Rating, raten und das gefühlte X

Staaten und Unterhaltungsindustrie haben mehr gemeinsam als Brot und Spiele: Ein Bewertungssystem

Der Vorgang hat etwas zutiefst Verstörendes: Eine Gruppe Privatleute verurteilt in barschen öffentlichen Worten ein oder mehrere Staaten und ihre Versammlung wird nicht aufgelöst, keine Panzer fahren auf, Informationen werden nicht zensiert. Hat das, was das Frühjahr 2011einschließlich des arabischen ausgemacht hat, bereits so nachhaltig gewirkt, dass nun offener, ziviler über Wohl und Wehe von Gemeinwesen diskutiert werden könnte?

Keineswegs. Denn es sind keine Volkstribune, die da agieren. Redewendungen wie die von mehr Freiheit für Völker oder Demokratie, typischerweise als die der Agitation angesehen, sind ihr Ding nicht. Wohlwollend formuliert sind die Damen und Herren sogenannter Rating-Agenturen Erzieher, die ihre Zöglinge zu Verhalten ermahnen und für das Maß des Befolgens Noten verteilen. Wobei in der Diktion dieser Institute auch „Souveräne“ Zielvorgaben erhalten, was nicht zufällig ist – der Reflex vor dem erhobenen Zeigefinger von Lehrern ist überall der gleiche. Dementsprechend gebannt verfolgen alle Klassen, wer der nächste Primus sein wird. Oder sich auffallend daneben benimmt.

Dabei erinnert AAA+ nicht nur an die Zensuren besonders phantasievoller Lehrkräfte, die sich damit unauslöschlich ins (Ge)Wissen gebrannt hätten. Heranwachsende in den 68ern lernten noch die wirklich spannende Seite von solchen Buchstabenfolgen kennen. Im Ratingsystem der Selbstorganisation amerikanischer Filmproduzenten MPAA stand „G“ für General Audiences, also war der Film für alle Altersklassen zugelassen.

Ab „R“ wurde es interessant: Zugang unter 16 Jahren verboten. Was zu dem Ergebnis führte, dass Produktionsgesellschaften in ein ansonsten bemerkenswert braves Filmchen irgendeinen Fetzen nackte Haut hinein schnitten, um das anrüchige und damit verkaufsfördernde Attribut Restricted zu erhalten. Das sprach sich in Europa derart herum, dass sogar das brave TV begann, unschuldige Shows mit Erotik zu würzen. „Colpo grosso“ (der große Coup), im deutschen Sprachraum als „Tutti-Frutti“ bekannt, wurde so zum Zugpferd des Senders Italia7. Und damit ein Eckpfeiler des wirtschaftlichen Erfolges seines Eigentümers Silvio Berlusconi.

Die Würze zum Geschäft

Wie verstörend muss es da für den italienischen Ministerpräsidenten gewesen sein, dass Standard & Poor’s die Bonität seines Italiens auf A-1 gestuft und dies allgemein als schlechte Nachricht aufgenommen wurde. Wo er, der Tycoon und Staatenlenker doch alles in seiner Macht Stehende getan hat, um die Lebensverhältnisse den Showkulissen anzupassen. Verkehrt wäre es, zu glauben, die Wahrnehmung des Chefs der Exekutive von der Gürtelschnalle abwärts sei nur ein Betriebsunfall per Abhörprotokolle. Es war ein hartes Stück Arbeit, um endlich von den braven Noten herunter zu kommen, hin zu den in jeder Hinsicht interessanteren Bewertungen. Wie Hohn musste es daher in den Ohren Berlusconis klingen, als ihm die Agentur attestierte, dass seine Politik „deadlock“ sei, an einem toten Punkt angelangt.

Was aber ist mit den Damen und Herren Ländervorsitzenden, die aus ihrem Amt keine Daily Soap gemacht haben? Die Wahrnehmungsschwelle zu Angela Merkel ist aus verständlichen Gründen eine ganz andere als gegenüber einem Nicolas Sarkozy. Gleichwohl droht auch diesem so geprägten Deutschland eine Abwertung. Ist also Standard & Poor’s doch nur ein Mitspieler, der besonders gekonnt die Karten zinkt?

Aber sicher. Denn das Geheimnis der Agenturen liegt im Ausdruck „freiwillige Selbstkontrolle“. Seit 1975 in den U.S.A die einzigen Instanzen und dazu selbst Kapitalgesellschaften, die die gesetzliche Verpflichtung erfüllen dürfen, Banken zu bewerten, fiel irgendwann die Frage: Was ist mit den größten Banken der Welt, nämlich den Staaten und ihren Schätzen? Wo Industrie (Stichwort: Zertifizierung) und Unterhaltung noch dem Regelungsimpetus von Behörden entkommen wollten, haben Moody’s und Konsorten den Spieß umgedreht. Fortan kontrollieren sie über den Geschäftsgang die Länder und mit den Gesetzen der Ökonomie die Normgeber, die ihnen einst den Freiraum ihres Tuns erst eröffnet haben.

Dass die mathematischen Variablen für ihre Vorhersagen mindestens so undurchsichtig sind, wie jede Glaskugel auf einem beliebigen Jahrmarkt, fällt dabei schon nicht mehr ins Gewicht.  Aus Raten ist Rating geworden und damit offizieller Lehrplan der Völker. Ein bisschen unanständig halt. Davor ist kein Mündel sicher. e2m

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