Fundstücke 31: Make Love, Not Porn

Posted on 5. August 2011 von

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Beginnen wir mit….(Trommelwirbel)…

Smolensk (mal wieder): Die Gazeta Wyborcza hat eine interessante Ansicht zu der nicht verstummen wollenden Debatte um den Flugzeugabsturz, die vermutlich auch im Wahlkampf von den Konservativen wieder benutzt werden wird:

Für das heutige Russland sei die Medienshow der MAK-Pressekonferenz in Moskau mit viel Tamtam sehr typisch, denn das Verteidigen der „Ehre der Uniform“ und anderen Regierungsorganisationen um jeden Preis sei nun einmal so in einem Land, in dem es keine wirklich unabhängigen Institutionen gäbe, schreibt der Publizist Waclaw Radziwinowicz.”

 

(Un-)Gesund: Was bedeutet das am 3. August verabschiedete GKV-Versorgungsgesetz? Die Bundespsychotherapeutenkammer kommentiert dies so:

“„Ein Gesetzentwurf, der es ermöglicht, bis zu 6.000 psychotherapeutische Praxissitze abzubauen, ist mit Sicherheit der falsche Weg“, kritisiert Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK). (…) Seit Jahren steigt der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen. Für jährlich fünf Millionen schwer psychisch kranke Menschen stehen in Deutschland aber nur 1,5 Millionen ambulante und stationäre Therapieplätze zur Verfügung. Ein psychisch Kranker wartet deshalb durchschnittlich drei Monate auf ein erstes Gespräch mit einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Psychisch kranken Menschen wird eine aufwendige, zeitraubende und häufig vergebliche Suche nach einem Behandlungsplatz zugemutet. „Viele Patienten geben während der wochenlangen Suche entmutigt auf und verzichten ganz auf eine Behandlung“, erklärt BPtK-Präsident Richter. „Dadurch verschlimmern sich ihre Erkrankungen und chronifizieren.“ 

 

Kreativ: Die Berliner Zeitung lässt Renate Künast ihre eigene Zeitung zusammenbasteln und interviewt sie dabei.

Noch kreativer wäre es, wenn die Zeitungen erkennen würden, dass Basteln auch noch andere Leser (im Netz) präferieren und einzelne Artikel auch monetär honorieren würden – wenn sie denn könnten. (Ich nehme Freitag und taz mit ihren Flattr- und sonstigen Buttons da aus.)

 

Bitter: Der momentan meistkommentierte Artikel der Huffington Post berichtet von Studentinnen und ihren Sugar Daddies. Ich habe ca. eine halbe Stunde zum Lesen gebraucht, die ist es aber allemal Wert. Die Reportage beschäftigt sich mit Prostitution, die nicht so genannt werden will. Mit Studenten, die die horrenden Studiengebühren nicht aufbringen können, mit Alumni, die ihre Schulden nicht abbezahlen können. Die dann stattdessen einen “Paten” suchen, der sie von dieser Last befreit, natürlich gegen Sex. Und manche bleiben dann eben in dem Gewerbe hängen. Zwischen denen, die Kohle haben und denen, die sie brauchen, hängen dann selbstverständlich noch andere, die mit ihren Datingportalen mitverdienen.

Interessante Zahl am Rande: ein Drittel der Berliner Studenten denkt zumindest über die Möglichkeit nach, selbst Sexarbeit zu verrichten.

 

Unprofessionell: Nein, EU-Agenturen sind nicht das Gelbe vom Demokratie-Ei. Es gibt inzwischen zig verschiedene. Einige sind mehr, andere weniger legitimiert. Die wohl berühmt-berüchtigtste ist Frontex. Frontex ist dazu da, die EU-Außengrenzen zu “sichern”, d.h. möglichst niemanden herein zu lassen. Folge davon sind, wie nun auch öfter einmal in größeren Medien zu hören, viele tote Flüchtlinge.

All dies ist mehr als kritikabel. Es hätte längst und öfter Aufschreie geben müssen. Durch die Kritik der UNO sehen sich die NATO und die EU, und mit letzterer auch Frontex unter Druck, etwas an ihrer Arbeitsweise zu ändern.  Frontex sucht daher Rat bei etablierten NGOs, wie dem Roten Kreuz. Statt dies ein wenig sachlich zu betrachten oder zumindest zuzubilligen, dass es einen Lerneffekt beim Frontex-Personal geben könnte, ist der Kommentar bei Telepolis nur negativ:

Warum sucht die EU-Agentur unter diesen Gruppen? Hat sie nicht selber genügend Fachpersonal? Doch, bestimmt. Aber gerade weil selbst unter den etablierteren NGOs die Kritik am Frontex-geführten Krieg gegen die Migranten wächst, möchte man vermutlich diese wieder einbinden. Gegen ein gewisses Honorar dürfen sie ihren Unmut in gute Ratschläge umsetzen, und dafür schmückt sich Frontex in der Öffentlichkeit mit seinen menschenrechtlichen Fortbildungen. Außerdem, so wird das Kalkül sein, werden die honorierten Fortbildner künftig den Mund halten. Das steht sicher so nicht im Honorarvertrag, aber wer beißt schon gern in die Hand, die einen füttert…”

 

Natürlich ist nicht zu bestreiten, dass allzu oft die “bösen Kerls” versuchen ihre Jacke rein zu waschen, indem sie ihre Kritiker einstellen. Aber bei Frontex handelt es sich nicht um einen Ölriesen, sondern um eine von der Kommission (also mittelbar den EU-Bürgern) kontrollierte und finanzierte Agentur. Agenturen leben davon, dass sich Organisationen und Einzelpersonen einbringen. Dadurch soll ein möglichst breites Meinungsbild eingeholt werden (input).

Mit Sicherheit klappt das praktisch nicht ganz so toll, das hat bestimmte Ursachen in der Struktur des EU-Apparats, die könnte man mal untersuchen. Als Journalist oder so. Dann müsste man nicht solche Kommentare wie den oben schreiben, sondern könnte nahe am Geschehen kritisch hinterfragen, was tatsächlich passiert – und nicht nur, was ja passieren muss, weil die EU so sch*** ist.  Das könnte aber, wenn man mal ein bisschen nachdenkt, auch daran liegen, dass sich die meisten Medien nie um die Prozesse (throughput) in Brüssel, sondern nur um die dann als schrecklich dargestellten Ergebnisse (output) kümmern, die der arme, arme Bürger ja gar nicht beeinflussen konnte. Wenn aber erst überhaupt keine Diskussion in der medialen Öffentlichkeit stattfand, darf man sich vielleicht auch nicht darüber wundern.

 

Staat im Staat: Der NDR zeigt eine Doku zur Republik freies Wendland. Das dürfte vor allem für Spätgeborene wie mich interessant sein, aber gewiss nicht nur.


Porträtiert: Die Filmbesprechung Zug um Zug von Daniel Kothenschulze motiviert, das “Dokukunstwerk” zu sehen: Porträts deutscher Alkoholiker.

Da war der lesefreudige Alkoholiker, der sich mit der Sucht auf seine Art arrangiert hatte. Bereits um halb neun legte er sich gemütlich mit einem Buch und einer Flasche ins Bett, bis er feststellte, dass er kaum noch den Geschichten folgen konnte. Er löste das Problem, indem er nur noch Bücher wählte, die er schon kannte.

Vielleicht, so vermute, so hoffe ich, ist dies einer dieser Streifen, die einem selbst die Scheu vor Dingen und Menschen nehmen, die von der Gesellschaft stigmatisiert werden.

 

 

Befreiend sind die Bilder und das zugehörige Video der Woche (via mädchenmannschaft): Make love, not porn.

 

Die nächsten Fundstücke kommen, wie immer, von merde.

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