Ein rasender Reporter namens Bürger

Der italienische Wutbürger bekommt von der Tageszeitung la Repubblica Möglichkeiten – zu reagieren oder sich abzureagieren

Gehen den Tageszeitungen die Leser aus? Wollen sie das Publikum enger an sich binden? Oder dessen Stimme aufnehmen, die ja die ist, für die geschrieben wird? La Repubblica, zweitgrößtes Tagesblatt Italiens mit linksliberaler Ausrichtung, hat vor einigen Monaten diese Fragen aufgeworfen und jetzt für sich beantwortet.

Mit der Rubrik „RE Le Inchieste“ (RE Die Untersuchungen) wurde im vergangenen April mit der Veröffentlichung von Dossiers begonnen, die im Paper und online thematisch zusammenhängende Artikel auch visuell zusammenfassen. In „Guantanamo, Italien“ vom Juni ging es um 57 Tunesier in einem sogenannten „Centro di Identificazione e Espulsione“ (Zentrum für Identifizierung und Ausweisung, CEI) im süditalienischen Palazzo San Gervasio. Innenminister Maroni hatte Presse und selbst Anwälten der wie Häftlinge gehaltenen Flüchtlinge aus dem tunesischen Bürgerkrieg den Zugang untersagt. Einer Reporterin war es gelungen, Kontakt mit den Insassen aufzunehmen, die ihr einen Film über die Zustände zuspielten, gedreht mit einem Videohandy.

Dort entlang, wo der Italiener seine eigenen Probleme hat, nämlich vor den eigenen Haustüren, hat sich eine Artikelserie über die „Geisterhäuser“ entwickelt – „tote Städte, leere Fabrikhallen, aufgegebene Gleise und Bergwerke, Relikte zu Land und auf dem Wasser“. Diese „Karte der verlorenen Orte“ zog sich über 26 Folgen multimedial hin, bereist und bearbeitet von dem Journalisten Paolo Rumiz. Seine Etappen hatte er auf der Grundlage eines Aufrufs der Zeitung an das Publikum festgelegt, Geschichte und Geschichten vorzuschlagen, um sie dem Vergessen zu entreißen.

Als am 30. Juli Giuseppe D’Avanzo im Alter von 57 Jahren starb, war das für Repubblica ein schwerer Schlag. Denn mit ihm war einer der engagiertesten Enthüllungsjournalisten verschwunden. Er war der Macher der „10 Fragen an Silvio Berlusconi“, seine Redaktion als hatte als erste die elende Verquickung zwischen Sex, Crime und Politik unter der Ägide des Ministerpräsidenten aufgedeckt. Weswegen die Zeitung nicht nur auf die fantastische Summe von 1 Million Euro Schadensersatz verklagt worden war (sie wurde kürzlich in erster Instanz abgewiesen), sondern auch eine furiose Steigerung der Auflage erfuhr. Und D’Avanzo hatte die Einführung der „Inchieste“ angeschoben.

Der Bürger als Enthüllungsjournalist?

Mit dem jüngsten Aufruf des Blattes, Themen für Dossiers vorzuschlagen und daran aktiv teilzunehmen, greift la Repubblica ein Befinden auf. Die „Indignados“, die Empörten der Porta del Sol vom Mai in Madrid sind in den vergangenen Monaten weltweit anzutreffen – ob auf den Plätzen in Griechenland, den Zeltansammlungen im Zentrum von Tel Aviv oder nun mitten in New York. Die Empörung im Kleinen, dort wo sich der alltägliche Frust ansammelt, bleibt angesichts der Größe der Themen meist außen vor. Der Abgeordnete, der mit dem Dienstfahrzeug in eine für den Autoverkehr gesperrte Zone einfährt und im Halteverbot parkt, um sich Wurst für den Mittagstisch beim Feinkosthändler zu holen; der Fahrer eines öffentlichen Busses, der mit den Ellbogen lenkt, während er mit zwei Handys oder einem iPad hantiert; ein Müllfahrzeug, das den Inhalt nicht auf der Deponie sondern auf einem öffentlichen Platz in der Peripherie von Neapel ablädt (um nicht identifiziert zu werden, hatten die Fahrer die Kennzeichen verdeckt): Das sind Geschichten, die in 60 Sekunden per Handyvideo aufgenommen und weit mehr sind als nur Aufregung. Sie sind Symptome einer alltäglichen Malaise, die festgehalten werden und sich zu einem Bild komplettieren.

Die Leerstelle, die D’Avanzo hinterlassen hat, wird von dem „Bürger, der sich auflehnt“, nicht ausgefüllt werden. Das ist auch nicht die Intention des Blattes, das sich selbstkritisch mit der Beteiligung des Citizien Journalist auseinandersetzt. Wo von den einen „ein neues Vertrauen in Zeitungen als zentralem Publikationsort“ erkannt wird, bleiben die Verfechter der Blogosphäre skeptisch und betonen die Funktion der „zivilen Netze der Bürger, die sich dessen bewusst sind, was sie für richtig oder falsch halten, wie auf die Übergriffe auf zivile und vernetzte Art zu antworten ist, die schlussendlich bereit sind, selbst etwas zu tun und aufzubauen.“

La Repubblica hat einen eigenen Zugang geschaffen, über den Material bis hin zum Kurzfilm eingereicht werden kann. Die Redaktion entscheidet, ob dies als stand-alone Eingang findet, professionell bearbeitet wird oder schließlich zu weiterführenden Dossiers ausgearbeitet werden wird. Ein sehr einfaches, unverkopftes Open-Leak. Ausgang ungewiss, aber ungemein spannend. e2m

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