Ry Cooder – Pull Up Some Dust And Sit Down

Kurz vor dem zehnten 9/11 ist seine CD in Deutschland erschienen, das Vinyl folgte nun kurz bevor wieder ein Banker mit verrückten Spekulationen aufgefallen ist – Ry Cooders Abrechnung mit den Verhältnissen kommt pünktlich

Im Interview klingt er noch bedauernd: „Ich brauche ein Jahr, um eine Platte zu machen, und wenn sie dann herauskommt, kann manches schon alt wirken.“ Das war Ende August mit Johannes Waechter für das SZ-Magazin, und es waren schon einige Staaten auf der Kippe: „Ich stehe halt nicht mit meiner Gitarre auf einer Demo …“. Braucht er auch nicht, die Krisen folgen einander immer schneller, ohne dass sich die Grundprobleme änderten. Nicht nur in den USA.

Ry Cooder hat mit „Pull Up Some Dust And Sit Down“ Experimente wie das von „Paris, Texas“, Projekte à la „Buena Vista Social Club“ und die einfache Lust am Spiel hinter sich gelassen. Für ihn stand diesmal die Frage im Vordergrund: Wie packe ich meine Wut in maximal vier Minuten eines Liedes?

Sehr vieles. Die einzelnen Stücke mögen eingängig sein, das Ensemble ist es nicht – beim ersten Mal abspielen dominiert der Eindruck, als stürme von allen Seiten etwas ein. Das liegt an der Musik selbst. Sie ist kein Cross-Over mehr zwischen Blues, Blue-Grass, Rock und Folk, sie ist der bisherige Höhepunkt für die Interkulturalität,  die Cooder stets gepflegt und für die er bekannt geworden ist. Wie dieser Musiker selbst sagt und wie es zu hören ist – die musikalischen Stile sind jeweils ein eigenständiges Narrativ.

Daraus ist kein Konzeptalbum entstanden, sondern eine Collage, deren innerer Zusammenhang von den Texten hergestellt wird, alle aus der Feder von Cooder. Ganz im Stil von  Woodie Guthrie sind die ersten beiden Stücke gehalten. Guthrie, der Troubadour der großen Depression in den 1930ern, hatte den Banditen James besungen gehabt, der ein Produkt der völligen Zerrissenheit und Entsolidarisierung nach dem Sezessionskrieg war. Die Kontinuität zu den Versteigerungsterminen von Eigenheimen in der zerplatzenden Immobilienblase 2009 ist unübersehbar. Nur ist die Rissebene nun nicht mehr geographisch zwischen Nord und Süd oder im Dust Bowl, sondern markiert wie eh und je das oben und unten: „They counted out our money and no banker was left behind“ (aus dem Titel „No Banker Left Behind“) verbindet sich so ohne weiteres mit den Zeilen „Con permiso yo me voy to dear old Wall Street / My .44 will do the talking from now on“ aus „El Corrido de Jesse James“.

Die fiktive Selbstkandidatur John Lee Hookers als Präsident der Vereinigten Staaten (in einer hinreißenden Satire mit Imitation von Hookers Spiel und Stimme), die „Simple Tools“ eines Handwerkers (der sich gegen die Junk-Bond-Daddies dieser Welt durchsetzen muss, auch bei der eigenen Frau), die Persiflage auf den Supreme Court (mit der Herrlichkeit seiner statt der Gesetze des Volkes in „I Want My Crown“), das ist alles so beziehungsreich, so voller An- und Entlehnungen, dass sich zum ersten Mal seit Jahren das Booklet lohnt.

Auch um den zweiten Diskurs von Cooder in all seinen anklingenden Facetten nachzuvollziehen: Den der Religion, die nicht Glaube ist, sondern ein in God’s own Country zelebriertes exklusives Interpretationsrecht des möglichst wohlhabenden weißen Mannes, der „Republiklans“ („If There’s a God“). Wie Gott sich mit Grausen abwenden würde, sähe er, welche „Humpty Dumpty World“ er geschaffen hat. Und der Gipfel in „Lord tell me why“ – mit einer stampfenden Musik, die dumpf aus irgendeinem Keller gekrochen kommt und zu der sarkastisch das pathetische Lamento angehoben wird von dem, der irrig meinte, etwas Besseres zu sein: „Lord tell me why a white man / ain’t worth nothing in this world no more“. In drei Minuten und einer Sekunde hat Cooder mehr hinein gelegt als Scholl-Latour in über 400 Seiten von „Die Angst des weißen Mannes“.

Die knappen Geschichten um Ökonomie, Entwurzelung und (Glaubens)Krieg sind zwar in den USA angesiedelt, aber sie sind unsere Themen. Der mexikanische Grenzgänger unterscheidet sich in nichts von den Boat-People im Mittelmeer. Zwischen James und Salvatore Giuliano liegt nur der Atlantik. Und den einen oder anderen Rhythmus kann man auf  jedem Festival del Liscio als Polka oder Mazurka hören. Aber den Sound, den Sound selbst, an den muss man sich erst wieder gewöhnen.

Vor vielen Jahren wurde er uns beigebracht von Interpreten, die sich auf Bob Dylan oder Woodie Guthrie beriefen, auf Muddy Waters oder B.B.King. Das wurde bis zum Abwinken abgenudelt, bis keiner mehr wusste, wie gut und heiß und wütend ein schlampig gespieltes E Moll7 klingen kann. Und Ry Cooder ist ein verdammt guter Lehrer. Ein paar Kratzer im Vinyl besorgen den Rest. e2m

Ry Cooder – Pull Up Some Dust And Sit Down
Nonesuch Records (mit Hörproben)
14 Songs, 60 Minuten

2 Gedanken zu “Ry Cooder – Pull Up Some Dust And Sit Down

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