Zehn Fragen und ziemlich viele Antworten

Posted on 13. September 2011 von

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In erster Instanz ist die Klage des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gegen die Tageszeitung La Repubblica auf 1 Million Euro abgewiesen worden. Das Urteil wurde heute veröffentlicht.

Auf der Seite ist ein Zähler installiert, er zeigt in diesem Augenblick auf 852 Tage, 2 Stunden, 15 Minuten. So lange hat Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi bisher zu zehn Fragen geschwiegen, die ihm die römische Tageszeitung La Repubblica öffentlich gestellt hat. Darauf wurde nicht nur ein internes Dossier aufgebaut, sondern eine ständige Präsenz, die online tagtäglich und kostenlos abruf bar ist.

Zwischen dem 27. April und dem 17. Juni 2009 folgten dicht aufeinander Veröffentlichungen, die den Blickwinkel auf den italienischen Regierungschef nachhaltig verändert haben. Die Affäre um die minderjährige Neapolitanerin Noemi (die ihm den an Sugar-Daddy erinnernden Kosename „Papi“ verpasste), die um das Escort-Girl Patrizia d’Addario (die mehrfach in der offiziellen Residenz Palazzo Grazioli in Rom nächtigte und dies mit Aufnahmen ihres Fotohandys bewies), die um die Ehefrau Veronica Lario, die in Folge dessen die Scheidung einreichte. Sie erreichten die boulevardeske Dimension, eine relevante poltische Persönlichkeit in Europa vom Gürtel abwärts zu betrachten. Oder auch viel mehr. Lario zu Repubblica: „Ich habe versucht, meinem Mann zu helfen, habe die angefleht, die ihm nahe stehen, dasselbe zu tun, so wie man es bei jedem tun würde, dem es nicht gut geht.“

Die Privatheit des Politischen

In dem gleichen Maß, wie über 2 Monate immer mehr und intimere Details zu einem Mann erschienen sind, der von der Ehefrau abfällig als „Imperator“ bezeichnet wurde, dem „Jungfrauen geopfert“ würden, ausgestattet mit einer Entourage aus „schamlosen Plunder“, wurde deutlich, wie im System Berlusconi das Private das Politische durchdringt und umgekehrt.

Hinweise auf Besetzungscouchen für Kandidatinnen zu Wahllisten, für Ministersessel oder andere Entscheiderpositionen, auf Vorteilsgewährungen im Austausch zu Naturalleistungen, dem konkreten Nachweis von eklatanten Widersprüchen in seinen öffentlichen Auftritten begegnete Berlusconi mit immer schärferen Ausfällen: Politisches Manöver einer linken Presse, diese dann zusammen mit „Roten Roben“ (die gegen ihn ermittelnden Staatsanwaltschaften) und alle schließlich Hand in Hand mit obskuren Mächten, die das Land destabilisieren würden, einen „Staatsstreich vorbereiteten“. Und sogar Meinung wie Handlungen der eigenen Ehefrau beeinflusst hätten.

Giuseppe d’Avanzo, Leitartikler und Enthüllungsjournalist von La Repubblica machte daraus zehn Fragen, die das Blatt öffentlich an den Ministerpräsidenten gestellt hat. Schritt haltend mit der kontinuierlichen Aufdeckung wurden sie angepasst und erhielten ihre endgültige Fassung am 26. Juni 2009. Die sechste ließ aufhorchen: „Können Sie sich sicher sein, dass Ihr Umgang nicht die Staatsgeschäfte beeinträchtigt haben? Können Sie das Land dahingehend beruhigen, dass keine Frau und ihr Gast die Waffe der Erpressung gegen Sie in der Hand hält?

Berlusconi antwortete auf die ihm eigene Weise: Mit dem Versuch, den Gegner in die Knie zu zwingen. Ende August 2009 reichte er Klage gegen die Tageszeitung vor einem Zivilgericht ein. Darin begehrt er Schadensersatz von einer Million Euro, weil die ihm gestellten Fragen „verleumderisch“ seien. Und markierte damit den Beginn einer Prozessserie, die auch Blätter in Europa umfasste: Le Nouvel Observateur in Franreich, El Pais in Spanien. Gegen britische Zeitungen ließ der Politiker, der seine Fortune auf ein Medienimperium gründet, Schritte prüfen, ließ aber angesichts der besonders hohen Schwelle der Meinungsfreiheit auf der Insel jegliche Initiative fallen.

Die Wirklichkeit wie nicht einmal in der Phantasie

Eine Schwelle, die ihm die Richterin Angela Salvio nun auch für das eigene Land verdeutlicht hat. Die Fragen seien „zivilisiert, höflich und mit Augenmaß vorgetragen worden, ohne böswillige Anspielungen oder Unterstellungen, sie waren der Ausdruck kritischer und synthetischer Überlegungen zur Interpretation von Fakten“ hat sie in das heute veröffentlichte Urteil am Amtsgericht in Rom geschrieben: Sie sind „die legitime Ausübung des Rechts auf Kritik und die zulässige Manifestation der Gedanken- und Meinungsfreiheit, wie sie in Artikel 21 der Verfassung garantiert ist.“ Schande, dass Giuseppe d’Avanzo dieser Augenblick nicht mehr vergönnt war. Er ist am vergangenen 30. Juli an Herzversagen im Alter von 57 Jahren verstorben.

Ob Berlusconi in Berufung gehen wird, wird sich weisen. Denn gerade in den letzten Monaten hat sich gezeigt, dass die zehn Fragen nicht nur aktuell geblieben sind, sondern in weiten Teilen von der Wirklichkeit beantwortet wurden. In der Zwischenzeit machte nämlich das „Bunga-Bunga“, das er von Duzfreund Gaddafi entlehnt hatte, die Runde. Was als „gesittete Abendessen“ verteidigt wurde, ist nach Schilderung eines Dutzend Beteiligter eine rekurrierende Veranstaltung gewesen, „an deren Ende immer alle nackt waren“. Im Oktober wird die vierte Verhandlung vor einem Strafgericht stattfinden, wo sich der Ministerpräsident gegen die Vorwürfe des Amtsmissbrauchs und der Jugendprostitution zu verteidigen hat. Um die Minderjährigkeit einer von ihm für sexuelle Leistungen entlohnte junge Frau zu verdecken, habe er unmittelbar in polizeiliche Ermittlungen eingegriffen. Und als „Caesar“ ist der tituliert, der in jüngsten Korruptionsuntersuchungen der Staatsanwaltschaft namentlich genannt ist: Berlusconi.

Die wichtigste Antwort steht ohnehin fest: Als hierzulande noch Spekulationen über die Bedeutung „spätrömischer Dekadenz“ angestellt wurden, realisierte in Italien ein Unternehmer seinen Traum von feudaler Hofhaltung. Das ist noch weit länger als 852 Tage her. Kuriositätenkabinette inklusive.e2m