#15ott

Occupy Rom war weder anders noch innovativ, weder bunt noch fröhlich; was von einem zerplatzten Traum bleibt

Bei der Demo zerstörte Madonnenfigur#15ott ist der Hashtag, um die Timeline auf Twitter zu den gestrigen Demonstrationen in Italien zu verfolgen. Wie auch anderswo auf der Welt waren es Empörte, hier die Indignati, die sich gestern versammelt haben, die das Wort „Occupy“ an und in der Innenstadt Roms demonstrieren wollten; sich die Anonymous-Maske aus dem dystopischen „V wie Vendetta“ übergezogen haben als Sinnbild für 99% der Menschen, die von den Folgen von Politik betroffen sind.

Aber nicht sie haben die Nachrichten des Tagesgeprägt, obwohl sich in der Hauptstadt Italiens mehr als 100.000 (manche sprechen von einer halben Million) Frau Bianchi oder Herr Rossi versammelt hatten. Die sogenannten „Black Bloc“ im schwarzen Outfit von der Hose bis zum Helm haben aus der Mitte des friedlichen Protestes alles angegriffen, was sich auf ihrem Weg befunden hat: Gebäude, Fahrzeuge, Polizei. Die Bilder, die nun um die Welt gehen, gleichen denen vom G8-Gipfel vom Januar 2001 in Genua aufs Haar. Polizeibeamte in Blau, etwas martialischer ausgerüstet als die Leute in Schwarz, geben sich nichts: Wo das Tränengas nicht zur Hand war, haben auch sie mit Steinen (zurück-)geworfen.

Mit einem Unterschied: Aus der anonymen Menge haben sich laute Proteste gegen die Gewalt erhoben. Zum Ruf von „Faschisten, Faschisten“ und „Clowns, raus aus unserer Demo“ wurden einzelne vermummte Gewalttätige von Umstehenden in die Enge getrieben und der Polizei übergeben.

Wer an Inszenierungen denken will, hat einen Tag danach genug Material für Vermutungen. Im Vorfeld hatten nicht nur Politiker unterschiedlicher Couleur ihrer „Hoffnung Ausdruck verliehen, die Demonstrationen mögen friedlich bleiben“. Dem Wunsch hatte sich auch der frisch installierte EZB-Präsident, der Italiener  Mario Draghi nur Stunden vor den Protesten angeschlossen.  Dass etwas im Busch war, hatte sich also herumgesprochen. Die Fragestellung ist dementsprechend: Wurden die Ordnungskräfte nur nicht Herr der Lage oder waren die Bilder der Zerstörung am Ende des Tages durchaus gewollt und wenn ja, von wem?

Gewalt ist etwas, was sich in der alltäglichen Sprache von Politik bereits seit Jahren etabliert hat. Allen voran Ministerpräsident Silvio Berlusconi lässt keine Gelegenheit aus, von einem „aufrührerischen Plan“ der „linken Presse“ Hand in Hand mit „roten Roben der Justiz“ zu sprechen. Erst am vergangenen Freitag, nachdem ihm das Abgeordnetenhaus im Parlament das Vertrauen ausgesprochen hatte, bekundete er, damit „einen bürokratischen Staatsstreich abgewendet“ zu haben. Den hatte er darin gesehen, dass ihm das Parlament die Entlastung für den Etat 2010 verweigert und damit gleichzeitig die Gesetzgebung für den Etat 2011/2012 blockiert hatte; in ihr wären unter anderem die Normen enthalten, die den Italienern ein Sparprogramm von mehr als 100 Milliarden Euro aufnötigt.

Gewalt der Sprache als Wegbereiter

Es ist auch eine Sprache, die vom Norden des Landes aus alles Fremde gerne „zum Teufel jagen“ würde. Die Xenophobie der Lega Nord, transportiert über ihre Zeitungen (vereint im Netzwerk padanialibera.org) und via Radio Padania Libera (auch im Netz), kennt keine Grenzen, weder gegenüber Menschen anderer Provenienz noch solchen anderer Ansicht. Im Jahr 150 der Einheit Italiens ist das Dictum von Umberto Bossi zum geflügelten Wort mutiert: „Jedes Mal, wenn ich die Tricolore sehe, werde ich wütend. Mit der Tricolore wische ich mir den Arsch ab.“ Bossi ist seit mehr als 20 Jahren Chef der Lega, über vier Legislaturen Regierungspartner von Berlusconi und zum zweiten Mal dessen „Minister für institutionelle Reformen“. Eine Sprache, die als Propädeutikum wirkt.

Dass sich angesichts dessen die Stimmen einen Tag danach zwischen den Extremen „die Gewalt der Vermummten“ und „in einem verzweifelten Land“ einpendeln, kann nicht verwundern. Und es verstört auch kaum mehr, dass Verletzte unter den Demonstranten von Sicherheitskräften bis hinein in die Hospitäler verfolgt wurden, um während der Aufnahme erkennungsdienstlichen Maßnahmen unterworfen zu werden. Denn die „Jagd auf Teilnehmer“ besorgt die Zivilgesellschaft selbst. Die Timeline bei Twitter zeugt davon, dass Unvermummte „an den Pranger gestellt“ gehören, „identifiziert und der Polizei übergeben“. Die „wahre Empörung: In Italien die schlechteste Demo Europas“. „Berlusconi beneidet die Black Blocs: Was er in 17 Jahren nicht geschafft hat, haben sie an einem Tag, Italien zu zerstören.“ V wie Vendetta, das auf Italienisch Bedeutung besitzt und sich nicht neutral vernehmen lässt wie Hashtag oder Timeline oder Occupy.

Rom, die ewige Stadt, die Keimzelle zweier Imperien, Unterschriftsort für die europäischen Verträge, Sitz von Politik, die von einem Unternehmer ausgeübt wird, der das Land wie seine Unternehmungen führt – diese Stadt ist heute Morgen in Trümmern erwacht. Das gilt auch für die Träume eines caput mundi. Die Ausrufer – e2m

5 Gedanken zu “#15ott

  1. Hallo Ad,
    ich war in Traunstein auf der Occupy-Traunstein Veranstaltung.
    Wer Traunstein nicht kennt kurz zur Info:
    Traunstein ist das wichtigste Finanzzentrum zwischen Wolkersdorf und Hufschlag!
    Die waren friedlich, allerdings war´s wie erwartet im Rückblick nicht ohne Realsatire, wie befürchtet!
    Im Grunde was eine Demo gegen alles: Banken, Staat, Atomkraft, Gentechnik, Demokratie und das Gegenteil davon…
    Wir leben im Zeitalter des Facebook-Empörismus, Halleluia, sog i.

    See You, Jemseneier

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    1. Auch in Rom war alles dabei: Gewerkschaften gegen Aushöhlung des Arbeitsrechts, Schüler und Studenten gegen Sparkurs bei der Bildung, Rentner wegen der Pensionen .. und überhaupt. Aber Rom ist nicht Traunstein: TS ist ein Landkreis, der zu den „geldigsten“ in Deutschland zählt, so von wegen Wohlstand. Der Chiemgau, dieses vor der A8 noch Armenhaus zu nennende Häuflein Kloahäusler, ist heute, nach weiteren zwei Generationen, gediegen und satt. Wer hat da eigentlich die Stimme an den Mikrophonen am Stadtplatz erhoben?

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  2. „erhoben“ haben sich auch die „Gediegenen“ und „Satten“.
    Die meisten Redner hatten die „Erwerbsphase“ im Grunde hinter sich,
    brauchen daher zu wirtschaftlichen Fragen keinen Gedanken verschwenden.

    Ich hab´mich die letze Zeit auch ein wenig beschäftigt, mit der Geschichte der Strassen und des Transportwesens im Chiemgau: Soleleitung…Eisenbahn…Autobahn.
    Die wirtschaftliche Entwicklung in der Gegend hing maßgeblich an der Entwicklung der Transportwege ab, so viel anders ist das heute auch nicht…

    Gab auch Redner von der Firma Greenpeace.
    Was die jetzt mit der Bankengeschichte zu tun hat, weiß ich nicht, aber es entspricht der Logik dieser Gradrausigen.
    Im Grunde war es eine Veranstaltung gegen alles. …auch gegen den Chiemgau.

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