Das Massaker in Norwegen: Die Tat eines Verrückten oder ideologisches Verbrechen?

von Arianna Ciccone(1)

Tore Ekenland war 21 Jahre alt. Er war Provinzialvorsitzender der sozialdemokratischen Jugendbewegung. „Es ist an uns -sagte Tore- als junge Erben einer Demokratie, die geleitet ist von den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Welt gegen jede ultranationalistische und rassistische Bewegung zu verbessern.“

Tore wurde zusammen mit anderen 75 Personen im Blutbad von Oslo massakriert. Und wir haben uns entschieden, sein Gesicht zu veröffentlichen und nicht das seines Mörders Anders Behring Breivik. Damit in unseren Herzen, in unseren Köpfen dieses Bild von Einsatz, Zuversicht, Solidarität, eines Ansporns für die Zukunft bleibe. Weil Tores Gesicht mehr als alles andere darstellt, was Breivik hasst und im Namen seines Hasses die Saat von Terror und Tod hat aufgehen lassen.

Wiederholen wir seinen Namen, immer und immer wieder. Tore, Tore, Tore. Damit in unserem Gedächtnis nicht nur Platz bleibe für das Monster, sondern auch für das Leben. Das schulden wir diesen jungen Menschen. Schauen wir es uns genau an, dieses Bild von Tore, blicken wir mit unseren Augen in die Augen dieses Jungen, der an eine bessere Welt glaubte, an Demokratie, an soziale Gerechtigkeit.

Dieser Tage fragen wir uns, wie das möglich geworden ist. Ist Breivik ein Wahnsinniger oder die seine eine politische Geste, die in der extremen Rechten geboren wurde, dort aufwuchs und sich in dieser Umgebung genährt hat? Die Quellen, aus denen sich Breivik ideologisch inspirieren ließ, sind mittlerweile bekannt: Die Abneigung gegen Zuwanderung, gegen den Islam, gegen Multikulturalismus.

Michele Serra schreibt heute auf La Repubblica: „Der Rotbrigatist, der in den Hinterkopf schießt, ist er ein Verrückter oder ein politischer Krimineller? Der faschistische Attentäter, der eine Bombe in einem Zug platziert, ist er ein Verrückter oder ein politischer Krimineller? Die Dschihadisten, die die zwei Türme zum Einsturz gebracht haben, waren sie Verrückte oder politische Kriminelle? Nie hat jemand in der Hinsicht Zweifel gehabt: es sind politische Verbrechen, mit politischem Beweggrund und zu einem politischen Zweck. Und deswegen ist es bei der Lektüre zahlreicher Kommentare zum Blutbad in Norwegen einfach nicht zu verstehen, warum im Zusammenhang mit dem Massenmord an beinahe hundert Jugendlichen von links durch einen widerlichen Fanatiker von rechts die Tat nicht eingeordnet wird in ihren vollen weil offensichtlichen Rahmen eines politischen Delikts, das heran gereift ist in der rassistischen Kultur weißer Suprematie, an den „christlichen Wurzeln“ die wie eine tödliche Waffe gezeigt werden, im rasenden Hass gegen ein Europa der Toleranz, der Integration, der Demokratie. Wenn wir das nicht begreifen und den abscheulichen Breivik wie einen „zufälligen“ Paranoiden behandeln, wie einen psychiatrischen Unfall nur mit unerhörten Folgen, dann verstehen wir die Tiefe und den Ernst des kulturellen, politischen, des menschlichen Bruchs zwischen der extremen Rechten und der offenen Gesellschaft  nicht, die ihrerseits mit viel Mühe eine Ordnung in der Verwaltung der vitalen Unordnung von Einwanderung und Globalisierung sucht. War Hitler ein Verrückter? Natürlich, er war auch verrückt. Aber der Wahnsinn, der an die Regierung kommt, der einen globalen Krieg auslöst und die Ausrottung organisiert, ist Politik in Reinkultur. Und ist mit Politik zu bekämpfen.

Genau, der Kampf mit Politik. Und die Politik darf es sich nicht erlauben, das Aufstiegsthema der extremen Rechten in Europa und Amerika nicht anzugehen oder es zu unterschätzen. Ausländische Zeitungen wie der Nouvel Observateur oder El Paìs zeichnen die Landkarten dieser Bewegungen nach. Sie zitieren auch Mario Borgherzio und die Lega Nord:

„Je pense qu’il y a un bon vent aujourd’hui pour ceux qui défendent une Europe identitaire“, nous confie Mario Borghezio, député italien de la Ligue du Nord. „C’est une réponse naturelle à la tendance mondialiste“, poursuit-il“. (2)

„En Austria, en Hungría, en los Países Bajos (con la figura estelar de Geert Wilders, el ídolo antiislámico de Breivik), en Italia, en Suiza o en el Reino Unido la derecha nacionalista y xenófoba tiene ahora unos resultados que convierten a muchos de estos partidos en fuerzas con gran capacidad de influir en las políticas, en ocasiones desde el propio Gobierno, como la Liga Norte en Italia“.(3)

Wir lesen in einem Artikel im Post: „Das Thema des Aufstiegs der extremen Rechten ist im vergangenen Jahrzehnt viel analysiert und diskutiert worden und wurde begleitet von den Wahlerfolgen und der Popularität des Front National von Le Pen in Frankreich, Geert Wilders in Holland, der British National Party in Großbritannien, von Haider in Österreich, von Neonaziformationen in Deutschland und der eigenen Lega Nord in Italien. Natürlich gibt es Abstufungen und unterschiedliche Standpunkte, aber die Nähe einiger Positionen dieser politischen Subjekte zu denen im Dokument des Anders Breivik bereitet Sorge.“

Und die gestrigen Worte von Borghezio bestätigen diese Sorge: „Europa hat sich noch vor dem Kampf ergeben“ sagt er und erklärt sein Einverständnis mit den Ansichten Breiviks. Dank Daniele Sensi wissen wir, dass 2009 die Lega Nord an der Reunion der extremen Rechten aus ganz Europa teilgenommen hat, die von dem französischen Bloc Identitaire organisiert worden war. An den zwei Tagen der antiislamischen und „anti-racaille“-Debatte vertrat Mario Borghezio die Lega. Bei der Gelegenheit, erinnert uns Sensi, hatte der Europaabgeordnete der Lega den Vorschlag gemacht, eine Art transnationale Ausbildungseinrichtung für die Führungskräfte der verschiedenen europäischen Bewegungen zu schaffen, die auf den identitären Radikalismus zurückgreift. In seinem Redebeitrag, der von einem Schweizer Fernsehsender aufgenommen wurde, spricht Borghezio aber nicht nur von einer einfachen Schule für Funktionäre, sondern von einer für richtige „Soldaten“, die „dem Feind physisch gewachsen“ seien. Am Ende des Artikels bieten wir ihnen die Sendung an, von Daniele Sensi übersetzt und mit italienischen Untertiteln versehen.

An dieser Stelle wenden wir uns an Umberto Bossi und machen uns die Frage zu Eigen, die der Direktor von L’Europeo dem Leader der Lega gestellt hat: Bossi hat immer behauptet, ein Antifaschist zu sein, hat stets gegen die Faschisten gedonnert. Was hat aber dann in seinen Reihen ein Europaparlamentarier wie Mario Borghezio zu suchen -der in frühen Jahren unter anderem Mitglied der neonazistischen Gruppe Ordine Nuovo, gegründet von Pino Rauti, war-, der am vergangenen 27. Mai geflügelte Worte des Lobes zugunsten eines Henkers wie Radko Mladic gefunden hatte? Wäre es nicht an der Zeit, sich von Persönlichkeiten wie Borghezio zu distanzieren und sie zu isolieren? Und eine Frage stellen wir an Roberto Maroni in seiner doppelten Funktion als einer der wichtigsten Leader der Lega Nord und als Innenminister. Erscheint es ihnen normal und akzeptabel, dass auf Radio Padania, dem offiziellen Sender der Lega (und insoweit wahrscheinlich Empfänger entsprechender öffentlicher Zuwendungen), der Moderator Sprüche klopfen sollte wie: „Wir haben keine Zeit mehr, die Sendung fortzuführen, weil mir der Regisseur sagt, er muss noch weg, um 6 Tonnen Düngemittel zu kaufen“? Bereitet es kein Unbehagen, wenn eure Zuhörer sich fragen, „wer mehr mit Blut befleckt ist: der Verrückte von Oslo oder die, die mörderische Illegale ins Land lassen“? Wäre es wenigstens Anlass, darüber zu sprechen? Denn, so schreibt es Ross Douthat in der New York Times, „die Extremisten erstarken dann, wenn ein politisches System so tut, als ob es sie nicht gäbe.“

 

(1)   Arianna Ciccone ist italienische Journalistin und Mitbegründerin des Internationalen Festivals des Journalismus in Perugia. Seit Mai 2010 ist sie Redakteurin der regierungskritischen Plattform valigia blu (der blaue Koffer), die sie initiiert  hat. Der Artikel ist dort am 26. Juli unter dem Titel „La strage in Norvegia: gesto folle o crimine ideologico“ erschienen. Mit freundlicher Gestattung von Arianna Ciccone aus dem Italienischen von ed2murrow

(2)   dt: „Ich denke, dass heute ein guter Wind für die weht, die ein identitäres Europa verteidigen“, vertraut uns der italienische Abgeordnete für die Lega Nord an. „Das ist eine natürliche Antwort auf die Globalisierungstendenz“, fährt er fort.

(3)   dt: „In Österreich, in Ungarn, in den Niederlanden (mit der Strahlfigur Geert Wilders, dem antiislamischen Idol für Breivik), in Italien, in der Schweiz oder im Vereinigten Königreich gibt es eine nationalistische und xenophobe Rechte, die Ergebnisse erzielt und vielen der entsprechenden Parteien die Macht verleiht, die Politik zu beeinflussen, im Einzelfall auch die der eigenen Regierung wie die Lega Nord in Italien.

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3 Gedanken zu “Das Massaker in Norwegen: Die Tat eines Verrückten oder ideologisches Verbrechen?

  1. Sozialdemokratie? NEIN, DANKE!
    Ich finde Sozialdemokratie (bzw. den Sozialstaat) richtig (sorry) zum Übergeben.

    Friedrich August von Hayek:
    „Wahr ist nur, daß eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“

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