Homöopathen im Siegesrausch – Durchfall

Teil I (Heuschnupfen) und Teil II (Fibromyalgie) –

Dies ist der dritte Teil der Miniserie über die in einer Stellungnahme der „Karl und Veronika Carstens Stiftung“ gemachten Behauptungen, er handelt von Homöopathie für Durchfall oder „childhood diarrhea“ wie es in den Originalarbeiten heißt.

Die „Karl und Veronica Carstens Stiftung“ verweist, als Beleg für die Wirksamkeit von Homöopathie bei Durchfall, auf eine Metaanalyse der Arbeitsgruppe von Jennifer Jacobs aus Washington. Dabei werden die Ergebnisse dreier Arbeiten gesammelt betrachtet. Die einzelnen Arbeiten kamen zu einem positiven Ergebnis für die Homöopathie, welches jeweils jedoch nicht signifikant war. Die in die Metaanalyse aufgenommenen Arbeiten wurden jeweils erstellt von Jacobs[1], Jacobs[2] und Jacobs[3]^^. Wieso?

In zwei Studien [2,3] wurden jeweils 5 verschiedene Homöopathika an Kinder im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren verschrieben.

Dabei wurde eine individuelle homöopathische Anamnese durchgeführt, damit das richtige „Arzneimittel“ gefunden wird. So ist das Hauptsymptom bei Arsicum album „Great anxiety and restlessness“, was vermutlich auch in Nepal oder Nicaragua nicht unüblich ist, bei kranken Kindern bis 5 Jahren. So werden die Kinder unter 18 Monaten vorwiegend Chamomilla bekommen haben, den dort lautet das Haupsymptom „Better being carried“, sehr individuell. Wessen Symptome nach Mitternacht schlechter schlechter wurden, bekam ebenfalls Arsenicum album. Ist es bereits 5:00 Uhr ist, wurde es Sulphur. Ob das auch gilt, wenn gerade Wechsel von Sommer auf Winterzeit ist? Schön ist auch das Hauptsymptom von Podophyllum: „Rectal prolapse“ (ich warne vor der Bildersuche!*), doch ich schweife ab.

Bin ich der einzige, dem Zweifel kommen, ob die in der homöopathischen Anamnese entscheidenden Feinheiten in einem Gespräch mit fremden Ärzten, in fremder Umgebung, in einer stressigen Situation, womöglich noch mithilfe von Dolmetschern überhaupt ermittelt werden können? –

Es gibt auch noch etwas Handfestes. In den Arbeiten [2] und [3] sind die Kinder, in den nicht mit Homöopathie behandelten Kontrollgruppen, jünger (2 und 4 Monate), kleiner (1 und 4cm) und leichter (300 und 1000g) als die in der Homöopathiegruppe. Dieser Unterschied wird in der Metaanalyse angeblich herausgestatistikt. Eine Reanalyse [5] der Mayo Clinic erklärt, die Ergebnisse für Durchfall, neben anderen Erkrankungen, reichten nicht aus, um Homöopathie für Durchfall bei Kindern zu empfehlen.

Allerdings, und es lohnt sich, das zu erwähnen, erwähnt Jacobs eine Arbeit ihrer Arbeitsgruppe von 1993 [6], also ein Jahr vor [2], die ebenfalls in Nicaragua stattgefunden hatte, nicht. In dieser hatte sich ein negatives Ergebnis für Homöopathie gezeigt. Huch!

Bedenkt man die guten Behandlungsmöglichkeiten von Durchfall, ergibt sich überhaupt keine Notwendigkeit für ein homöopathische Zusatzbehandlung. Oder habe ich nicht erwähnt, dass die homöopathische Behandlung zusätzlich zur richtigen Behandlung durchgeführt wurde. Alles andere wäre auch schwer verantwortbar gewesen. Die Behandlung setzt natürlich eine Infrastruktur vor Ort voraus, denn obwohl die vergleichsweise einfach ist, sterben jedes Jahr Millionen Menschen, vor allem Kinder, daran. Durchfall hat einen selbstlimitierenden Verlauf, darum reicht eine symptomatische Behandlung (ein rotes Tuch für Homöopathen) vollkommen aus. Eine homöopathische Reiseapotheke von DHU kostet 27,-Euro, für den Preis bekommt man auch 500x orale Rehydratation, die Leben retten kann.

Eine andere Tatsache, die mich beschäftigt, ist die Lokalisation der Studien. Nepal und Nicaragua sind nicht gerade um die Ecke von Washington, wo es, da bin ich mir ziemlich sicher, genug Kinder mit Durchfall gibt. Ob man in Schwellen/Entwicklungsländern billiger forschen kann? Big Pharma ist mittlerweile ja auch auf dem Trichter. Am Geld kann es eigentlich nicht gelegen haben, immerhin schreiben die Autoren in ihren Acknowledgments:

We thank the Boiron Research Foundation, Newtown Square, PA, for the research grant supporting this project“.

Jacobs ist sich also mit der Karl und Veronica Carstens Stiftung, sowie mit Jacobs, Jacobs und Jacobs über die positiven Effekt der Homöopathie bei Durchfall einig:

Used in combination with ORT, homeopathy should be considered for utilization on a widespread basis for childhood diarrhea.

Davon steht in der Stellungnahme der Stiftung allerdings nichts, dort sieht es so aus, als solle Homöopathie allein bei lebensbedrohlichem (sic!) Durchfall wirksam sein.

Da es immer etwas zu tun gibt, hat Jacobs 2006 eine Studie, diesmal über ein homöopathisches Kombinationspräparat bei Durchfall, gemacht, man entwickelt sich ja weiter. Das das Ergebnis war negativ, das ist wohl keine gutes Pflaster für die Homöopathie, drüben in Honduras.

  1. Jacobs J, Jime ́nez LM, Gloyd S, Careres FE, Gaitan MP, Crothers D. Homeopathic treatment of acute childhood diarrhoea. Br Homeopath J 1993;82:83–6.
  2. Jacobs J, Jiminez LM, Gloyd S, Gale J, Crothers D. Treatment of acute childhood diarrhea with homeopathic medicine: a randomized clinical trial in Nicaragua. Pediatrics 1994;93:719–25.
  3. Jacobs J, Jimenez LM, Malthouse S, et al. Homeopathic treatment of acute childhood diarrhea: results from a clinical trial in Nepal. J Altern Complem Med 2000;6:131–9.
  4. JENNIFER JACOBS, MD, MPH, WAYNE B. JONAS, MD, MARGARITA JIME ́ NEZ-PE ́ REZ, MD, PHD AND DEAN CROTHERS, MD:
    Homeopathy for childhood diarrhea: combined results and metaanalysis from three randomized, controlled clinical trials; Pediatr Infect Dis J, 2003;22:229–345.
  5. UMUT ALTUNÇ, MD; MAX H. PITTLER, MD, PHD; AND EDZARD ERNST, MD, PHD; Homeopathy for Childhood and Adolescence Ailments: Systematic Review of Randomized Clinical Trials; Mayo Clin Proc. • January 2007;82(1):69-75
  6. Jacobs J, Jimenez LM, Gloyd SS, Casares FE, Gaitan MP, Crothers D. Homoeopathic treatment of acute childhood diarrhoea: a randomized clinical trial in Nicaragua. Br Homeopath J. 1993;82:83-86.

Ich bitte meine stümperhafte Zitierweise zu entschuldigen. Arbeit Nummer [1] wird nicht besprochen, weil ich ihrer nicht habhaft werden konnte.

*Gerade habe ich es selbst gemacht. Das ist nichts für schwache Gemüter.

Edit 09.07.2013:

Auf dem Blog Beweisaufnahme Homöopathie findet man eine eingehendere Analyse der Arbeiten.

7 Gedanken zu “Homöopathen im Siegesrausch – Durchfall

  1. Sich mit dem Bullshit der sogenannten „Alternativmedizin“ – und selbstverständlich mit deren Euphemismen “Komplementärmedizin“ oder „Integrative Medizin“ – auseinanderzusetzen, bedeutet in erster Linie Detaille-Arbeit.
    Die Absurditäten, die inneren Widersprüche und Fehler der propagierten Verfahren, präsentieren sich oft erst dann in aller Blüte, wenn man Satz für Satz und Zahl für Zahl analysiert, in Frage stellt, beleuchtet.

    Dann aber kommt immer das gleiche dabei herum: Bullshit, Betrug, Täuschung, Verarsche.

    Momentan versucht Bendig im DZVHÄ-No Response-Blog die Oscillococcinum-Story zu mit den üblichen Mitteln relativieren: Samuele Riva hat von Homöopathie keine Ahnung, Laienansicht, keine Kenntnisse über die Studienlage, keine Vorstellung von der Methode…

    Leider vergisst Beding – aus schlechtem Grund – zu erwähnen, dass das eigentliche Problem bei Oscillococcinum ist, dass die namensgebenden oszillierenden Kokken überhaupt nicht existieren, und die Ente letztlich nur Reservoir für die nicht existenten Bakterien dienen, gegen die das Mittel angeblich helfen soll. Darüber ist kein Wort zu lesen.

    Über die Gründe dieser konsequenten Ausblendung aller Argumente, die gegen eine Hypothese sprechen – ein Verhalten, dass Bending mit der gesamten CAM-Anhängerschaft teilt – lässt sich trefflich spekulieren: Möglicherweise haben die alle nur eine echte Macke, möglicherweise ist es auch die fragwürdige Moral der „dummen Kerle“, wie Adorno in seinem Ausritt gegen den Okkultismus solche Zeitgenossen nennt, die jeder Idiotie noch ein wenig Sinn abgewinnen können, möglicherweise ist es aber auch schnöder Geschäftssinn, der für die Unausrottbarkeit des faulen Zaubers verantwortlich zu machen ist.

    Ich habe vor einigen Jahren, auf dem Höhepunkt des Reiki-Hypes, aus den USA stammende Studien näher gesichtet, die allen Reiki-Verkäufern als Nachweis für die Wirksamkeit der Methode dienten. Nach kurzer Zeit wurde klar, dass so gut wie alle „positiven“ Studien mit einem einzigen Namen verbunden waren, dass das Studien- Design insgesamt lächerlich war, dass Daten manipuliert wurden, und dass deren Verfasser (oder manchmal auch Co-Autor) mittlerweile wegen Betrugs und Unterschlagung im Knast saß.

    Nun ist Reiki zwar erledigt, allerdings nicht wegen der Schrottstudien, sondern wegen der Gier der Reiki-Häuptlinge, die zu spät begriffen haben, dass ein Schneeball-Ausbildungssystem am begrenzten Markt, an der schlichten Tatsache scheitert, dass irgendwann keine Indianer mehr da sind, die die ganzen Häuptlinge, sprich Reiki-Meister füttern. Doch die Studien des Knastbruders werden weiterhin als Referenz vorgezeigt.

    Aber das ist, wie schon erwähnt, typisch für die gesamte CAM-Anhänger- und Anwenderschaft.

    Das wirklich Bedenkliche ist deswegen, dass eine ganze Branche die Unredlichkeit zum Geschäftsprinzip erhoben hat.

    Nicht einzelne schwarze Schafe sind, wie man der Welt glauben machen will, bedauerliche Unikate in einer ansonst seriösen Interessengemeinschaft. Nein, der ganze Laden stinkt.
    Es ist eine riesige Herde, ein Chor der Blöden, eine Gemeinschaft von Narren und Gaucklern, und, vor allem anderen, eine Horde von SnakeOil-Dealern, die diejenigen, die jeden Preis für Heil und Heilung zu bezahlen bereit sind, mit Freuden über den Leisten ziehen.

    Diese Branche schreibt sich ihre Referenzen selber, und es ist völlig egal, wie lächerlich diese sind, weil man genau weiß, wie unwichtig der „wissenschaftliche“ Studienkram für die Anhänger des jeweilgen Verfahrens ist.
    Dass solche Studien zerlegt werden, kalkuliert die Branche mit ein, dass durch diese Studien, die im Grunde nur ein Parodie wissenschaftlichen Arbeitens sind, auf Dauer das Vertrauen in den wissenschaftlichen Erkenntnisweg nachhaltig zerstört wird, ebenfalls.

    Genau deswegen ist diese Verhalten nicht nur dumm, sondern auch böse und zynisch.

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    1. Wenn man sich einmal etwas mit Homöopathie beschäftigt, ist der Vorwurf, diese aus Laiensicht zu betrachten geradezu grotesk. Die Prinzipien lassen sich jedem 12jährigen in kurzer Zeit beibringen. Den Profi unterscheidet vom Laien das „Wissen“ um hunderte „Symptome“ und tausende Namen von Mittelchen. Homöopathie ist eine Laienmethode, um sie zu kritisieren reicht Laienwissen aus.

      Zum Thema Reiki habe ich nur diesen Link beizutragen:
      http://www.taz.de/!73210/

      Was die Motivation der Befürworter angeht, unterstelle ich den meisten von denen gute Absichten. Das macht die Sache nicht besser, nur meine Stimmung.

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