Der Leitartikel, der uns besiegt hat

von Giorgio Fontana und Andrea Tarabbia(1)

Er trägt den Titel „Die Jugendlichen dort, unfähig zu reagieren“ und ist der Leitartikel, der uns besiegt hat. Er ist von Vittorio Feltri(2) geschrieben und gestern in „Il Giornale“(3) veröffentlicht worden; zum ersten Mal in unserem Leben befinden wir uns in der Lage, nicht zu wissen, wie wir reagieren sollen. Das Stück ist ziemlich bekannt, es ist im Netz herumgereicht worden. Vor allem eines habe ihn betroffen gemacht, sagt Feltri: Während Breivik, als Polizist verkleidet, dem Gewehr freien Lauf ließ und dabei an die neunzig Personen tötete, habe niemand der Anwesenden versucht, ihn aufzuhalten. Auf der Insel hätten sich circa 500 Personen befunden, schreibt Feltri, wie sei es da möglich, dass es niemandem eingefallen sei, den Killer zu überwältigen? Wie könne es sein, dass niemand den Gedanken gehabt habe, eine Angriffsgruppe zu bilden und einen Mann zu stellen, der obwohl bewaffnet doch alleine war? Vielleicht ist das Problem, so Feltri weiter, dass wir mittlerweile alle an „Egoismus und Egotismus“ erkrankt seien und es deswegen niemandem durch den Kopf gegangen sei, das eigene Leben für die Rettung anderer zu opfern.

Der Schrieb von Feltri ist, mit einem Wort, ungeheuerlich. Es lohnte sich nicht einmal, ihn zu kommentieren, wenn er nicht, wie wir glauben, von jener Art Wahn wäre, der es vielen Menschen erlaubt, auf gleiche abstoßende Weise zu denken. Wir erwarten uns keinen (guten) Journalismus von Feltri; aber bis vor ein paar Stunden, da wir im Netz diesen Angriff auf Verstand und Menschlichkeit gefunden haben, waren wir beide davon überzeugt, jeder seiner Entäußerungen, jedem Titel seiner Zeitung, jedem Mord an der Intelligenz die Stirn bieten zu können.

Die Jugendlichen dort, unfähig zu reagieren hat uns aber aufgehalten, uns besiegt; mit Worten kann man Dinge anstellen, die die Verstandesfähigkeit eines Menschen vernichten. Der Leitartikel von Feltri im „Giornale“ gestern hat, um es kurz zu sagen, in uns ein Erdbeben ausgelöst. Im Unterschied zu vielen anderen abstoßend schmierigen oder verlogenen Stücken, ist uns dieses ein derart reines Konzentrat an Zynismus, dass es sich jeder logischen Auseinandersetzung entzieht. Ein Auswurf mitten ins Gesicht jeder Form von Menschlichkeit, Verständnis, von Empathie.

Der erste Gedanke war gewesen: Wir müssen etwas tun. Etwas, um die Abscheulichkeit einzudämmen. Aber was? An Sallusti schreiben? Ein Stück schreiben, das Punkt für Punkt erklärt, warum der Diskurs von Feltri mit jenem vergleichbar ist, der den Opfern der Konzentrationslager vorhält, dass sie sich nicht gegen die Nazis verteidigt hätten? Was wollte man gegen einen solchen Artikel stellen?

Nein: Das, was uns zerstört hat, was uns verstehen hat lassen, wie weit Feltri tatsächlich gegangen ist, ist, wie wir beide reagiert haben; ein einziges Mal haben unser Ekel und unsere Scham keinen Weg zu einer Form des Arguments gefunden.

Zweihundert Kilometer von einander getrennt -wir wohnen der eine in Mailand, der andere in Bologna- haben wir uns geschrieben und den gleichen Zustand erzählt: Gute vierzig Minuten regungslos vor dem Bildschirm, unfähig auch nur einen Gedanken zu fassen, der über den der Abartigkeit hinausgegangen wäre. Indem er den Artikel veröffentlich hat, hat Feltri unsere kognitive Seite buchstäblich kurz geschlossen – unsere Fähigkeit zur rationalen Entgegnung, zur Kritik, nur noch unsere Empörung intakt lassend. Er hat uns, wenn auch nur für kurze Zeit, in eine Maschine des Hasses verwandelt.

Wir wollen uns nicht in Spekulationen verlieren und verschiedene Hypothesen untersuchen, die gerade aufgestellt werden: Hätte er das gleiche Stück geschrieben, wenn der Attentäter dem Islam angehört hätte? Wenn er nicht blond gewesen wäre? Wenn die Opfer nicht an einem Zeltlager der Arbeiterpartei teilgenommen hätten? All das hat schon jemand durchgehechelt, der vorgeschlagen hat, es handele sich dabei um eine Art Salto Mortale, um nicht einem einzelnen Mann mit christlichen und rechten Prinzipien die gesamte Schuld anzulasten.

Wir wollen nur sagen, dass der Grund zur Flucht dieser Menschen statt einer atavistischen Unfähigkeit, „sich mit andern zu identifizieren“ und sich für sie zu opfern (wobei es im Übrigen auch den Instinkt der Selbsterhaltung gibt), die Angst war, der Schmerz, die Überraschung, die Unvorbereitetheit. Dass es der schiere Horror vor etwas Monströsem gewesen ist. So etwas einfaches, so menschliches wäre anzunehmen. Wie es auch natürlich erscheinte, still zu bleiben, den vorwitzigen Kommentar zu vermeiden, sich darauf zu beschränken, die Tatsachen zu bezeugen.

Und dennoch erscheint es paradox, dass wir, um Feltri zu antworten, gezwungen sind, indirekt das Verhalten von Dutzenden von Menschen rechtfertigen müssten, die Opfer eines Massakers geworden sind. Vielleicht ist es auch das, was uns die Niederlage bereitet: Der Gedanke, dass Unschuld und Tod einer Rechtfertigung im Angesicht eines kleinen Herrn mit der Pfeife bedürften. Das ist er erschreckend, das ist unmenschlich, das ist unmoralisch(4).

(1)               Giorgio Fontana (Jahrgang 1981) ist Schriftsteller und Journalist,  http://www.giorgiofontana.com/

Andrea Tarabbia (33) ist u.a. Redakteur der vierteljährlich erscheinenden Literaturzeitschrift „Il primo amore“ (Erste Liebe), http://www.ilprimoamore.com/autori_19-1.html

Der Artikel, der den Originaltitel „L’editoriale che ci ha sconfitto” trägt, wurde am 26.07.2011 auf den Online-Seiten von „Il primo amore“ erstmals veröffentlicht und hat im italienischen Netz weite Verbreitung gefunden, u.a. auf „valigia blu“.

Mit freundlicher Gestattung der Autoren aus dem Italienischen von ed2murrow.

Die Fußnoten sind nicht Bestandteil des Artikels, sondern sind als Verständnishilfe mit der Übersetzung nachträglich eingefügt. Die Autoren sind hierfür nicht verantwortlich, und die Fußnoten nicht mit ihnen in Verbindung zu bringen.

(2)               Vittorio Feltri hat als Journalist, Redakteur, Herausgeber und Verleger für eine Reihe von Publikationen gearbeitet. Nach mehrfachen Erfahrungen mit „Il Giornale“ ist er heute für diese Tageszeitung als Leitartikler tätig und hält an ihrem Kapital eine Beteiligung von rund 10%. Feltri wurde zuletzt im Oktober 2010 von der italienischen Journalistenkammer als Folge der Affäre Boffo für drei Monate von jeglicher Veröffentlichungstätigkeit suspendiert

(3)               Il Giornale (die Zeitung) ist im Besitz der Familie von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Mit einer Verbreitung von 204.433 Exemplaren stand sie im September 2010 auf Platz 6 der meist gelesenen Zeitungen Italiens

(4)               Der Leitartikel von Feltri ist u.a. auch auf den institutionellen Seiten der italienischen Abgeordnetenkammer unter „Presseschau“ erschienen, http://rassegna.camera.it/chiosco_new/pagweb/immagineFrame.asp?comeFrom=rassegna&currentArticle=12GIET

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