Hallo? Aufwachen!

Entgegen aller Unkenrufe ist die italienische Jugend keine no-future-Generation, aber sie sieht sich zunehmend um ihre Zukunft gebracht – ein Tagesbericht

Gibt es Schrilleres als ein paar hundert Wecker bei Sonnenaufgang nach durchzechter Nacht? Das haben sich heute Schüler und Studenten in Rom gedacht, die sich bei Morgengrauen vor Palazzo Chigi, dem Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten versammelt haben. Ob sie auch Silvio Berlusconi gehört hat, ist unbekannt. Er hat sich am Vormittag zur Geburtstagsfeier seines Duzfreundes Vladimir Putin verabschiedet.

Die Utensilien, die morgens zum Ernst des Lebens rufen, haben dafür einen Tag eingeläutet, der in 90 verschiedenen Orten über ganz Italien verstreut  Protest auf den Straßen vorsieht. Aufgerufen hat sie la Rete degli Studenti, das Netzwerk der Lernenden, das nicht nur Studenten, sondern auch Schüler, Lehrer und Professoren umfasst. „40% der Schulgebäude haben keine nachgewiesene Statikabnahme, 29% der Jugendlichen sind arbeitslos, Stipendien und sonstige Zuwendungen an Studierende sind von der Regierung um 94,75 gekürzt worden“. Das sind einige der Eckdaten, mit denen die Proteste und damit auch die Abwesenheit vom Unterricht gerechtfertigt werden. Sie stehen nun als scharfer Kontrast zur Veröffentlichung des statistischen Amtes ISTAT vom Mai, die deutsche Medien von „Muttersöhnchen“ oder „Bei Mama ist es am schönsten“ berichten ließ.

Die Reform Gelmini

Die Malaise geht freilich noch tiefer und hat einen Namen: Mariastella Gelmini, seit 2008 Bildungsministerin. Die Juristin, spezialisiert auf Verwaltungsrecht, hatte zu Beginn ihrer Amtszeit eine Schulreform durchgesetzt, die vor allem Sparsamkeit verordnet hat. In den Grundschulen wurde wieder das Prinzip des Alleinlehrers eingeführt, die Benotung mit Dezimalnoten statt mit Bewertungen zurück geholt und die Betragensnote für Schulzeugnisse aus der Versenkung geholt.

Seitdem sind, ohne dass demographische Gründe vorgelegen hätten, 10.617 Klassen an Schulen weggefallen, 87.400 Lehrstühle und –stellen sowie 25.000 solche für Aushilfslehrer. Ende 2011 werden weitere 14.000 nichtpädagogische Kräfte gestrichen sein: Pedelle, Reinigungskräfte, Techniker. Die Nachrichten über Klassen mit mehr als 50 Schülern sind seit zwei Jahren beständiger Begleiter zur Eröffnung des Schuljahres. Eltern werden angehalten, den Kindern Toilettenpapier mitzugeben, weil sich die Einrichtungen dies nicht mehr leisten können.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Pünktlich zu Beginn der heutigen Proteste wurde bekannt, dass das von Gelmini geführte Ministerium selbst über keine schulische Expertise mehr verfügt. Zu einem Wettbewerb zur Besetzung von 2.386 Rektorenstellen waren die 5.750 in Betracht kommenden Fragen auf der Internetpräsenz www.miur.it veröffentlicht worden. Trotz des Hinweises auf zahlreiche Sachfehler in den Fragestellungen sprach die Ministerin lediglich von „einigen vernachlässigenswerten Details“. Bei der Neuveröffentlichung heute Morgen waren 975 der Fragen verschwunden. 42.000 Prätendenten hatten sich also 4 Wochen lang mit einem Katalog beschäftigt, der zu 1/5 falsch war.

Angesichts der schlichten Ignoranz wird die paternalistische Hand im Schul- wie Hochschulwesen noch unerträglicher. Denn mit der Reform ist auch den Universitäten gutes Betragen verordnet worden: Verschlankung der Strukturen bedeutete die Überführung universitärer Selbstverwaltung in die Abhängigkeit vom ministeriellen Geldgeber in Rom. Die Vetternwirtschaft bei der Besetzung von Assistenten- und Forschungsstellen, die als Grund für die Maßnahmen genannt worden waren, sind dabei freilich nicht ausgedünnt worden. Eine studentische Selbstverwaltung ist in einem solchen Kontext ohnehin obsolet.

Die Austrocknung des Öffentlichen

Dafür gäbe es letzten Zählungen zufolge nur noch rund 40.000 studentische Unterbringungen in öffentlicher Verwaltung. Die öffentliche Investitionen in das studentische Welfare sei durch die neuesten Sparbeschlüsse um 95% gekürzt worden, so die Organisatoren der Proteste. Lernen sei in drei Jahren definitiv ein Privileg von Reichen geworden. Das gilt auch für die Grundschulen. Die Lehrmittelfreiheit, in Art. 34 Absatz 2 der italienischen Verfassung garantiert, wird über Sparanordnungen ausgehöhlt: Rom überweist keine Gelder mehr an die  Kommunen, die die Last zu tragen haben, aber selbst über keine Mittel mehr verfügen. Hängen bleibt es an den Familien, die sich Bücher nicht mehr leisten können.

Dass die Kürzungen als unmittelbare Folge der Bekanntmachung von Rating-Agenturen wie Standard & Poor’s zur Bonität Italiens angesehen werden, zeigt der Verlauf der Proteste in Mailand (Video, Fotos). Dort wurden das Büro von Moody’s sowie einige Banken Gegenstand gezielter Aktionen. In Rom wurde die genehmigte Strecke verlassen, um über den Lungotevere, der innerstädtischen Hauptverkehrsader entlang des Tibers den Berufsverkehr lahm zu legen. Social Media und Twitter koordinieren und verbinden die verschiedenen Orte und unterschiedlichen Ziele zu einer gemeinsamen Plattform.

Der Zusammenhang zwischen der Klientelpolitik Berlusconis, die immer mehr zur reinen Fiskalität verkommt und der Austrockung der eigenen Zukunft, sind der Schlüssel, die dabei verwendeten Parolen zu verstehen. Die Triebfeder aber ist eine andere. Sie ist die gleiche wie bei den Indignados auf der ganzen Welt: Ora fate i conti con noi – Ab jetzt müsst ihr mit uns rechnen. e2m

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