Fundstücke 21: Offene Wunde

Wissen Sie, wo Kerkwitz liegt?

Kerkwitz (niedersorbisch Kerkojce) ist ein Dorf in der Gemeinde Schenkendöbern im Landkreis Spree-Neiße, Brandenburg. Das Dorf zählt 502 Einwohner (…).“

Kerkwitz hat eine recht neue Kirche und einen nicht empfehlenswerten Dorfkrug. Noch zählt Kerkwitz zu den Fundstücken, die man besuchen kann, aber wahrscheinlich nicht mehr lange.

Kohlestrom ist für Platzeck Vernunftfrage.

„Platzeck sagte, nach dem Ausstieg aus der Atomenergie in etwa zehn Jahren könne nicht der Gesamtbedarf mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Es gebe erhebliche Widerstände gegen Windräder, Solarparks oder Biomasseanlagen.“

So berichteten die Potsdamer Neuen Nachrichten vorgestern. Und weiter:

“ Vernünftig wäre eine gute Mischung mit der Braunkohle als Brückentechnologie. Ihm sei klar, dass der Kohlendioxid-Ausstoß gegen die Braunkohle spräche. Deshalb solle die Debatte auch über Lösungen für das CO2-Problem wie Speicherung, stoffliche Verwertung und Minderung durch technischen Fortschritt erneut geführt werden.“

Aha. Es gibt also erhebliche Widerstände gegen Windräder und dergleichen. Was ich letzten Samstag erlebt habe, war ein erheblicher Widerstand gegen Braunkohleabbau, das Verschwinden von Dörfern, das Zerstören der Landschaft. Was ich gefunden habe, war ein verzweifeltes Dorf und eine riesige, klaffende, schmutzige Fläche, auf der einmal mehrere Dörfer und eine blühende Landschaft stand. Und was ich, auch in Frankfurt, erlebe, ist Widerstand nicht gegen erneuerbare Energien, sondern gegen CO2-Endlager.

Was ich noch gefunden habe, ist ein seelenlos wirkendes Dorf: Neu Horno. Alles ist neu, wirkt geradezu steril. Umgepflanzte Menschen. Hypothekenbelastete Häuser, weil der Zwangsverkauf der alten nicht so viel eingebracht hat.

http://www.myvideo.de/movie/5736311

Tagebau Lausitz – Braunkohle – Vattenfall

Und nun die Preisfrage, Herr Platzeck: wessen Widerstände sind legitimer? Die derer, die keine Windräder anschauen mögen, oder die der 3200 Menschen, die die Natur und die Dörfer, in denen sie seit Generationen wohnen, bewahren möchten?

Schweren Herzens wende ich mich anderen Fundstücken zu. Über Frankfurt (Oder) fährt auch der Berlin-Warszawa-Express. Dieser ist nun aufgefallen, weil er eine interessante Warte-Politik betreibt – oder besser gesagt, die dahinter stehende Eisenbahngesellschaft PKP:

„Wie die Gazeta Wyborcza berichtet hatte am späten Freitagnachmittag eine 18köpfige Delegation der Deutsch-polnischen Handelskammer den Zug in Frankfurt (Oder) verpasst.“

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn der Zug deshalb nicht 40 Minuten gewartet hätte. Ich will ja keine unverschämten Ansprüche stellen, aber ich hätte gern mal, dass zumindest Regionalzüge auf mich warten🙂

Wechseln wir die Grenzen: Deutschland-Österreich. Immer mehr deutsche Studenten wandern ab ins Nachbarland; und sogar aus meinem recht bewegungsunfreudigen Abiturjahrgang hat es eine Person nach Salzburg zum Psychologiestudium verschlagen. Überraschend positiv ist dieser Bericht von DRadio Wissen. Man hat da ja schon ganz anderes gehört; gar von Deutschenfeindlichkeit war neben Ausgleichzahlungen schon die Rede, denn 75% der Psychologiestudiumsbewerber in Salzburg kommen mittlerweile aus Deutschland.

Bleiben wir an der Universität. Momentan absolviere ich ein Seminar zur EU, und nein, ich beschwere mich nicht, dass ich zu 90 Prozent englische Texte lesen muss. Ich habe damit weiter kein Problem, sofern dieser Text denn von Muttersprachlern geschrieben oder zumindest übersetzt wurde. De facto lese ich fast jede Woche die Erzeugnisse deutscher Forscher, teilweise mit groben Grammatikfehlern, umständlichen Formulierungen, etc.pp. – und frage mich: muss das sein?

Rene Weiland sagt dazu im Deutschlandradio Kultur:

„Unser Selbstverständnis als denkende Wesen ist nicht zu trennen von unserem Sprachvermögen. Diese Selbstverständlichkeit droht uns abhanden zu kommen in einer Weltmonokultur, die auf einem technoiden pidgin-english basiert. Immer wieder neu müssen wir uns als sich selbst ausdrückende Wesen wiedergewinnen. Dies geschieht jedoch nicht über sprachhygienische Regulierungen, als schlicht mit jedem subjektiven Denkakt.“

Interessant ist hier auch der Vortrag von Patricia Ryan (auf Englisch, „German“ Untertitel vorhanden), die über Sprachsterben und den Einfluss auf unser Denken und vor allem die Wissenschaft spricht – was es bedeutet, eine Sprachbarriere in Universitäten einzubauen.

Zum Abschluss noch ein Ausschnitt aus dem berühmten Interview Gaus – Arendt:

Arendt: Das Europa der Vorhitlerzeit? Ich habe keine Sehnsucht, das kann ich nicht sagen. Was ist geblieben? Geblieben ist die Sprache.

Gaus: Und das bedeutet viel für Sie?

Arendt: Sehr viel. Ich habe immer bewußt abgelehnt, die Muttersprache zu verlieren. Ich habe immer eine gewisse Distanz behalten sowohl zum Französischen, das ich damals sehr gut sprach, als auch zum Englischen, das ich ja heute schreibe.

Gaus: Das wollte ich Sie fragen: Sie schreiben heute in Englisch?

Arendt: Ich schreibe in Englisch, aber ich habe die Distanz nie verloren. Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Muttersprache und einer andern Sprache. Bei mir kann ich das furchtbar einfach sagen: Im Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. Die bewegen sich da immer irgendwie im Hinterkopf – in the back of my mind –; das ist natürlich nie wieder zu erreichen. Im Deutschen erlaube ich mir Dinge, die ich mir im Englischen nicht erlauben würde. Das heißt, manchmal erlaube ich sie mir jetzt auch schon im Englischen, weil ich halt frech geworden bin, aber im allgemeinen habe ich diese Distanz behalten. Die deutsche Sprache jedenfalls ist das Wesentliche, was geblieben ist, und was ich auch bewußt immer gehalten habe.

Gaus: Auch in der bittersten Zeit?

Arendt: Immer. Ich habe mir gedacht, was soll man denn machen? Es ist ja nicht die deutsche Sprache gewesen, die verrückt geworden ist. Und zweitens: Es gibt keinen Ersatz für die Muttersprache. Man kann die Muttersprache vergessen. Das ist wahr. Ich habe es gesehen. Diese Leute sprechen die fremde Sprache besser als ich. Ich spreche immer noch mit einem sehr starken Akzent, und ich spreche oft nicht idiomatisch. Das können die alle. Aber es wird eine Sprache, in der ein Klischee das andere jagt, weil nämlich die Produktivität, die man in der eigenen Sprache hat, abgeschnitten wurde, als man diese Sprache vergaß.

Die nächsten Fundstücke kommen wie die letzten vom furchtlosen merdeister.

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