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Posted on 24. Mai 2011 von

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Die meisten von uns haben in ihm einen lebenslangen und treuen Begleiter. Bei der Geburt oder in den Stunden danach findet das erste Treffen statt, zwischen Escherichea Coli und dem Menschen. Der Darm eines Neugeborenen ist steril, wird aber bald nach der Geburt von seinen neuen Bewohnern, E. Coli nur einer unter vielen, bezogen. Da ein Übermaß an Hygiene die Vielfalt möglicher Bewohner einschränkt, sollte spätestens zu Hause ein „gesundes“ Maß an Sauberkeit, sprich Dreckigkeit herrsche. Das Empfinden dafür ist sicher so unterschiedlich, wie unsere Darmflora.

Ob sich er Escherich 1885 wohl hat träumen lassen, dass „sein“ Keim einmal zu denen gehören wird, die am häufigsten Krankenhausinfektionen verursachen? Wahrscheinlich war er sich auch nicht klar darüber, einen „Indikatorkeim“ entdeckt zu haben, mit dem noch heute die Qualität unseres Trinkwassers überprüft wird. Immerhin verdanken wir Theodor Escherich die Erkenntnis, mit E.Coli um einen typischen Darmbewohner vor nus zu haben. Nicht nur beim Menschen, auch bei anderen Säugetieren lebt E. Coli im Darm und hilft ihnen bei der Verdauung.

Der gerade in allen Nachrichten herumtollende EHEC, EnteroHämorragische* Eschericha Coli, hat zwei unangenehme Eigenschaften. Zum einen heftet er sich an die Zellen der Darmwand, zum anderen stellt er ein Toxin her, welches giftig für Nerven- und Darmzellen ist. Es kann also bei einer Infektion zu *blutigen Durchfällen kommen. Wirklich gefährlich ist jedoch das HUS, Hämolytisch** urämisches*** Syndrom. Dabei kommt es zu Schäden der Niere (***blutiger Urin) und der **Zerstörung bestimmter Blutzellen (Rote Blutkörperchen, Blutplättchen). Die Blutplättchen sind wichtig für das Gerinnen des Blutes, so das es zu Blutungen kommen kann.

Antibiotika können den Keim zwar töten, machen damit jedoch die Erkrankung schlimmer. Die Probleme resultieren vor allem aus der Wirkung des Toxins und wenn man den Keim mit Antibiotika den Garaus macht, setzt er auf der Stelle alles an Toxin frei, was er so in sich hat. Das heißt dann, der Patient hat keine Infektion mehr, ist aber leider Verblutet. Deswegen setzt man auf unterstützende Maßnahmen. Die können jedoch ziemlich weit gehen. Das Toxin kann aus de Blut gewaschen werden und die Funktion der Nieren ersetzt werden, bis diese sich erholt haben.

EHEC kommen im Darm von Kühen vor. Einige Experten vermuten, dass die artfremde Ernährung der Kühe mi Getreide das Wachstum des Keimes begünstigt, weil Gras fressende Kühe den Keim nicht haben. Das Fleisch der Tiere wird im Rahmen der Schlachtung verunreinigt und die Keime haften am Fleisch. Wenn das Fleisch nicht richtig erhitzt wird (Kerntemperatur <70°C) kann der Keim überleben. Dabei reichen schon wenige Keime aus, um sich anzustecken (ca. 100). Dagegen ist der Erreger der Cholera ein Waisenknabe (100000 Keime lassen 90% der Menschen gesund). Im Film Food Inc. wird ein Fall geschildert, bei dem ein drei Jahre alter Junger nach dem Verzehr eines Burgers starb. Theoretisch kann man sich auch an ungewaschenem Gemüse, welches mit Fäkalien gedüngt wurde infizieren, bis jetzt (!) ist so ein Fall in Deutschland jedoch nicht bekannt.

Man geht davon aus, dass viele Menschen eine EHEC-Infektion durchmachen, ohne das der Erreger erkannt wird. Das ganze fällt dann unter „normale“ Durchfallerkrankung. Wenn auch jeder Einzelfall dramatisch ist und gerade die Häufung in den letzten Tagen, im letzten Jahr gab es nicht so viele Fälle von HUS wie in diesem Jahr bisher, beunruhigen mag, ist das individuelle Risiko im Moment noch sehr gering. Mit ein paar einfachen Maßnahmen kann man es weiter senken.

  • Fleisch, so man nicht darauf verzichtet, sollte man gut erhitzen und Küchenwerkzeuge, die damit in Berührung kamen, sofort abwaschen, bzw, für nichts anderes verwenden.
  • Obst und Gemüse sollte man gründlich waschen, genauso wie die Hände nach dem Toilettengang und vor dem Essen.
  • Und wenn man Durchfall hat, sollte man gleich zum Arzt. Aber vorher anrufen, die meisten Praxen haben nur eine begrenzte Anzahl sanitärer Anlagen.

Infos:

Das Robert Koch Institut hat auf der Startseite einige Informationen zusammengestellt, hier geht es zur Schwerpunktseite.

Giftige Keime – warum EHEC-Bakterien so gefährlich sind

EHEC: Erste Todesfälle – Ursache weiter unklar

EHEC: Therapie mit Apherese, nicht antibiotisch

Mehr EHEC-Infektionen durch artwidrige Nutztierfütterung?

Update 25.5.11 23:02 Uhr

DIe ÄrzteZeitung hat eine Patienteninformation veröffentlicht (dabei soll man damit doch erst gar kein Patient werden).

Aktuelle Infos in diesem Artikel.

Zusammengefasst liegt das Zentrum in Norddeutschland. (Anm.: Es ist auch durchaus möglich, dass die aus anderen Bundesländern gemeldeten Fälle der erhöhten Aufmerksamkeit geschuldet sind.)
Es scheint (!) einen Zusammenhang mit dem Verzehr von rohen Tomaten und Gurken zu geben, das legen Patienteninterviews (das hieß mal „Anamnese“) nahe. Landwirte haben sich beeilt, den Verdacht auszuräumen, Gülle auf die falschen Felder ausgebracht zu haben.
Ein Mikrobiologe stellt die Theorie in den Raum die Verbreitung geschähe absichtlich. Motive nennt er nicht.
Die Fälle von HUS, also dem gefährlichen Verlauf, nehmen v.a. in Norddeutschland zu.

Update 26.5.11 22:00 Uhr

Auch Heute Abend gibt es ein Update und ich bleibe der ÄrzteZeitung treu. Wer selber lesen will, findet den Artikel hier.
Für alle anderen, werde ich mich an einer kurzen Zusammenfassung versuchen.
Die Infektionsquelle kommt, so wie es im Moment aussieht, aus Spanien. Das bedeutet, irgendwo dort hat ein Landwirt seine Gurken mit Fäkalien bespritzt anstatt den Boden zu düngen, bevor die Gurken drauf waren.
Und viel mehr neues von Relevanz gibt es auch nicht. Morgen rücken die Kontrolleure der Gesundheitsämter aus und schauen sich Gurken an.
Der Keim hat einen Namen bekomen HUSEC O104:H4. Dabei zeigt das HUS an, dass es sich im einen E.Coli (EC) handelt, der eher ein HUS verursacht als andere. O104 ist ein Oberflächenantigen, also etwas, woran man ihn von anderen Keimen unterscheiden kann. Ein Rezeptor, Ionenkanal oder was Bakterien sonst noch so brauchen. H4 ist ein Protein an der Flagelle des Bakteriums, mit der es sich Fortbewegen kann.

Ach ja, obwohl einige Medien versuchen die ganze Geschichte größer zu machen als sie ist, sind die Verkaufszahlen für Obst und Gemüse nicht eingebrochen.

Guten Appetit!

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