Fundstücke 25: Wundersam(en)

Posted on 25. Juni 2011 von

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Statt Polen-News kommen heute einmal welche aus Kanada. Die Ontario Catholic School verbot erst eine schulische Gruppierung für die Rechte von Homosexuellen, danach untersagten sie der inoffiziellen Nachfolgegruppe, auf einer Veranstaltung Regenbögen zu zeigen und bestimmte Informationsmaterialen auszulegen. Man könnte jetzt einwenden, dass man nicht unbedingt auf eine katholische Schule gehen muss. Dennoch finde ich den ganzen Vorgang ziemlich ungeheuerlich.

 

Kommen wir heute einmal etwas ausführlicher zum Thema “Schüler” und “Studenten”. Neulich, auf dem 50. Geburtstag eines Elternteils: unvermeidliches Zusammentreffen mit den Nachbarn. Ich, leicht gequält, beginne mich mit der Mutter eines ehemaligen Stufenkameraden zu unterhalten. Irgendwann kommt man darauf, dass die meisten meines Jahrgangs lediglich 15 km von ihrem Heimatdorf entfernt studieren. Unvermittelt schießt mir anklagend entgegen: “Woanders studieren kostet ja auch.”

Das ist das Hauptargument sogenannter helicopter parents und deren boomerang kids, und das Feuilleton entdeckt sie nun auch schrittweise. Erst die Zeit, nun die FAZ, beschäftigen sich mit Eltern und Kindern, die nicht loslassen wollen/können.

Natürlich stimmt das Kostenargument. Andererseits gab es, als ich vor knapp einem Jahr zu studieren anfing, in NRW noch Studiengebühren, die man woanders vermeiden konnte, und das Auto des Herrn Sohn (bundeslandgrenzen überschreitendes Semesterticket gibt’s nicht) bezahlt sich auch nicht von allein. Dennoch, ich bin es, die unter Rechtfertigungsdruck steht. Es ist keinesfalls mehr selbstverständlich, zum Studium auszuziehen. Ausdruck desssen ist die Geschichte von Katja in der Zeit, die einerseits möglichst weit weg will und es andererseits nicht richtig schafft, sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich vom Leben will – sondern auf ihre Mutter hört.

Leider (?) spielen die Universitäten mit und richten Elterntage ein. Eltern suchen die Wohnung aus, Eltern wissen mehr über die Studienfächer als ihre Kinder.

Als das Studentenwerk im vergangenen Oktober in Lüneburg ein Erstsemester-Wohnheim mit Hausmeister im Block eröffnete und dazu auch die Eltern einlud, mussten am Nachmittag Nachwuchs und Erzeuger getrennt werden, weil die Eltern die Zimmerverteilung in die Hand nehmen wollten.”,

schreibt die FAZ. Was hier entsteht finde ich gefährlich. Einerseits lassen die Eltern ihre Kinder nicht los, andererseits werden diese mittlerweile durch G8 u.ä. Mit 16, 17 an die Hochschulen gejagt und können noch nicht einmal ihren Bibliotheksausweise selbst unterschreiben. Nach dem Studium haben manche einfachste “Probleme” nicht lösen müssen: wie gehe ich mit grantigen Vermietern um, wie schaffe ich es, dass in der Hausarbeits- oder Klausurenphase doch noch Essen im Kühlschrank und saubere Wäsche vorhanden ist?

Aber vielleicht sehe ich das alles auch zu streng. Vielleicht, so deutet die Nachbarin an, fehlt mir bloß das natürlich gute Verhältnis zu den Eltern.

 

Wo wir schon bei Universitäten waren: Stellen Sie sich vor, eine Regierung nimmt die Summe in die Hand, die jährlich für die Universitäten im ganzen Land aufgewendet werden und steckt diese Mal eben so in eine marode Bank. Ach, das wissen Sie? Das wissen alle? Auch das Parlament, das nicht gefragt wurde? Und warum passiert dann nichts?

Der Journalist Harald Schumann hielt auf dem – schon etwas zurückliegenden – grünen Demokratiekongress einen ausführlichen Vortrag zu eben jenem Thema:

“Denn unsere politischen Institutionen und da vor allem die Parlamente sind inzwischen so verkommen, dass ihre Ohnmacht praktisch schon eingebaut ist. Nichts macht das deutlicher, als die seit drei Jahren laufende so genannte Bankenrettung, die neuerdings auch Rettung der Griechen oder der Iren heißt.”

 

Um Geld und Betrug ging es die letzten Wochen auch bei Berliner Abtiurienten; eine Eventfirma hatte sie um ihr Geld gebracht und weder eine Feier ausgerichtet, noch die anschließende Urlaubsreise organisiert. In der Folge schwappten die Kommentare z.B. in der Süddeutschen wie auch in der Taz über vor Häme und Schelte für die verwöhnten Abiturientenkinder, die sich nicht mit einer Grillparty zum Abschluss zufrieden geben wollen, sondern unbedingt einen schnike Ball haben wollen. Hier mein persönlicher Kommentar als ehemalige Abturientin, die an der Organisation beteiligt war.

 

  1. Wir haben keine Firma engagiert, sondern alles selbst gemacht. Dennoch haben wir eine Unsumme aufgewandt.
  2. Mit 200 Leuten plus Familie ist eine Grillparty statt Ball unklug. Im Übrigen gab es aber Zusatzfeten, bei denen Geld eingenommen wurde, um den Rest u.a. dadurch quer zu finanzieren.
  3. Der Rest: Abizeitung, Mieten einer geeigneten Halle für den Ball, dort Essen, Technik, all das und viel mehr kostet. Nein, in die Schulturnhalle passte man nicht, in die Stadthalle auch nicht.

 

Ich könnte das so fortsetzen. Ich weiß nicht, wie viele Abiturienten an den betreffenden Berliner Schulen ihr Abitur gemacht haben, aber wenn es noch mehr waren als an unserer ländlichen Schule, dann verstehe ich, dass man die Organisation abgibt – vor allem, wenn sich niemand aus dem Jahrgang bereiterklärt, das letzte halbe Jahr und vor den Prüfungen statt zu lernen die Organisation zu schmeißen. Natürlich gibt es bedürftigere Leute als Abiturienten und auf dem Alex Spenden zu sammeln ist nicht gerade die kreativste Lösung. Aber ich denke, es war auch nicht die einzige.

Wenn man Abitur hat, möchte man das mit ein paar Ritualen abschließen; der Ball mit Foto gehört dazu, nicht zuletzt, weil hier endlich auch die Familie mal ungezwungen Zugang zu der Institution und vor allem den Menschen hat, mit denen sich ihr Kind viele Jahre herumgeschlagen hat.

Man kann Kritik an Details üben, aber das, was die Feuilletons da mal wieder in den letzten Wochen betrieben haben, ist abartig.

 

Wer etwas sein will, betreibt mittlerweile social media, oder tut zumindest so, indem er entsprechende Profile anlegt. In Frankreich hat man Nachrichtenmoderatoren nun verboten, die Wörter “twitter” und “facebook” zu benutzen, wenn die beiden Firmen nicht Nachrichtenwert mit sich bringen.

Es gibt Leute, die regen sich darüber auf oder finden es albern – ich dagegen finde es jedenfalls nicht verkehrt. Warum sollte in Nachrichtenprogrammen Werbung für bestimmte Firmen gemacht werden, und das unentgeltlich?

Last not least: Viele Menschen leiden unter Unverträglichkeiten oder Schmerzen, die niemand heilen kann. Bei manchen jedoch fragt man sich, ob sie nicht eher einmal tief in sich gehen sollten, wenn sie an den Wundersamen eines Reiki-Heilers glauben und mit ihm schlafen, nachdem er sie in einer vorherigen Sitzung ungefragt befummelte.

 

Das Foto der Woche zeigt heute Ausnahmsweise einmal Innenansicht.

 

Die nächsten Fundstücke kommen wie die letzten vom frühaufstehenden merdeister.

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