drübergeschielt – Das geht auf keine Kuhhaut

Zur Not wird in Bayern der Zugang zur Natur freigeschossen, ob sie will oder nicht – eine Story über Rindviecher

Bayern und Naturschutz, das ist ein wirklich ernstes Thema. Gemeinschaftsleben ist das, kulturelle Überlieferung, steht in der Verfassung geschrieben. Und: „Staat und Gemeinde sind verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten“. „Notfalls mit einer Knarre“ wird zwar nicht erwähnt, aber schon mal gern in die Tat umgesetzt. Jüngstes Beispiel: Die Yvonne.

Yvonne („die, die zu kämpfen weiß“) ist eine Kuh. Seit sie vor ein paar Monaten von einem Viehanhänger in Aschau am Inn gesprungen ist und sich in den oberbayerischen Wäldern aufhält, gibt es kaum ein Klischee, das ausgelassen wurde: Für den örtlichen Jägerverband „die Kuh, die ein Reh sein will“, weil sie sich tagsüber im Wald versteckt; für den Gnadenhof Aiderbichl ihre „Rettung ein Symbol und Appell für eine neue Wertschätzung auch unserer sogenannten Nutztiere“; für die Behörden eine “Problemkuh“, weil sie ausgerechnet vor einem Polizeiauto eine Straße überquert hatte. Und da solche Ordnungswidrigkeit mangels Adresse anders nicht geahndet werden kann, droht demnächst endgültige Vollstreckung. Nur unsere Yvonne vom Stamme des Fleckviehs hat sich bisher dazu nicht geäußert.

Spätestens seit Bruno („der Braune“) ist bekannt, dass alle Romantik und Beseeltheit nichts hilft, wenn es dem Menschen vom Stamme der Bajuwaren an die eigene oder die Freiheit seiner zahlenden Gäste geht. Denn als der Problem-Braunbär, der eigentlich Jay-Jay-One hieß, sich 2006 in der Gegend zwischen Oberbayern und Tirol den Spaß erlaubte und bei einer Jagd per Mountain-Bike einfach den Spieß umdrehte, war klar: Freies Betreten der Natur gilt immer für die in knackigen Höschen und geschmackvollen Hemden; auf eigene Gefahr aber nur für die Fauna, vor allem wenn sie Reißer und Klauen trägt. Brunos Fell steht seitdem stumm und ausgestopft im Münchner Museum für Mensch und Natur.

Nun wäre zu behaupten, dass in Bayern auch die Jagd einen besonderen Stellenwert genießt – wenn schon nicht explizit in der Verfassung dann doch als Brauchtum in kultureller Überlieferung. Was folglich auch für Behörden gelten würde. Oder wie wäre sonst die stete Verehrung für den Wilderer Georg („Girgl“) Jennerwein zu erklären. Wenn da nicht der Umstand wäre, dass die Legende um den Problem-Girgl mit seiner Auflehnung gegen damalige Jagdprivilegien und Obrigkeit zu tun hat und das heutige Wildern wiederum Privileg Weniger ist: Per Jet in Sibirien, Nordindien oder in irgendeinem afrikanischen Becken. Die Jagd dagegen, mittlerweile volksnahe in Pachten aufgeteilt, ist Hegeschau, bei der es erlegte Gehörne zu prämieren gilt und in der Sprache der Staatsregierung „angewandter Naturschutz“.

Wir lernen daraus: Das Entstehen von Geschichten, Geschichte und Verfassungen ist öfter eine Viecherei, als es Sommerlöcher oder Hoaxe gibt. In diesem Sinn, Mädel, schwing die Hufe und zeig denen, wo die Zitze hängt. e2m

[In einer der nächsten Folgen: Das revolutionäre Potential von Kuno, dem Killerkarpfen]

2 Gedanken zu “drübergeschielt – Das geht auf keine Kuhhaut

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