Das bombige Geschäft mit dem Terror

Was Deutschland hinter sich zu haben glaubt, steht Norwegen vielleicht noch bevor – Prävention oder was sie zu sein vorgibt

Nur wenige Stunden, nachdem eine Autobombe die Innenstadt von Oslo verwüstet hatte und nur allmählich in die Öffentlichkeit trat, dass auf einer nahe gelegenen Insel, Kinder und Jugendliche Opfer eines Mörders geworden waren, stand bereits fest: „Norwegen ist Zielscheibe für Islamisten“ titelte WELT online noch gestern Abend, dicht gefolgt vom Tagesspiegel. Der zitiert „Kai Hirschmann, stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen“ – er halte „drei Motive für theoretisch möglich, aber nur eines für wahrscheinlich: das islamistische.“

Ein anderer Experte in Sachen Terrorismus, Adriano Sofri, schreibt heute Morgen in La Repubblica online „Petrolio, natura e polizia disarmata s’infrange il sogno del paese felice“ (Erdöl, Natur und unbewaffnete Polizei, der Traum einen glücklichen Landes zerplatzt). Sofri war als Mitbegründer und Anführer von Lotta Continua (Fortwährender Kampf) ein Protagonist der bleiernen Jahre Italiens gewesen.

Zwischen 1968 und 1974 gab es in Italien 140 Attentate, davon alleine am 12. Dezember 1969 fünf in Mailand und Rom; eine der Bomben zündete nicht. Die Häufigkeit und Ungezieltheit der Gewalt war derart, dass seitdem über Terrorismus auch unter dem Gesichtspunkt der „strategia della tensione“ diskutiert wird – der italienische Staat selbst habe in der einen oder anderen Weise an den Massakern teilgenommen, um eine Rechtfertigung für sein Konzept von Law & Order zu erhalten. Sofri wurde als angeblicher Auftraggeber eines Mordes an einem Polizisten zu 22 Jahren Haft verurteilt.

Eine staatliche Strategie wird seit 9/11 auch für den Beginn des Feldzuges gegen den Islamismus verantwortlich gemacht. Neben einigen (wenigen) harten Fakten vor allem Spekulationen, die sich nicht in einem objektiven Ergebnis bündeln, sondern stets Raum für neue Schlussfolgerungen und Konstrukte lassen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die offiziellen Untersuchungen selbst nicht hinreichend schlüssig sind und ihnen das Odium der Manipulation anhaftet. Das ist für WTC7 nicht anders als für eine zeitgeschichtliche Periode Italiens. Was bleibt, ist ein Gefühl der Unsicherheit. Es wird befördert von Schlagzeilen wie die eingangs zitierten, die keine 12 Stunden später von Tatsachen widerlegt werden. Was soll man davon halten?

Adriano Sofri zitiert einen norwegischen Polizeibeamten vor dem Attentat mit den Worten: „Wir sind unbewaffnet, und ich hoffe, dass sie uns nie zwingen werden, uns zu bewaffnen.“ Und zeichnet das Sittenbild,  dass es „keine Befangenheit gegenüber Autoritäten gibt, ein Norweger würde sich lächerlich machen, würde er zu einem anderen sagen: ‘Passen Sie bloß auf, Sie wissen nicht, wer ich bin‘“. Das ist meilenweit entfernt von einem Italien, wo derartige Phrasen gerade ihre Wiedergeburt feiern. Oder einem Deutschland, da Gefahrenprävention eine Sicherheit in der Zukunft  vorgaukelt, die ohnehin nicht geleistet werden kann, sich aber trefflich eignet, ein eigenes Sicherheitskonzept mit vorgreifenden Tatbeständen im hier und jetzt zu verankern.

Denn nachdem der Islamismus als Urheber der Bluttat in Norwegen ausscheidet, wird die Piste eines anderen Extremismus verfolgt werden. Und dafür unweigerlich die üblichen Verdächtigen präsentiert werden: Das Internet, aus dem Baupläne herunter geladen wurden, die Lückenhaftigkeit des Polizeiapparates, der die Tat nicht verhindern konnte, das Konzept der weitgehenden Gewaltlosigkeit selbst, das derartigen Taten nicht gewachsen sei. In der Auswirkung geben sich die Extremismen nichts, sie befördern die staatlichen Hardliner und ihre publizistischen Helfer. Auch das ist eine Strategie.

Die Grundentscheidung, ob und inwieweit wir bereit sind, dafür Autoritarismus in Kauf zu nehmen, nimmt sie uns nicht ab. Er ist unabhängig von der Couleur und betrifft jeden. Zu hoffen bleibt, dass das auch in Norwegen so gesehen wird. „Der Respekt vor dem Gesetz des Staates bleibt solange aufrechterhalten, wie seine Bewohner die Moral des Staates teilen“, schreibt Sofri. Genau. e2m

[Eine ausführliche Würdigung der Nachrichtenlage in deutschen Medien finden Sie bei Jacob Jung unter „Im Zweifel war’s ein Islamist“ bei der Freitag online]

Ein Gedanke zu “Das bombige Geschäft mit dem Terror

  1. „sicher stellst du die gewaltfrage nicht, sicher,sicher… *gähn* , den satz aber hast du ebenso sicher nicht wirklich wahrgenommen : wie reagierst du auf die dir gestellte?“ :

    „…die Lückenhaftigkeit des Polizeiapparates, der die Tat nicht verhindern konnte, das Konzept der weitgehenden Gewaltlosigkeit selbst, das derartigen Taten nicht gewachsen sei. In der Auswirkung geben sich die Extremismen nichts, sie befördern die staatlichen Hardliner und ihre publizistischen Helfer. Auch das ist eine Strategie.

    …„Der Respekt vor dem Gesetz des Staates bleibt solange aufrechterhalten, wie seine Bewohner die Moral des Staates teilen“, schreibt Sofri. Genau. e2m…“

    was ist „die moral des staates“ (eines staates) ? !!! ? (diese frage hätte ich gern beantwortet!)

    „15.3.

    was willst du mit der wut, wenn du sie -scheints- ausschließlich als „zu kanalisieren“, wahrscheinlich in „vernünftige bahnen zu lenken“ ansiehst? dann bleibt nichts von der wut und alles aber beim alten!

    ich will kein „äktschn“ !
    aber ich habe das gerede,zerrede,drumherumgerede usw usf satt, ich habe es satt, daß die wut in diskussionen aufgebraucht wird, die KEINE ergebnisse, keinerlei befähigung zum handeln übrig lassen…
    globale netzwerke, schau dir an, wie der strom der wütenden (global vernetzten) g8-demonstranten versiegt, schau dir an, was mit gesammelten informationen, global vernetzt geschieht …
    NICHTS!

    der sieg, der erfolg ist immer „das gesammelthaben“, das „sich vernetzen“, sind all die „vorstufen“, denen auch keine weiteren folgen sollen…

    sicher stellst du die gewaltfrage nicht, sicher,sicher… *gähn* , den satz aber hast du ebenso sicher nicht wirklich wahrgenommen : wie reagierst du auf die dir gestellte?
    wie reagierst du auf all das, was du an infos zusammenträgst? reagierst du übers zusammentragen hinaus? ja?

    diskutieren wir solange bis alle mitnander in die luft fliegen, klar, isn lebensziel und ja, wenns vorbei ist, ists vorbei, naja, auch für meine tochter vorbei, geben wir ihr mal noch fünf jahre (wenn die welt so weiterläuft), dann isse immerhin noch „volljährig“ geworden, also so`n vollwertiger staatsbürger, sie diskutiert auch gern…

    vor ner weile hab ich mal angemerkt, daß der neue trend anscheinend „das engagiertsein“ ist, also kein interesse am sich-engagieren, sondern eins am „schondrinstecken“, also engagiertsein, hauptinteresse am engagiertsein-thema egal, hauptsache offensichtlich „sich in aktion befinden“ , zumindest diesen anschein zu erwecken. beileibe sinds nicht nur die jüngsten generationen, das greift um sich, wie das ehrenamt sich aus „alten“,“mittelalten“ und „jungen“ speist nunmal.

    „diskutieren“ ist der punkt, meinetwegen sogar „sichn kopp zerbrechen“, nur ohne jegliches interesse am thema, eben nur auf die denkleistung bezogen, auf diese art sportlicher betätigung. nebenher kanalisiert soetwas auch „frei flottierende wut“, wie schön …

    nein, ich will nicht diskutieren, ich spinne lieber einsam vor mich hin und übe an ort und stelle gewalt aus, wenn mir ebensolche entgegengebracht wird. mag sein, ich verlier darüber job um job, mag sein, wir ernähren uns demnächst von den angehäuften konserven, wenn die nahrungsmittelpreise weiter steigen bzw immermal explosionsartig auf grund von katastrophen, die um hilfe leisten zu können einen engere gürtel den schmalhanseln abverlangen, mir egal, ich bin keine gesprächspartnerin in ausrufernden interessegeleiteten gesprächen , sorry…“

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