Homöopathen im Siegesrausch – Fibromyalgie

Posted on 22. September 2011 von

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Im letzten Beitrag ging es um den Heuschnupfen, die unterstellte Wirkung homöopathischer Arzneimittel für Heuschnupfen und ob die gemachte Aussage durch Studien zum Thema zutreffend sind: Nö.

Weiter im Text.

„Nach dem derzeitigen Stand kann die Wirksamkeit homoöpathischer Arzneimittel unterstellt werden bei Heuschnupfen, lebensbedrohlichem Durchfall bei Kindern, Weichteilrheuma [1-3], Darmlähmung nach Operation und Atemwegsinfektionen.“

Nun geht es um die Wirkung homöopathischer Arzneimittel bei Fibromyalgie, und drei für die Behauptung herangezogene Studien.

Die ersten beiden Studien (1 und 2) haben dieselbe Erstautorin und stammen aus den Jahren 1986 und 1989. Die Daten von Nummer 1 wurden noch einmal analysiert (4) und es fand sich kein sicherer Hinweis für die Effektivität der homöopathischen Behandlung (‘no firm support for the efficacy of homeopathic treatment’). Nummer 2 wurde wegen untauglichem Sudiendesign aus der „Shang-Studie“ von 2005 ausgeschlossen.

In einer Arbeit (6), die untersuchte, ob sich Belege für die Wirksamkeit homöopathischer „Arzneimittel“ in klinischen Studien finden lassen, konnten maximal 100 Punkte für eine Studie vergeben werden. 100 Punkte sprachen für ein gutes Studiendesign, Abzüge gab es für diverse Mängel. Dabei konnte Nummer 1 38 und Nummer 2 45 Punkte erreichen. Das spricht nicht für sauber durchgeführte Arbeiten.

Damit bleibt die Nummer 3, die auch in allen Reviews als die mit der besten Methodik und dem besten Design erwähnt wird. Bezieht man in die Überlegenungen den Publikation-Bias* mit ein, der in der Alternativmedizin höher ist, als in der Wissenschaft.

Trotz der dünnen Beweislage hat es die Homöopathie, neben Anderen in die AWMF Leitlinien geschafft:

„Es liegen Hinweise für einen möglichen Nutzen von Homöopathie im Vergleich zu Placebo am Therapieende vor.Eine zeitlich befristete Behandlung kann innerhalb eines multimodalen Therapiekonzeptes mit homöopathischen Präparaten erwogen werden.
Evidenzgrad 2b, Empfehlungsgrad offen, Konsens“

Hier werden die gleichen Studien angeführt, die auch die CuVCS als Belege anführt. Außerdem wird, nicht nur hier, explizit der komplementäre Charakter der homöopathischen Behandlung erwähnt. Sie soll zu echte Medizin ergänzen, eine Art Empathiebolus.

Das Ergebnis der Suche war nicht ganz zu desaströs wie beim Heuschnupfen, aber viel ist nicht übrig geblieben.

Dann bleibt im Grunde nur noch, den Streit zu erwähnen, der sich um Fibromyalgie abspielt.

Es ist noch nicht klar, um was für eine Krankheit es sich dabei handelt und ob es eigentlich EINE Krankheit ist. Es ist noch keine Ursache gefunden. Es gibt eine Definition, die, wenn man sie erfüllt die Diagnose „Fibromyalgie“ zulässt. Viele Patienten können davon profitieren, weil sie vorher mit sehr unspezifischen Symptomen von Arzt zu Arzt gezogen sind und teilweise als Simulanten abgetan wurden, da es kein richtig gut zu fassendes körperlichen Korrelat für die Symptome gibt.

Bezogen auf die Bell Studie (3), schreibt Gerald Weissmann:

„Since many rheumatologists believe that “fibromyalgia” is simply a euphemism for a variety of medicalized miseries (5), it was not unexpected that Arizona’s integrators found useful a remedy that may or may not contain one molecule of active ingredient for a disease that may or may not exist (3).“

Das Ganze macht natürlich in Falle der Homöopathie nichts aus, denn dort orientiert man sich ohnehin nur an Symptomen. Es ist aber interessant zu sehen, wie sich die sonst, wenn es um den „pharmakologisch industriellen Komplex“ geht, kritisch gebende Menschen, der „Schulmedizin“ und ihren Definitionen, ohne Not an den Hals werfen. Ohne Not, weil, wie ich oben schrieb, man als HomöopathIn keinen Fancy-Namen braucht. Man kann die Schmerzen, Müdigkeit und Schwäche einzeln behandeln, ganz individuell. Aber das ist nicht so gut fürs Geschäft wie „Fibromyalgie“.

Am Schluss soll noch einmal Nortin Hadler zu Wort kommen:

„It is my hope that controversy will work its magic, so that Cartesian mind-body duality will erode and the fibromyalgia social construction will be unmasked. Then the person with chronic widespread pain will be afforded succor instead of medicalization when she or he chooses to be a patient with chronic widespread pain.“
„Mind-body duality“? Oh no he did’nt!

  1. Fisher P: An Experimental Double-blind Clinical Trial Methodin Homoeopathy-Useofa Limited
    Range of Remedies to Treat Fibrositis. Brit Hom J 1986;75(3):142-147
  2. Fisher P, GreenwoodA, Huskisson EC, Turner B, BelonP: Effect of Homoeopathic Treatment on
    Fibrositis (Primary Fibromyalgia). BMJ 1989;299:365-366
  3. Bell I R,Lewis D A,Brooks A J, Schwartz G E , Lewis S E, Walsh B T , Baldwin C M: Improved clinical status
    in fibromyalgia patients trated with individualized homeopathic remedies versus placebo.
    Rheumatology 2004;43:577-582.
  4. Colquhoun D. Re-analysis of clinical treatment of homeopathic treatment in fibrositis. Lancet 1990;336: 441–2.
  5. Hadler, N. M. (2003) Fibromyalgia and the medicalization of misery. J. Rheumatol. 30, 1668 –1670
  6. Jos Kleijnen, Paul Knipschild, Gerbenter Riet Clinical trials of homoeopathy BMJ 1991

*Publication-Bias bezeichnet die Tendenz, dass Studien mit einem positiven Ergebnis eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, veröffentlicht zu werden. Diesen Bias gibt es in jeder wissenschaftlichen Disziplin. Besonders ausgeprägt ist er jedoch in den Organen der alternativmedizinischen Szene. Nur 5% aller Studien, die in einem Journal für Alternativmedizin veröffentlich wurde, so konnte Edzard Ernst zeigen, waren negativ. Das spricht für viele Ergebnisse, die unter den Tisch fallen und nie veröffentlicht werden.