Fundstücke 19: Nicht vorher drüber nachdenken.

Posted on 13. Mai 2011 von

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Hier kommen die Fundstücke, heute zu etwas späterer Stunde als gewohnt, dafür hat sich an der Struktur nichts geändert: beginnen wir mit Polen.

“I don’t want to think about it in advance,”says Jacek. T.

Worum geht es? Thenews.pl berichtet, dass Polen mit green card schneller die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen, wenn sie für die army in Afghanistan oder im Irak kämpfen. Die Aussage oben ist die Antwort auf die Frage an eine dieser Personen, ob der Preis für einen amerikanischen Pass nicht zu hoch sei. Aber wenn man einen hohen Sold und die Erlaubnis, für immer in den USA zu bleiben, bekommt, scheinen manchen die Risiken nicht zu schrecken. Eine andere von der army bevorzugt umworbene Gruppe von green card-Inhabern sind laut dem Artikel Lateinamerikaner.

Polen in Amerika also. In Deutschland, oder zumindest in manchen deutschen Medien, ging ja im Zusammenhang mit der neuen Freizügigkeit das Gerücht um, hier würden uns nun die Arbeitsplätze von Osten her streitig gemacht. Mir wurde schon vorgeworfen, dass ich das ganze zu unreflektiert angehe. Das Thema ist tatsächlich einfach zu komplex, um es allein darauf zu reduzieren, ob nun eine Schwemme von Arbeitnehmern kommt oder nicht.  Hier müsste z.B. auch das Beschwören eines Fachkräftemangels von Seiten der Arbeitgeber einbezogen werden. Der Fehler liegt in der Hinsicht bei einigen Medien, die solche Punkte zu kurz kommen lassen. Manchmal aber muss man genau aus diesem Grund den Schwerpunkt auf die Widerlegung dieses einen Arguments legen, damit es auch entsprechend wahrgenommen wird.

Gut, also dass nach der TAZ (siehe die vorletzten Fundstücke) noch mal jemand darauf antwortet: Videoblog des Tschechien-Korrespondenten der ARD. Amüsant und traurig, wie bei uns Stereotype verhaftet sind.

Ein weiteres Vorurteil: “Sie überschreiten jetzt die Preisgrenze”.

Dieses Schild sieht man, wenn man die Grenzbrücke von Frankfurt/ Oder in Richtung Slubice überquert. Zumindest was den Wohnungsmarkt angeht, bedeutet dies aber nicht, dass Polen um deutsche Mieter wirbt. Es ist genau andersherum.

“Potenzial dafür sieht (Frankfurts Oberbürgermeister) Wilke durchaus. Inzwischen würden für sanierte Altbauwohnungen in Slubice teils höhere Mieten als für vergleichbare Immobilien in Frankfurt erhoben, sagt er zur Begründung. Und verweist darauf, dass längst schon zahlreiche Menschen aus dem Nachbarland diesseits der Oder wohnen: Neuesten Statistiken zufolge seien in Frankfurt inzwischen 1500 polnische Staatsbürger gemeldet.”

Bleiben wir grenzüberschreitend (zumindest war das ja mal das Ziel): die Bologna-Reformen. Sie erinnern sich, letzte Woche, da war doch was? Eine Konferenz. Passend dazu gab es zwei Studien. Huch! Zwei? Frau Schavan sprach doch nur von einer? Naja, die zweite, beim HIS in Auftrag gegeben, ist auch nicht so ganz passend:

“Das Kalkül ging auf, fast einhellig posaunten die Mainstreammedien am Mittwoch den Tenor der am Vortag vorgestellten Untersuchung in die Welt: »Der Bachelor kommt auf dem Arbeitsmarkt gut an.« Der Befund ist nicht nur zweifelhaft, weil er den Ergebnissen früherer Expertisen widerspricht. Er lenkt auch davon ab, daß der Bachelor nicht überall so gut ankommt – am wenigsten bei den Studierenden selbst. Genau diesen Schluß muß man aus einer zweiten am Dienstag vorgelegten Erhebung ziehen, die, wie die erste auch, vom BMBF in Auftrag gegeben wurde. Sie stammt von der Hochschul Informations System GmbH (HIS) und fragt nach den »Studien- & Berufsperspektiven Bachelorstudierender«.”

Mit dem Fall Kachelmann habe ich mich nie sonderlich auseinandergesetzt, warum, kann ich nicht genau sagen. Vermutlich aber, weil es mich nicht interessiert hat, wie man am geschicktesten über einen Menschen herfällt. In diesem Artikel jedoch gefiel mir die Herangehensweise an den Umgang mit diesem Fall im Vergleich zu dem, was wir im Netz über uns preisgeben, bedenkenswert; und zwar weit über den im Folgenden zitierten Absatz hinaus.

“Die Verlage wiederum gingen so schlampig bei der Anonymisierung der Zeuginnen vor, dass man sie auch ohne Hilfe der Kachelmann-Fans ergoogeln kann. Und da steht dann ihr ganzes Leben vor einem. In alten Zeitungsberichten über ihre Aktivitäten, über Baumbesetzungen und Luftgitarrenturniere. Wir wissen, wer sie sind und was sie im Bett machen. Einfach so.”

Zum Schluss gibt ein Fundstück, das eigentlich kein Fundstück, sondern ab und an eine Lese-Empfehlung von einem geschätzten Menschen ist – die ich jedes Mal wieder gerne annehme, weil mir der Text eine Gelassenheit vermittelt, die ich sonst oft vermisse.

Gebet des älter werdenden Menschen

(Anmerkung: auch für Atheisten und junge Menschen geeignet)

O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

 Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

 Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),
hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

 Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen,
zur Pointe zu gelangen.

 Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
Und Beschwerden. Sie nehmen zu,
und die Lust, sie zu
beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

 Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freude anzuhören, aber lehre mich,
sie geduldig zu ertragen.

 Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

 Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete
Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr,
die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

 (Teresa von Avila (1515 – 1582))

Die letzten Fundstücke wie auch die letzten erstellt(e) der diszipliniertere, pünktlichere und sowieso entzückende merdeister.

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