drübergeschielt – Eine Renke kommt selten allein

Posted on 18. August 2011 von

0


Im Urlaub am Chiemsee treibt die Frage um: Können Fische lesen?

Hai essen wir öfter, als wir eigentlich wissen wollen. In Italien haben  Lebensmittelbehörden kürzlich festgestellt, dass rund zwei Drittel aller Speisefische, die dort auf den Tisch kommen, „gefälscht“ sind. Die allseits beliebte Spigola (auch Branzino genannt, dt: Wolfsbarsch) wird gut und gerne durch einen Blaufisch ersetzt und der Schwertfisch mit einem Herings- oder Blauhai.

Was daran liegt, dass jeder Fang verwertet werden, jede Verwertung verkauft und der Endverbraucher es essen will: Hauptsache es schmeckt. Schließlich fragen wir auch nicht bei jedem Steak nach, ob es von einem Fleckvieh wie der Yvonne oder vom Vogtländischen Braunvieh stammt. Oder woraus die „bis zu 25 Prozent zerkleinertem Fischfleisch“ in Fischstäbchen bestehen. Was aber ist mit echten Leckerbissen?

Da ist die Verwirrung groß, bei der Chiemsee-Renke etwa. Vor zwei Jahren überraschte das Bundesamt für Naturschutz (BfU) mit einer Pressemitteilung zu ihrer „Roten Liste der in Deutschland bedrohten Wirbeltiere“, dass mit „höchster Priorität das Aussterben der Chiemsee-Renke und des Ammersee-Kilchs verhindert werden“ müsse. Deutschland besitze „für diese beiden Fische eine besonders hohe weltweite Verantwortlichkeit. Beide Fische sind vom Aussterben bedroht und deshalb in die Kategorie 1 der Roten Liste eingestuft.“ Öha, riefen die 16 Fischerbetriebe am Bayerischen Meer und schmunzelten auf ihrer diesjährigen Hauptversammlung wieder heftig: Über 75 Tonnen, die jedes Jahr abgefischt und an die Menschen verfüttert werden, von Aussterben keine Spur.

Die Verwirrung wird noch größer, fragt man, welcher Fisch denn eigentlich genau gemeint sei. Das BfU nennt Coregonus Hoferi und C. Bavaricus. Die wiederum finden sich in der Roten Liste des Bayerischen Landesamtes für Naturschutz (BLfN) nicht  – dort werden der C. Pidschian Gmelin (Kilch, kleine Bodenrenke) und der C. Arenicolus Kottelat (Sandfelche) als bedroht angesehen. Und DIE Rote Liste schlechthin, die der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN)? Die kleine Bodenrenke bereite „keine Sorge“, die Sandfelche dagegen sei in Gefahr, in freien Gewässern auszusterben. Nicht nur Anglerlatein kann sehr spannend sein.

Weswegen die Familienbetriebe der fischenden Zunft in Bayern auch keine wirklichen Probleme mit dem Naturschutz haben, sie gestalten ihn einfach selbst. Dazu die Fischereigenossenschaft Würmsee: „Nachdem wir die Bewirtschaftung des Sees berufsmäßig ausüben, steht natürlich der Fang im Vordergrund. Hier ist es besonders wichtig, nachhaltig zu wirtschaften. Eine Überfischung gilt es zu vermeiden, d.h. es kann nur soviel vom Fischbestand abgeschöpft werden, wie wieder nachwächst.“ „Nachwachsen“ ist das Zauberwort in Zeiten von „Nachhaltigkeit“. Dafür sorgt der künstliche Besatz mit Fischbrut. Für den Starnberger See (Fläche 56,36 km²) sind das jährlich rund 50 Millionen Renken, 400.000 Seesaiblinge, 50.000 Seeforellen, 500.000 Hechte; der Chiemsee (79,9 km²) nimmt jährlich 67-70 Millionen Renkenbrütlinge auf. Pidschian, hoferi, arenicolus? Egal, Hauptsache die Herkunftsbezeichnung stimmt – DOC aus bayerischen Hochzuchtgewässern, passend zu Italiens nördlichster Region.

Wir können also weiterhin dem neuesten Ferienhit mit gutem Gewissen frönen und uns auf den Fangbooten der südlichen deutschen Petri-Jüngern den rechten Appetit holen. Und danach, wie es sich nach gutem Brauch geziemt, unseren Fisch zum Mitnehmen in Papier wickeln lassen. Am besten von irgendeiner Roten Liste. e2m