Fundstücke 33: Toter Briefkasten

Posted on 19. August 2011 von

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Heute ist der liebe merdeister so nett und stellt Cassis Fundstücke ein, das nächste Mal schreibt er sie wieder.

Heute keine Polennews, außer, dass ich, wenn diese Fundstücke eingestellt werden, gerade dort bin.

Stopfen Sie sich mal Ohropax ins Ohr und versuchen damit, ihren ganz normalen Alltag zu bewältigen – zum Beispiel zum Arzt zu gehen und mit ihm zu kommunizieren. Dann verstehen Sie gewiss auch, warum Kliniken wie diese ein Segen sind:

Hörende und sprachlich gewandte Menschen denken nicht an die Probleme, die Gehörlosen im Alltag ständig begegnen. Etwa, dass es nichts bringt, laut oder übergenau zu sprechen. „Unsere normale gesprochene Sprache ist für Gehörlose wie eine Fremdsprache. Auch ist die deutsche Schriftsprache nicht eins zu eins in die Gebärdensprache umsetzbar“, erklärt die Ärztin. Sie höre oft auch von Kollegen, dass diese die Diagnose und Behandlung „eh aufgeschrieben“ haben. „Ich vergleich‘ das dann immer mit meinen Portugiesisch-Kenntnissen. Da kann ich auch alles lesen. Aber verstehen kann ich vieles nicht.“ Deshalb begleiten Mitarbeiter der Ambulanz ihre Patienten auch auf andere Abteilungen, vor allem, wenn spezifische Untersuchungen notwendig sind.”

Leider gibt es in Deutschland noch immer viel zu wenige Ärzte pro Gehörlosem, die Gebärdensprache erlernen.

Neulich saß ich mit der Familie vor dem Fernseher, ein seltenes Ereignis, da ich weder Fernseher noch Familie häufig sehe. Wir blieben an einer Sendung hängen, die ich einfach eklig fand, und zwar nicht, weil die Wohnung des Gefilmten vor sich hin schimmelte, sondern weil gefilmt wurde. Noch widerlicher waren die Kommentare der “Psychologin”, die den Mann als “keinen normalen Messi” bezeichnete, da er alles aufhob.

Ich studiere keine Psychologie, aber selbst mir ist klar, dass das kein Messi war, sondern ein Mensch, der aufgrund von Depressionen nicht mehr mit den alltäglichsten Dingen klar kam und somit irgendwann aufgehört hatte den Müll wegzubringen. In der Folge wird verdrängt, versteckt, etc. Heute las ich dann in meiner Timeline einen Kommentar, wozu man denn überhaupt noch aufräume? Einfach bei den Privatsendern anrufen, die würden einem das dann schon richten.

Somit hat das Fernsehen erreicht, was es wollte:

Egal, ob beim unbeholfenen Schokoladendinner in der Badewanne, beim Modellieren des Gebisses in der Zahnarztpraxis oder beim Schuldengespräch mit dem unbarmherzigen Sparkassenmitarbeiter: Der Bewerber soll so weit wie möglich von der gesellschaftlichen Norm abweichen, sonst könne sich der Zuschauer weder lustig machen noch aufregen oder Mitleid empfinden, so die Begründung. Damit auch kein Lacher ausbleibt, verstärken die Produktionsfirmen die peinlichen Auftritte mit Effekten.”

Es kommt noch dicker:

Aber das ist noch lange nicht alles im Alltag eines Castingagentur-Mitarbeiters. Schlimmer als die Selektion der freiwilligen Bewerber war für Kathrin Sand, wenn sie aktiv nach geeigneten Akteuren suchen musste. Für Formate, bei denen der Bewerberansturm zu wünschen übrig ließ, musste sie in verschiedenen Dörfern anrufen: Vom Bürgermeister bis zum Friseur haben die Caster wahllos Menschen angerufen, um ein fernsehtaugliches Schicksal aufzuspüren. Geeignete Kandidaten wurden dann verfolgt, auch wenn die betroffenen Personen zu Beginn weder etwas von sich preisgeben wollten noch einen besonderen Wunsch gehegt haben, mit ihrem Schicksal ins Fernsehen zu kommen.”

Ich frage mich, wie man als Produzent sowas überhaupt mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Und vor allem frage ich mich, warum andere Menschen auch noch ohne mit der Wimper zu zucken darauf hereinfallen und genauso reagieren, wie es beabsichtigt war: mit Neid, Hass, Verachtung.

Die MOZ hat einen etwas zweifelhaften Artikel zu Langzeitarbeitslosen geschrieben, mit dem ich mich aber jetzt nicht im Einzelnen auseinandersetzen möchte. Stattdessen möchte ich dies nocheinmal betonen, weil ich finde, dass man nicht oft genug auf die Leiden und die Mutlosigkeit hinweisen kann, die mit Hartz IV einhergehen:

  50 freie Stellen in der Region bot das Barnimer Jobcenter speziell für arbeitslose Hartz-IV-Empfänger an. 500 Betroffene wurden direkt zu zwei extra vorbereiteten Terminen eingeladen. Zur ersten Aktion erschienen 99 von insgesamt 207 schriftlich bestellten Arbeitslosen. Beim zweiten Termin kamen von den 285 Jobcenter-Kunden nur 80 Personen. Weit über 200 Eingeladene erschienen gar nicht. Die Zahlen sprechen für sich. (…) Viele Hartz-IV-Empfänger glauben einfach nicht mehr daran, dass ihnen das Jobcenter noch helfen kann.”

Gerade heute habe ich ihn irgendwo in den Nachrichten gesehen, den Herrn Barenboim mit seinem West-Eastern-Divan Orchestra – wie er an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea mit Musik Verständigung zwischen den Menschen schaffen wollte. Daher ist die Nachricht, dass er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, hocherfreulich.

Nele Tabler beschreibt in ihrem Blog eine dieser Situationen aus ihrer Jugend, gegen die der Slutwalk ankämpfen will:

Ein paar Tage später war ich gerade auf dem Nachhauseweg, als neben mir ein Mercedes anhielt und der Fahrer das Fenster herunterkurbelte. Arglos blieb ich stehen, schließlich lebte ich in einer Kleinstadt, wo »nie« etwas Böses passierte. Der Mann war sicher auf der Suche nach etwas, einer Straße oder einem Geschäft, vielleicht hatte er sich verfahren.An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern. Schon deshalb nicht, weil er ein paar Begriffe benutzte, die ich damals noch gar nicht kannte. Trotzdem war selbst mir sofort klar, was er wollte. Ich zeigte ihm den Vogel und ging schnell weiter. Er beugte sich aus dem Fenster und schrie mir hinterher: »Spinnst du? Was ziehst du dich denn so nuttig an, wenn du nicht ficken willst?«Mein erster – heiß ersehnter – Minirock und dann noch aus Leder. Er verschwand tief im Kleiderschrank, zur Verwunderung meiner Eltern habe ich ihn nie mehr angezogen.”

Und zu guter letzt noch eine Kurzgeschichte, die mir gerade mehr oder weniger zufällig wieder in die Hände geraten ist und die doch ganz gut zu all den Mauer- und kalter Krieg-Geschichten momentan passt.

Das Video der Woche handelt diesmal von modernen toten Briefkästen.

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