Eine feste Burg und blühende Wüsten

Posted on 3. Juli 2011 von

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Was an den Beschlüssen vom 30. Juni zur Energiewende historisch sein soll, wird sich erst in vielen Jahren zeigen. Noch sind die Werkzeuge dazu die aus dem 20. Jahrhundert

Nun hat Deutschland also Historisches vollbracht. Mit seinem Beschluss vom 30. Juni hat der Bundestag die Nutzung von Kernenergie zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität zeitlich gestaffelt und ihre definitive Beendigung bis 2022 vorgesehen. Einmalig ist der Vorgang aber nicht wirklich.

Österreich 1978 – Das Volk sagt nein zu AKW, Zwentendorf geht nicht ans Netz; Italien 1987 – nach drei Fragestellungen in einem Referendum werden bis 1990 alle vier am Netz hängenden Reaktoren abgeschaltet. Am 12. und 13. Juni 2011 stimmen die Italiener gegen den von Ministerpräsident Silvio Berlusconi propagierten Wiedereinstieg in die nukleare Stromgewinnung. 57% der Bevölkerung beteiligten sich an dem Votum, 94,1% von ihnen sprachen sich gegen die ehrgeizigen Pläne aus, die bis 2020 den Bau von vier neuen Reaktoren vorsahen. Spanien 2006 – bei derzeit noch 8 laufenden Anlagen Beschluss, den Ausstieg aus der Kernenergienutzung bis 2024 zu vollziehen bei gleichzeitigem Verbot von Neuerrichtungen.

Also insgesamt recht egozentrisch, wenn Gerd Rosenkranz unter dem Titel „German Weitsicht“ bei der Freitag versichert: „Als erste große Industrienation hat sich Deutschland jetzt entschieden.“ Offensichtlich ist ihm entgangen, dass Italien und Spanien ebenfalls unter den Top Ten der Volkswirtschaften rangieren und das BNE pro Kopf in Österreich um rund 4.000 USD höher ist (Stand 2009) als hierzulande. Damit ist auch keineswegs dargetan, dass mit dem Beschluss vom 30. Juni nun ein „weicher Pfad“ der Energieversorgung beschritten wird, wie es Rosenkranz beschreibt. Und wie ein Pfeifen im finsteren Wald klingt es erst, wenn er schreibt, vor Umwälzungen  müsse man sich keine Sorgen machen, ganz in der Tonlage einer Antje Sirleschtov („Die veränderte Republik“) in ZEIT-online: „Fürchten muss sich trotzdem keiner“. Pragmatisch schreibt sich anders.

Der Kampf um Besitzstände

Darauf weist Johannes Lackmann, bis 2008 Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, in einem am 2. Juli in der SZ veröffentlichen Leserbrief hin: „Ein schneller Atomausstieg erfordert einen schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien. Das verlangt auch von den Verbänden praktische Vernunft.“ Lackmann nennt dabei ausdrücklich BUND, Nabu und die Naturschutzbehörden. Dass das „Gebirge an Problemen“ (Rosenkranz), das mit der Energiewende einhergeht, justament an den Stellen erwachsen soll, die in der Vergangenheit als Paladine der Nachhaltigkeit gegolten haben, ist freilich weder bizarr noch ein Widerspruch in sich. Es ist die zu Ende gedachte unaufgeklärte Kultur der Verhinderung und Verweigerung.

Wie skurril sie sich bisweilen geriert, zeigt sich besonders deutlich im musealen Anspruch der Wartburg, Windräder in mehr als 8 km Entfernung würden eine „visuelle Beeinträchtigung“ darstellen und zum Verlust des Status‘ als Weltkulturerbe führen. Trotz gerichtlich bestätigter Baugenehmigungen (Verfahrensdauer für Genehmigung und gerichtliche Prüfung rund 6 Jahre!) findet die gute Seele -mal als Landschafts-, mal als Denkmalschutz- keine Ruhe. Im Gegenteil, sie wird nun auch noch religiös verbrämt. Christ & Welt fragt in ihrer Ausgabe 24/2011: „Was würde Luther dazu sagen?“ Und stellt fest: „Nun ist der Weltkulturerbe-Titel in Gefahr und die Aussicht auf das protestantische Jubeljahr 2017 getrübt.“ Die Epistel (mittlerweise in Liquidation und nur noch Anhängsel bei der ZEIT) übersieht zwei Dinge. Luther, der Andersdenkende, bediente sich des neuen Teufelszeugs Buchdruck, um sich zu verbreiten und auf seine Weise aufzuklären. Würden die Burgherren ihm also heute begegnen, sie müssten sich mit ihrer Rückwärtsgewandtheit warm anziehen angesichts des Modernisierungsimpetus‘ und des fortschrittlichen Denkens des Eislebeners. Und zweitens hätte er ein Wort mitgeredet bei der Frage, wo der größte Arbeitgeber der Region, die Opel-Werke zu Eisenach und unmittelbar an die Burgberg heranreichend, künftig seinen Strom herbekommen will; weniger die Kontemplation als das labora war dem gelernten Augustiner und Begründer des Protestantismus das nähere Anliegen.

Von einer verschlossenen Auster zur Neuen Aufklärung

Wie tief die sachlichen Veränderungen gehen werden, um Autarkie per regenerative Energiegewinnungsformen zu erlangen, ist nachlesbar. Etwa in den diversen Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU). Sie befassen sich nicht nur mit Umbauten der Netzstruktur, den Zielkonflikten zwischen wirtschaftlichem Bedürfnis und naturschutzrechtlichen Anliegen oder mit der Frage der Gestaltung künftiger Genehmigungsverfahren. In der nachhaltigen Offenlegung seiner Erkenntnisse, die für alle einsehbar sind,  geht der SRU jenen Schritt, den die Atomwirtschaft über Jahrzehnte hinweg gescheut hat wie der Teufel das Weihwasser: Fakten auf den Tisch legen, auf dass sehenden Auges entschieden werden kann, welches die Wege sein mögen, die zu begehen sind oder gangbar gemacht werden müssen. Man muss es nur lesen wollen.

Nicht von ungefähr ist Deutschlands großen Vier RWE, Vattenfall, EnBW und Eon die diesjährige Verschlossene Auster der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche verliehen worden, eine Negativauszeichnung „für Auskunftsverweigerer in Politik und Wirtschaft“. Heribert Prantl von der SZ charakterisiert in der Verleihungsrede die Öffentlichkeitsarbeit der Konzerne mit den Worten: „Sie werden ausgezeichnet für gefährlich einseitige, marktmächtige Information, sie werden ausgezeichnet für die Verharmlosung von Gefahren, für exzessiven Lobbyismus.“ Er  weist nach, mit welcher Arroganz und menschenverachtender  Borniertheit Wirtschaft und ihre Lobby zu Werke gegangen sind („Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld“).

Darin ist retrospektiv einer der Hauptgründe zu sehen, warum sich in Deutschland gar nichts anderes breit machen konnte als eine Kultur der Verhinderung, Verweigerung, der Beharrung – wenn eine Bevölkerung derart vorgeführt und vor vollendete Tatsachen gestellt wird, bleibt nur der Weg des Opponierens; je dreister die Lügen, desto fundamentaler der Widerstand. Und diese Form der Auseinandersetzung ist in zwei Generationen Menschen in Deutschland derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass es sich nun auch gegen Projekte wendet, die der Befürwortung bedürften.

Opposition bis zur Nordküste Afrikas

Die ziemliche Einzigartigkeit der Beschlüsse zu Berlin ist demgemäß nicht der Ausstieg aus dem Atomstrom oder nach Ersatz für ihn zu suchen, sondern der Ehrgeiz, bis 2050 80% des in Deutschland benötigten Stroms per regenerative Stromquellen zu decken. Es ist der Versuch, Klima-, Umwelt- und Naturschutz im Verhältnis zu Stromgewinnung (vielleicht einmal: dessen Verwendung) nicht mehr als Gegensatz, sondern unauflösbare Synthese zu begreifen. Das setzt weit mehr als nur die sächlichen Umbauten voraus, die SRU, Umweltverbände und derzeitiger Sprachgebrauch postulieren – nämlich die Hinwendung zu einer Akzeptanz, dass strombedingte Bequemlichkeit unmittelbare und überall sichtbare Veränderungen im eigenen Vorgarten mit sich bringt. Es ist die Frage danach, ob etwa Dörfer und ihre Bewohner nicht mehr Kurhäuser als Renommeeobjekte ansehen werden, sondern ihren Energiepark. Oder ob sie ihr Gebiet als „windmühlenfreie Zone“ werden deklarieren wollen. Ansätze für letzteres sind republikweit bereits zu beobachten.

Die Auseinandersetzung mit zentralen Energiegewinnungsformen und ihren Strukturen geht nun in eine entscheidende Phase. Das gilt auch für das Verhältnis zur Atomlobby. Denn mag Deutschland sich auch als Großabnehmer auf Zeit von der Bühne verabschieden, in anderen Ländern geht die Produktion weiter. Es ist kein Geheimnis mehr, dass etwa Österreich seit jenen Tagen 1978 Atomstrom aus Nachbarländern bezieht. Erst jetzt, im Juni, wurde auf einem Regierungsgipfel in Wien festgelegt, dass der Import von Strom aus AKW unterbunden werden soll. Davon ist man in Italien noch weit entfernt. Das Land deckt seinen Spitzenbedarf schon seit Jahren aus dem französischen Netz, das bekanntlich zu 85% von Atomkraftwerken alimentiert wird. Für Deutschland wird die Hauptherausforderung sein, seine ehrgeizigen Pläne umzusetzen, ohne Alibikalkulationen zu Hilfe nehmen zu müssen, die die Provenienz etwaiger Importe verschleiern.

Denkmäler und große Würfe; denk mal!

Kritische Distanz ist daher auch angesagt, wenn anderweitig große Würfe angekündigt werden. Einer von ihnen, namens Desertec, plant, in den Wüsten Nordafrikas vermittels Wind und Sonne Strom zu erzeugen und diesen per Leitungen nach Europa zu schicken. In „Operation Wüstensonne“ beschreibt die SZ vom 2. Juli, wie gerade die politischen Turbulenzen in Tunesien genutzt werden, um Strukturen im Land zu organisieren. Für das Land selbst könnte es gerade mit Blick auf die gut ausgebildete aber überwiegend arbeitslose Jugend -den hauptsächlichen Trägern der politischen Neuorientierung- eine Sauerstoffgabe sein. Innovative Technik, die Arbeitsplätze schafft und das Bewusstsein bildet, an einem zukunftsweisenden Projekt beteiligt zu sein. Freilich erhält diese Vision dann einen Dämpfer, wenn sie verbrämt wird mit den Worten des ehemaligen deutschen Außenministers Fischer, der anlässlich der Libyenkrise in der SZ am 24 März von Nordafrika als strategischer Gegenküste schreibt, wo deutsche Interessen tangiert seien. Wenn das Ziel sein sollte, lediglich für stabile Verhältnisse in Marokko, Libyen, Ägypten oder Tunesien zu sorgen, um als Nebenprodukt Energiesicherheit für Europa zu gewinnen, so wäre das lediglich die Fortsetzung bisheriger Politik. Nur der Bezugspunkt -blühende Wüsten statt pickliger Erdölfelder- würde verändert, nicht aber die Substanz einer endlich verantwortlichen, weil selbstverantworteten und –verpflichteten Lebensweise.

Tagträumen scheint derzeit so mancher nachzuhängen: Energie aus Wüstensonne, gespeichert in Speicherkraftwerken in Skandinavien, dazwischen ein monumentales Deutschland mit seinen unberührten Burgen und Wäldern als Abnehmer. Im Grunde das Kanzlerwort von den blühenden Landschaften anlässlich einer andere großen Umwälzung hierzulande, an deren Folgen wir heute, eine Generation danach, immer noch laborieren. Und damit die Bedienung eines St-Florians-Prinzips, wonach Energiegewinnung immer noch Dreck bedeutet, aber dieser, bitteschön, woanders produziert und abgelagert sein soll.

Die Energiewende, die dieser Tage beschlossen ist, ist definitiv keine Frage mehr einer Sicherung, sondern die einer Herausforderung an weitere Generationen Menschen. Neu erarbeiten, so wie es Prantl sehr zutreffend in seiner Laudatio beschrieben hat, wie ein Sisyphos und diese Gewerkung akzeptierend, das sind die Aussichten. Kein Grund, im dunklen deutschen Wald ein Liedlein zu pfeifen. e2m