drübergeschielt – Terra Incognita

Nach dem Erreichen der Tiefe des Marianengrabens und des Mare Tranquillitatis auf dem Mond, was mag in Reichweite noch unerkundet sein? Genau, die Nordsee. Genauer: deren Grund

Dort, wo heute Wasser ist, gingen die Menschen trockenen Fußes zur Landmasse, die sich später Großbritannien nannte. Diese Brücke wird als Doggerland bezeichnet und prägte nach Meinung eines Studienprojekts der Universität Exeter „die Bewohner Nordwesteuropas vom späten Paläolithikum bis zum Neolithikum“. Was läge näher als anzunehmen, dass auf dieser Fläche von rund 23.000 km² Menschen nicht nur durchmarschiert, sondern auch gesiedelt haben könnten?

Sonderbar ist nur, dass ausgerechnet jetzt sich dieses möglichen „kulturellen Erbes“ erinnert wird, da an den mittlerweile versunkenen Stellen (geschehen ~ 5.000 vor heutiger Zeitrechnung) Windparks in größerem Stil errichtet werden sollen. 700.000 Euro hat das Bundesforschungsministerium gerade locker gemacht, damit in den nächsten drei Jahren das Deutsche Schifffahrtsmuseum zu Bremerhaven den Grund der Nordsee erkundet, flächendeckend. Und wenn man schon einmal dabei ist, alte Schiffswracks untersuchen, von denen es dem Vernehmen nach mehr als 2.000 da geben soll.

Dass sich das Museum Sorgen macht, weil „keiner weiß, ob beim Bau von Parks archäologische Substanz zerstört wird“ ist nur natürlich, es geht schließlich um seine Zuwendungen. Wie aber verträgt sich das mit der Tatsache, dass seit über hundert Jahren mit schwerem Schleppnetzgeschirr der Nordseegrund sorgenfrei aufgeackert worden ist wie ein Maisfeld? Das Nichtwissen also und Dank der vieltausendjährigen erodierenden Kraft der Tide auch künftig ziemlich ausgemachte Sache bleibt?

Gelder versenken ist guter Brauch

Theorie 1 könnte lauten: Späte Wiedergutmachung am Nationalpark Wattenmeer in Schleswig Holstein. Denn mit dem Bau der Ölplattform Mittelplate und die Bohrstation Dieksand nebst Pipelines wurde recht bedenkenlos in einen „schützenswerten Lebensraum“ eingegriffen, „wo der menschliche Einfluss minimiert werden“ sollte. Das soll die böse äolische Technik nicht dürfen, untergegangene Kulturen haben jetzt Vorfahrt.

Theorie 2: Futterneid unter Behörden. Nachdem dem Umweltministerium die Reaktorsicherheit abhanden gekommen ist, forciert Berittminister Röttgen die „nachhaltige Naturnutzung“. Gesponsert wird dabei das Forschungsprojekt GIGAWIND im Nordsee-Testfeld „alpha ventis“, an dem u.a. die Leibniz-Universität Hannover und eine Einrichtung des Fraunhofer-Instituts beteiligt ist. Das kann Ministerin Schavan aus Konkurrenzgründen der Forschung nicht gefallen, so dass sie ihrerseits das Museum in Bremerhaven und damit die Leibniz-Gesellschaft unterstützt. Dass man sich gegebenenfalls gegenseitig blockiert, tut nichts zur Sache, das ist man gewöhnt.

Theorie 3: Schuld ist das Außenministerium. Denn wegen der Anlagen ist zwischen Deutschland und Holland ein Streit ausgebrochen, der seit 1464 friedlich schlummerte. Außerhalb einer Drei-Meilenzone vor der Emsmündung haben sich die beiden Staaten nie auf einen Grenzverlauf einigen können, und genau da soll ein Windpark („Riffgat“) entstehen. Wirtschaft meets Diplomatie: Da Letztere bei Problemlösungen immer viel Zeit braucht, gegenüber der Wirtschaft also ein Alibi für Verzögerungen, was läge näher als ein besonders kostbares Wrack dort zu finden, wo …?

Nicht der Grund der Nordsee ist noch Terra Incognita, sondern die Häuser, die ihn verwalten. Ministerien, hic sunt dracones. e2m

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