder, eine bestimmte Leiche gerne abgebildet sähe, am besten in sezierfähigem Maßstab, versehen mit dem Logo „made by U.S.A.“ – die einen im Siegesbewusstsein, die  anderen als Anklage.

Vor ein paar Tagen meinte Toscani zur Nachrichtenagentur ANSA: „Jeder will auf Bin Laden schießen, also macht er es mit Photoshop.“ Aber: „Auch die Pistole, mit der auf ihn geschossen wurde, hat ihn so transformiert wie in einer Bildbearbeitung. Was ist also wirklicher, die Pistole oder Photoshop?“

Tatsächlich, eine heile Welt lässt sich nicht mehr darstellen. Sie kann ja nur ein Werbegag sein, schlimmstenfalls eine Utopie. Und, bitte, wir sind doch alles erwachsene Menschen, im Hier und Jetzt. Gnadenlos realistisch. e2m

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