Enzyklopädisches Wissen

Posted on 6. Oktober 2011 von

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Die Selbstknebelungsaktion von it.wikipedia.org bringt Werbung für Standards, über die sich keiner freut

Was kostet die Welt? Im Grunde neu um die 13.000 Euro. Das ist der Preis für die Gesamtausgabe der italienischen Enzyklopädie Treccani. Selbst gebraucht wird sie nebst Nachlieferungen (als 65-bändige Ausgabe) noch für 5.000 Euro angeboten. Darin ist dann alles versammelt, was wissenswert ist oder erscheint. Mehr noch: Sie ist von wirklichen Experten geschrieben.

Der Meinung ist jedenfalls Alberto di Majo, Journalist der römischen Tageszeitung Il Tempo und titelt „Wikipedia protestiert? Umso besser, dafür gibt es Treccani“. Seine steile These: „Die Enzyklopädie im Web, von den Lesern geschrieben und modifiziert, voller grober Schnitzer und unsicherer Quellen, hat schon Gelehrte erblassen lassen, Akademiker erschreckt und Studenten auf falsche Fährten gelockt, die dachten, eine Treccani in Reichweite ihrer Maus gefunden zu haben.“ Den Aufruf von it.wirkipedia.org („Unsere Stimme ist auch die Deine) versieht di Majo mit dem Zuruf: „Einverstanden, aber wäre es nicht besser, maßgebliche Stimmen zu verbreiten? Entstauben wir die Treccani.“

Nun darf man sich gewiss sein, dass das Verlagshaus des Werkes über die Intervention nicht wirklich glücklich sein dürfte. Denn über das Netz bietet es nicht nur den Verkauf des Werkes an, sondern offeriert in erheblichen Teilen dieses Wissen auch gratis. Und nimmt dabei Wikipedia so ernst, dass es der online-Konkurrenz einen eigenen Eintrag widmet. Zur Stunde ist nicht nachprüfbar, ob diese Courtoisie erwidert wird,  it.wikipedia.org hat nach wie vor alle Inhalte dem Zugriff des Publikums entzogen. Der Vergleich in Qualität und Maßgeblichkeit wird sicher später möglich sein. Jeder kann sich seit einigen Minuten wieder ein Bild davon machen, ob und wie maßgeblich it.wikipedia.org die Courtoisie erwidert.

Wer einen solchen Fürsprecher hat, braucht keine Feinde mehr. Das wird klar, sobald man wikio.it konsultiert und die Häme liest, mit der der Artikel von di Majo (üblicherweise Politikkolumnist) überschüttet wird. Beppe Grillo, wie immer leicht ketzerisch, hat gleich ein Screen-Shot ins Netz gesetzt, auf dem der Hauptsponsor der Treccani deren Eingangsseite im Netz beherrscht: ENI, der halbstaatliche Energieversorger mit der Parole „Innovation ist ein Wort um sich Zukunft vorzustellen“. Aha.

Auch Umberto Eco hat sich schon mit Wikipedia auseinander gesetzt. Nicht nur in einem lesenswerten Interview vom 11. Mai 2010 (englisch), sondern erst recht in einem seiner Streichholzbriefe, die dem Publikum gratis über die Seite von l’Espresso angeboten werden. Herrlich ironisch setzt er sich mit der Tatsache auseinander, dass die ihm gewidmete italienische Seite immer wieder einmal mit Falschmeldungen aufwartet, etwa dass er 12 Geschwister habe. Der Kern aber bleiben folgende Sätze: „Wie weit kann man sich also auf Wikipedia verlassen? Ich sage gleich, dass ich mich darauf verlassen, weil ich sie wie ein professioneller Forscher nutze: Ich schlage zu einem bestimmten Thema bei Wikipedia nach und dann vergleiche ich das Ergebnis mit zwei oder drei anderen Internetseiten.“ Von jemandem, der maßgeblich am Aufbau der multimedialen Bibliothek von Bologna beteiligt war, als diese im Jahr 2000 zur Kulturhauptstadt Europas gekürt war, darf man so etwas erwarten.

Muss erst betont werden, dass die Tageszeitung Il Tempo regierungsnah ist und mit dem Artikel für die Leute, wenn sie mit eigener Stimme schreiben, nur Spott und Hohn übrig hat? Dass natürlich maßgeblich immer nur das ist, was altbekannt, bewährt und vor allem von Autoritäten geschrieben? Autoritarismus hat immer viele Gesichter und Namen, vor allem, wenn er seine Stunde gekommen sieht. 2011/10/06 die Ausrufer – e2m