Be(ob)achtet die Foren, Verrückte überall!

Wenn es Warndateien oder Internetalarmknöpfe geben soll, müssten sie zunächst wegen einiger institutionellen Seiten eingeführt werden

Die Menschen in Norwegen haben sich eine Zeit der Trauer gegeben. Wie es jeder Mensch tun sollte, wenn er von Unbegreiflichem betroffen wird. Wie es jede Gemeinschaft tun sollte, wenn sie von einem Ereignis getroffen wird, das über das Einzelschicksal hinaus angeht. Die Norweger reagieren menschlich weise, denn Trauerarbeit hilft, die Gefühle zu verarbeiten, die ein Begreifen verhindern.

In diese Stille hinein ragen umso lauter die Stimmen jener, die es schon immer gewusst haben oder die es nicht gewesen sein wollen. Sie müssen sich positionieren, denn was aufgegangen ist, ist eine Saat unterschiedlichster Provenienz. Der Verdacht, dass sie aus dem speziellen Sack des einen oder des anderen gekommen sein könnte, ist nicht nur schnell bei der Hand, sondern prima facie bewiesen. Ihm möglichst vorzubeugen sind also die Stimmen erhoben worden, die sich von dem Verbrechen in Oslo und Utøya distanzieren, eben weil sie Tat war und nicht die theoretisch hingeworfene Aufforderung dazu, die sich jetzt als nur rhetorisch verstanden wissen will.

Warnungen, Alarm und sonstige Sirenenklänge

Da erscheint es ziemlich paradox, dass sich hierzulande vor allem die am lautesten gerieren, die eigentlich gar nicht tangiert sind: Die Gewerkschaft der Polizei mit ihrer Forderung nach einer sog. „Warndatei“, der Bund Deutscher Kriminalbeamter nach einem sog. „Internetalarmknopf“ und der Dauerbrenner „Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung“. Ist das echte Sorge, die umgeht, das Gemeinwohl als Triebfeder, eine Fürsorge?

Foren gibt es seit je her, sie nennen sich unter anderem Parlamente. Das Europäische unterscheidet sich vom Forum Romanum  vorwiegend in der Überdachung und in der Mehrsprachigkeit, denkt man sich zunächst das www weg. Dort werden Entschließungsanträge eingebracht, wie etwa jener der EFD-Fraktion („Europa der Freiheit und der Demokratie“) vom vergangenen 10. Februar, in der die „tiefe Besorgnis angesichts der sich verschlechternden Lage in Ägypten zum Ausdruck“ gebracht und „auf das Schärfste die Gewalttaten und all diejenigen, die Gewalt anwenden oder zu Gewalt aufrufen“ verurteilt werden. Eine honorige Einstellung, die -und jetzt kommt das Netz erstmals ins Spiel- in den meisten Weltsprachen weltweit nachgelesen werden kann.

Wenn Mitunterzeichner nicht jener Abgeordnete Mario Borghezio wäre, der vor ein paar Tagen mit Blick auf den Massenmörder Anders Breivik in einem Radiointerview gesagt hat: „Viele seiner Ideen sind gut, einige ausgezeichnet. Dass sie in Gewalt gemündet sind, ist Schuld der Invasion der Einwanderer.“ Oder vor ein paar Monaten in Richtung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladić beim gleichen Sender Radio24 meinte: „Ich habe die Beweise nicht gesehen, aber Patrioten sind Patrioten und für mich ist Mladić ein Patriot. Was ihm vorgeworfen wird, sind politische Anklagen. Ein fairer Prozess wäre vonnöten, aber in das Haager Tribunal habe praktisch kein Vertrauen. Die Serben hätten den islamischen Vormarsch in Europa aufhalten können, aber man hat sie nicht tun lassen. Und ich spreche von allen Serben, einschließlich Mladić. Ich werde ihn ganz bestimmt besuchen, egal wo er sein wird.“ Jener Entschließungsantrag, der in Ziff. 8 „eine Stärkung der regionalen Stabilität im Mittelmeerraum für wesentlich (hält), um Migrationsbewegungen in Richtung Europa zu vermeiden“ erfährt vor diesem Hintergrund eine andere Lesart.

Der geheime Vorbehalt, welchem Zweck das „honorige Papier“ aus Brüssel eigentlich dient, wäre nicht erkennbar, gäbe es nicht die weiteren Foren Radio, TV, Zeitungen und eben die im Netz. Wo wollte man da einen „Alarmknopf“ installieren – etwa auf den Seiten von http://www.europarl.europa.eu/, wo derlei Ergebnisse reiner Ideologie in semantisch saubere, wohlgesetzte und dafür umso irreführendere Aussagen multilingual ausgebreitet sind? Oder auf den Seiten jener italienischen Blogger, die sich der Person Borghezio zugewendet und dessen Spuren aufgenommen haben bis hinein in die semiklandestinen Zusammenkünfte rechtsextremistischer Zirkel aus ganz Europa, weil sie, die Blogger, alleine mit ihren Zitaten den dortigen Parolen eine Verstetigung bieteen? Oder deswegen, weil sich vielleicht der Herr Abgeordnete gestalkt fühlen könnte, was in die Kategorie „auffälliges Verhalten“ fiele? Man könnte es auch einfach Enthüllungsjournalismus durch ebenso begnadete wie hartnäckige Amateure bezeichnen. Und es gibt mehr Menschen, die einige der Europäischen Idiome beherrschen, so dass der Alarmknopf auf einer Seite lediglich und zwangsläufig auf eine weitere im benachbarten Ausland führt, wo er nicht installiert ist.

Grenzenlos ist nicht schrankenlos

Ein sehr klarsichtiger Bernd Hennigsen schrieb in der SZ („Wenn absolute Freiheit blind macht“) zu den skandinavischen Ländern: „Vergebens sucht man in Nordeuropa einen breiten politischen Diskurs über den wachsenden Nationalismus, die Ausländerfeindlichkeit und den Rechtspopulismus, gepaart mit EU-Gegnerschaft. Diese Sprachlosigkeit entspringt der öffentlichen Hinnahme von politischen Unordnungskonzepten: Das Dogma der absoluten Meinungsfreiheit flößt den politischen und intellektuellen Eliten so viel Respekt ein, dass sie die Auseinandersetzung scheuen, ja gelegentlich einfach die Augen geschlossen halten gegenüber der politischen Realität.

Ein Befund, der sich zwanglos auf das Netz deutscher Zunge übertragen lässt. Die härtesten Verfechter der grenzenlosen Freiheit im www setzen sich nur selten mit den Niederungen wabernder Tümelei auseinander. Davon gäbe es genug. Alleine auf der in Deutschland weitverbreiteten Plattform wordpress tummeln sich unter anderem seltsame Dinge wie sosheimat oder ein honigmann (markante Themen bei Aufruf unter google: „Juden, neue Weltordnung, Lügerei“), die eine formidable Resonanz erzielen und praktisch keine Widerworte erfahren. Deren Blogrolls lesen sich wie das who’s who der veröffentlichten Niedertracht. Nur für einen kurzen Augenblick sind sie in das Zentrum allgemeiner Aufmerksamkeit gerückt, da ihre weit mehr als 1.500 „kruden Seiten“ ein bestialisches Ergebnis gezeitigt haben.

Der Reflex, angesichts dessen nun nach Obrigkeit zu rufen und sie mit besseren Mitteln auszustatten, ist letztlich nur ein Hilferuf, weil es tatsächlich versäumt wurde, sich mit derartigen Bekundungen zu befassen, ihnen Paroli zu bieten. Oft genug unter der fadenscheinigen Begründung, damit würde man sie nur hochschreiben. Aber ignorieren kuriert diese Rekrudeszenzen nicht. Hier darf sich die Blogosphäre selbst an die Nase fassen, wenn ihr Entscheidungen von der Autorität abgenommen werden, gegen die sie ursprünglich eine Gegenöffentlichkeit aufbauen wollte.

Norwegens Menschen werden noch lange brauchen, um die zugefügten Wunden brachialer Gewalt zu verwinden. Damit Trauer nicht in eben solche zerstörerische Wut umschlägt, hat Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg zu noch mehr Demokratie und Transparenz aufgerufen. Auch das lässt sich ohne Abstiche auf das Netz übertragen. Die Frage ist nur: Sind wir bereit dazu? e2m

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