Fundstücke 27: Was Gurken mit Smolensk zu tun haben

Polen-News: Wer es nicht (bewusst) mitbekommen hat: Polen ist seit dem ersten Juli EU Ratspräsident. Das Land wird im nächsten halben Jahr die Richtlinienkompetenz dort haben. Das Gremium ist jedoch nicht supranational, sondern intergouvernemental. Das bedeutet: es werden Beschlüsse gefasst, an die sich keiner halten muss. Man hofft aber, dass selbige doch umgesetzt werden, weil die Regierungschefs in ihrem jeweiligen Land den Ton angeben.

Was ist so besonders an der polnischen Ratspräsidentschaft? – Unser östlicher Nachbar bringt Schwung in den Laden. Europa wird gerade kaputt geredet (egoistische Politiker, die das Wort “Globalisierung” noch nicht kapiert haben) und kaputt geschrieben (Zeitungen, die erzählen, Griechen, Portugiesen und Iren lägen auf der faulen Haut, während die Deutschen ununterbrochen für andere Staaten schuften). Polen wirkt dem entgegen. Polen hat verstanden, dass man (wirtschaftlich) miteinander verflochten ist, was nicht mehr rückgängig zu machen ist. Und dass man auch miteinander verflochten sein muss, um in der Welt eine Stimme zu haben – neben USA und China. Bravo. Ich hoffe auf intelligente Impulse.

Polen-News, Klappe die Zweite. Wer meint, dass Smolensk in den polnischen Medien dann doch endlich einmal anderen Nachrichten Platz gemacht hat: falsch gedacht. Der Flugzeugabsturz von vor über einem Jahr ist noch immer Dauerthema; die Pfade, die das ganze nimmt, werden immer irrsinniger: Denn jetzt vermutet man, dass sich Russland mit Gemüseimportsverbot an Polen rächen will. Warum?

Viele Polen sind der Überzeugung, dass die russischen Behörden nicht richtig versuchen das Flugzeugunglück aufzuklären. Russland ist natürlich empört über diese Vermutungen/Unterstellungen. Wegen EHEC verhängte Russland über die gesamte EU einen Gemüseimportstopp. Dieser ist inzwischen wieder aufgehoben – nur eben für Polen nicht.

Verstanden?

Lassen wir Polen hinter uns und fahren stattdessen weiter nach Moskau. Wer die Dokumentation “Rubljowka – Straße zur Glückseligkeit” kennt (oder auch schon einmal vor Ort war), der versteht auf Anhieb, wie sehr diese Meldung ein Kind der Zustände dort ist:

“Ein Aktivist für Gleichberechtigung im Straßenverkehr hielt ein Transparent empor, das die blauen Blinklichter der Bürokratenwagen als „Russlands Schande“ bezeichnete, von Vorbeifahrenden durch beifälliges Hupen begrüßt. Doch Polizisten schleppten ihn und einen Kameraden aufs Revier, unter dem Vorwand, ihre Dokumente prüfen zu müssen. Sie wollten sogar ihre Fingerabdrücke abnehmen, weil angeblich Zweifel an der Echtheit der Papiere bestanden, was die Männer jedoch verweigerten.”

Hier sind nämlich nicht alle gleich – das polizeiliche Blaulicht wird von den höheren Dienstgraden gerne missbraucht, um mit wahnwitzigen Geschwindigkeitsüberschreitungen im Dienstwagen nach Hause zu brausen und sich dabei entsprechend ihren Weg zu bahnen. Wie im oberen Artikelausschnitt zitiert: die Polizei kann/will dagegen nichts unternehmen.

 

 

“Die Enquete-Kommission des (brandenburgischen) Landtags wird sich in der kommenden Woche mit „Personellen und institutionellen Übergängen im Bereich der brandenburgischen Medienlandschaft“ beschäftigen.”

Manchmal denke ich, dass einige westdeutsche Lokalzeitungen Glück haben, dass sie keine Ostvergangenheit besitzen, so unkritisch, wie sie berichten. Man könnte ihnen sonst vorwerfen, sie hätten es in der DDR nicht anders gelernt und sowieso nach der Wende keine personelle Neuaufstellung vorgenommen.

“Für Ariane Mohl freilich war die Ausbildung von Redakteuren aus der DDR – auch wenn sie nicht für die Stasi schnüffelten – „noch nicht einmal im Ansatz kompatibel mit den hohen handwerklichen und ethisch-moralischen Anforderungen, die an einen Journalisten in einer demokratischen Gesellschaft gestellt werden“. Weil sie nicht gelernt hatten, kritische Nachfragen zu stellen und die Mächtigen zu kontrollieren – so ein Pauschalurteil –, 
hätten sich viele der alten Redakteure auch nach 1990 lediglich mit der Wiedergabe von Äußerungen begnügt.”

Ups. Ich empfehle Frau Mohl die Berichterstattung der Siegener Zeitung etwas genauer zu überprüfen. Vielleicht sitzen ja noch heute in deren Redaktionsreihen vormals von der SED finanzierte und ausgebildete Journalisten. Jedenfalls jubeln die während des Wahlkampfs darüber, dass Frau Merkel ein Siegerländer Brot entgegennimmt und der nahe gelegenen Eisdiele einen Rekordumsatz beschert (außerdem war kein Vanilleeis mehr vorrätig.) Ach nein, mir fällt gerade ein, Merkel ist falsche Partei. Naja. Weiter im Text.

Noch eine unkritische Lokalzeitung gibt es hier – zumindest findet das ein eifriger Blogger, der das Stimmungsbild in der Region deftig zu verändern scheint.

Ein Musikpsychologe aus den USA stellte neulich auf einer Tagung eine interessante Theorie vor (jaja, ich weiß, die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält). Demnach erinnern wir uns in späteren Lebensphasen an diejenige Musik nostalgisch, die wir am Ende unserer Jugend (die laut ihm vom 12. bis 22. Lebensjahr dauert) gehört haben.

“Huron vermutet eine Ursache in der Ausschüttung des Hormons Oxytocin, die vermehrt in diesen Jahren geschieht: beim Stillen, aber ebenso bei der Festigung sozialer Beziehungen und der Speicherung von Erinnerungen. Schon zehn Sekunden Umarmung mit einem geliebten Partner erhöhen demnach den Oxytocin-Spiegel erheblich.“

Erinnert mich jemand in 20, 30, 40 Jahren daran, wenn ich schluchzend über Vivaldis Cellokonzerten sitze?

Interessante Entwicklung in Sachen Atomkraft: Vattenfall will in Schweden ein geplantes Kraftwerk doch nicht bauen. Dies liegt aber wohl nicht an Protesten – viel mehr vermutet eine grüne Politikerin, dass sich der Bau in Konkurrenz zu den neuen Energien schlicht nicht lohnt.

Und auch in Frankreich, dessen Energieversorgung zu 80% durch Atomkraftwerke sichergestellt wird, bewegt sich langsam etwas: Der Energieminister will zwar nicht aussteigen, spielt aber ein paar Überprüfungsspielchen – aber die oppositionellen Sozialisten versuchen im Wahlkampf anscheinend mit der Anti-Atomstimmung im Land nächstes Jahr an die Macht zu kommen. Man darf gespannt sein.

Es ist ja bekannt, dass die beste Voraussetzung für’s Bahnfahren ein gleichmütiger Charakter sein soll. Zumindest, wenn man aktiv daran teilnimmt und nicht nur schmunzelnd über den neuesten Nachrichten sitzt, wie ich gerade: zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hat ein ICE einen niedersächsischen Bahnhof – äh – vergessen.

Zum Schluss noch ein Interview für Mainstreamer: Alan Rickman, der, wie die SZ zu Recht schreibt, in den Harry Potter-Filmen die interessanteste Rolle abbekommen hat, gab erstmalig eine Pressekonferenz. Was dabei herausgekommen ist? Sowas zum Beispiel.

“(…) Aber es ist genau so, wie Sie sagen: Der vorrangige Zweck eines Erste-Klasse-Sitzes im Flugzeug oder einer Limousine mit dunklen Scheiben ist, mich an diesem Punkt meiner Karriere von der Welt fernzuhalten. Distanz zu schaffen.

SZ: Was wiederum ja auch ganz nützlich sein kann.

Rickman: Vieles davon ist kalkuliert. Durch die Distanz wirst du ein Objekt in den Phantasien der anderen. Man muss sich das immer bewusst machen: Das bist jetzt nicht du, das sind die Figuren, die du gespielt hast. Solltest du doch mal in einen Bus oder einen Zug steigen – nicht so sehr ich, sondern berühmtere Menschen -, dein Leben wäre die Hölle.”

Bild der Woche: In Frankfurt war bis heute “bunter hering”.

PS. Meine Fundstücke sind mal wieder verspätet, habe aber diesmal eine musikalischeAusrede (falls wer polnisch kann oder das Datum in der Überschrift wahrgenommen hat: es gab noch zwei spätere Aufführungstermine :)).

PPS. Wenn es bei mir etwas weniger stressig zugeht, beantworte ich auch noch die Kommentare in den letzten Fundstücken.

Die nächsten Fundstücke wird merdeister irgendwo in den Weiten des Internets aufgabeln.

3 Gedanken zu “Fundstücke 27: Was Gurken mit Smolensk zu tun haben

    1. Aber vorher polnisch lernen nicht vergessen. Oder zumindest: nicht mit einer Zugverbindung nach Warschau fahren, bei der man zwischendurch in der Provinz umsteigen und noch Fahrkarte kaufen muss. Mit Englischkenntnissen am Schalter ist da nix, mit Anzeigetafeln und Gleisangaben auch nicht. Einen Vorteil hat es aber: nach einer Fahrt mit der polnischen Bahn flucht man nie wieder über die deutsche.

      Ich hätte da auch noch, ungelesen, eine Empfehlung: Die aktuelle Ausgabe der „Osteuropa“ heißt: Denkfabrik Polen – Europäisch aus Erfahrung. Liegt seit ein paar Tagen auf meinem Nachttisch, Artikel hören sich spannend an.

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